Der ConQuest of Mythodea lockt Tausende

Live-Rollenspiel : Eine Welt in der du sein kannst, wer du willst

Einmal im Jahr verwandelt sich ein niedersächsisches Dörfchen in ein Land voller Ritterinnen, Zauberer und Schurken. WirHier hat sich das einmal angesehen.

Es ist kurz nach sechs, als ich das erste Mal von meinem Nachtlager aufstehe. Die Sonne streckt ihre ersten Strahlen über die Baumwipfel. Nebel wabert um die weißen Zeltspitzen. Das Gras ist feucht vom Tau. Um diese Zeit ist Mythodea ein friedliches Land.

Kaum zu glauben, dass in dieser Idylle wenig später eine Schlacht toben wird. Auf der einen Seite: ein zusammengewürfelter Haufen von Helden, auf der anderen Seite: die Armee der Untoten. Und ich bin mittendrin, stehe ein paar Meter hinter der Schlachtreihe, den Stab mit dem leuchtenden Totenkopf fest in der Hand. Weiter vorne kämpfen vier Söldner aus meiner Gruppe gegen die Untoten. Unser heilkundiger Alchemist wartet am Schlachtfeldrand. Ich bin gut an meinem roten Turban zu erkennen und bereite einen Zauberspruch vor: Sollte mir einer dieser Untoten zu nahe kommen, verwandle ich ihn in Stein. das Banner der Untoten flattert im Wind.

Ich fühle mich wohl. Die mittelalterlichen Waffen, die einige Meter vor mir aufeinandertreffen und die Pfeile, die durch die Luft fliegen, sind aus einem Polstermaterial. Das mystische Land Mythodea sind ein paar Kuh- und Pferdewiesen in Niedersachsen, die Untoten vor mir verkleidete Menschen. Denn alles hier ist ein großes Spiel – mit insgesamt rund 9600 Mitspielern.

Eine phantastische Welt

Die Veranstaltung, auf der ich mich befinde, ist der „ConQuest of Mythodea“, was auf Deutsch so viel heißt wie „Die Eroberung von Mythodea“. Es ist das weltgrößte „Live-Action-Rollenspiel“ (Larp) seiner Art. Ein was?

Manche sagen, dass ein Larp ein Improvisationstheater ohne Zuschauer ist. Doch so ganz stimmt das nicht. Wie das Ganze funktioniert, lässt sich anhand der populären Krimidinner gut beschreiben: Bei einem Krimidinner, das in aller Regel nur wenige Stunden dauert, bekommt jeder Teilnehmer eine Rolle zugeteilt, die er für den entsprechenden Zeitraum darstellt. Dazu gehören Informationskärtchen, die beschreiben, wie der Mitspieler die Rolle verkörpern soll und welche Informationen er preisgeben muss. Wie der Name schon sagt, spielen die Teilnehmer meistens einen Kriminalfall nach. Ein Larp funktioniert ähnlich, und doch etwas anders. Die Spielhandlung ist meistens in eine phantastische Welt eingebettet. Zugeschriebene Rollen mit Informationskärtchen gibt es nur selten. Die Teilnehmer gestalten in der Mehrzahl ihre Rollen – im Larp Charaktere genannt – selbst. Jeder muss sich überlegen, wie sich der Charakter, den er verkörpert, verhält, woher er kommt, was er kann.

Jeder kann sein, was er will – zu beachten sind nur die Grenzen der bespielten Welt. Dazu kommt die Darstellbarkeit: Ich kann natürlich nicht zaubern, spiele aber eine Totenbeschwörerin namens Beychaliben – kurz „Bey“. Und Bey kann zaubern. Um einen Zauber darzustellen, greife ich auf sogenannte Komponenten zurück. Für Feuerbälle werden bemalte Schaumstoffkugeln genutzt, für einen Lähmungszauber ein eindeutiger Spruch. Mein Gegner tut so, als könnte ich zaubern, und ich tue so, als täte der Treffer mit dem Schaumstoffschwert weh.

Zauberer sind auf dem „ConQuest“ nicht das Exotischste. Mir begegnen Orks, Elfen und aufrechtgehende Katzen. Eine solche Kreatur spielt Andreas (28). Hier in Mythodea ist er der Goblin Kurk von Wurmtal, eine hunzelige Gestalt mit einer enervierend hohen Stimme. Vor sechs Jahren fuhren er und sein Bruder das erste Mal zum „ConQuest“. Sie hatten im Internet ein Video gesehen und sich gedacht: „Das sieht aus wie bei ,Der Herr der Ringe’, nur in echt.“ Sie sind gekommen – und geblieben. Das geht vielen so. Auch ich schlage schon länger meine Zelte auf den Wiesen auf. 2019 ist mein zwölftes Jahr in Mythodea, nicht immer stand ich auf der Seite der „Guten“. Viele Jahre lang verkörperte ich eine Untote. Damit gehörte ich zu den sogenannten Nicht-Spieler-Charakteren, die von den Organisatoren, der Spielleitung, gesteuert werden. Wir hatten Dienstpläne, und uns wurde gesagt, wie wir die Figuren zu verkörpern hatten.

Mittlerweile fahre ich mit meiner Gruppe als Spieler zum ConQuest. Das bedeutet, dass wir mehr Freiheiten haben, sowohl in der Wahl unserer Charaktere als auch in der Gestaltung unserer Zeit. Wir sind zu Sechst: Die Söldner Ingolfur, Darek, Rahn und Ella, der Alchemisten Damian und ich.

Auf dem Schlachtfeld treffen die Helden (links) auf die Antagonisten (rechts). Foto: dpa/Peter Steffen

Wir sind zwischen 27 und 34 Jahren alt, vier Männer, zwei Frauen und sind damit ziemlich durchschnittlich. Laut einer Umfrage des Online-Magazins „teilzeithelden“ sind Larper im Schnitt 32 Jahre alt, rund 58 Prozent sind Männer. Wie viele Menschen in Deutschland larpen, ist schwer zu sagen. Schätzungen schwanken laut „teilzeithelden“ zwischen 20.000 und 60.000 Spielern. Nur ein Bruchteil davon ist in Verbänden oder Vereinen organisiert. Längst ist Larpen auch kein Hobby mehr für eine eingeschworene Gemeinschaft oder junge Menschen: „Das Hobby „Larp“ kommt immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an. Auch stellen wir fest, dass mehr und mehr Familien mit Kindern unsere Veranstaltungen besuchen“, schreibt die Firma Live-Adventure, die den „ConQuest“ seit 2002 veranstaltet, zunächst allerdings noch unter anderem Namen. Damals kamen rund 1500 Teilnehmer. Larps finden in Deutschland das ganze Jahr über statt. Wie viele es gibt, ist kaum feststellbar. Das liegt daran, dass es keine zentrale Anlaufstelle für Larper gibt. Veranstaltungen verbreiten sich über Facebook, Szene-Zeitschriften wie die „LarpZeit“ oder Internetseiten wie „Thilo Wagners Larpkalender.

In der Badewanne des Mittelalters

Am zweiten Tag des Sommerfeldzugs, wie es in der Sprache des „ConQuest“ heißt, kehren wir der Schlacht den Rücken und wenden uns gemütlicheren Aktivitäten zu.

Wir gehen in den Zuber. Salopp formuliert: die Badewanne des Mittelalters. Wir steigen nackt in den mit warmen Wasser gefüllten Holzbottich. Musikant Fip, die Flasche, singt für uns über Meerjungfrauen.

Im Larp geht es nicht nur um das Kämpfen und die Schlacht und das zeigt der „ConQuest“ besonders gut. Denn es gibt auch den sogenannten Tross. Hier befindet sich auch der Zuber. Der Tross ist wie eine kleine Stadt organisiert, inklusive einer korrupten Stadtwache, Ganoven, Bordellen und Tavernen. Abends finde ich es hier am schönsten. Es treten Feuertänzer auf, jonglieren mit brennenden Fackeln, und überall ist Musik zu hören. Es geht nicht um die Rettung der Welt, sondern um die alltäglichen Dinge. 

Andreas spielt auf dem ConQuest of Mythodea 2019, dem weltweit größten Live-Rollenspiel seiner Art, den Goblin Kurk von Wurmtal. Foto: Live-Adventure/Eva Johanna Onkels

Auch mitten in der Nacht ist im Tross noch viel los. Auf dem Rückweg zum Lager rennt plötzlich ein Mensch mit einem Seil in der Hand um Damian und mich herum. Sekunden später stehen wir aneinandergebunden auf dem Sandweg und werden ins Teehaus „Al Kabir“ gezogen. Uns tun die Füße weh und spät ist es auch, aber der Chai-Tee riecht einfach zu verführerisch, um uns gegen die Fesseln zu wehren. Außerdem wäre es kein schönes Spiel, wie es im Larp heißt, zu sagen: „Nein, wir haben keine Lust.“ Also setzen wir uns auf die Teppiche und trinken zwei Gläser Tee. Dieser wird nicht in Euro, sondern in Kupfermünzen bezahlt. Das gilt nicht für alles, was im Tross gekauft werden kann, aber für viele „kleine Dinge“, die das Spiel bereichern.

Auch beim Teetrinken bleiben wir „in der Rolle.“ Das Spiel läuft rund um die Uhr. Zonen, in denen nicht gespielt wird, sind das Zelt der Sanitäter, die privaten Zelte, die Trinkwasserstationen und die sanitären Anlagen, denn selbstverständlich gibt es genügend Duschen und Toiletten.

Es ist anstrengend, über mehrere Tage eine andere Person zu sein, auch wenn Bey und ich einige grobe Charakterzüge teilen. Das macht es mir einfacher, den Charakter zu verkörpern und in unerwarteten Situationen passend zu reagieren. Nach einigen Stunden im Spiel funktioniert das meist auch gut: Dann vergesse ich den Zaun, den Feldweg und sogar das Quad, auf dem ein Sanitäter Richtung Parkplatz davon fährt. Ich nehme diese Realität nicht mehr richtig wahr. Das ist ein befreiendes Gefühl, denn in solchen Momenten vergesse ich auch alle Alltagssorgen. Manchmal gerate auch ich als routinierte Teilnehmerin so tief ins Spiel, dass es wichtig ist, mir vor Augen zu halten, dass alles nur ein Spiel ist. Das gilt auch für den Baron, der unseren Sold nicht zahlen will. Zunächst bin ich sehr wütend auf den betrügerischen Adeligen, rückblickend hingegen mag ich sein konsequentes Charakterspiel.

Captain Okona Rabenzunge, Samuel Gunzenberg und Cru verkaufen auf dem ConQuest of Mythodea an einem eigenen Stand Seife gegen Kupfer. Foto: Live-Adventure/Eva Johanna Onkels

Noch wichtiger ist es, die Realität in den Schlachten nicht zu vergessen. Denn am Ende des Tages ist der Gegner eben nur in der eigenen Fantasie ein Gegner. Auch die Untoten sind Mitspieler, und sie sind da, um uns die Heldenerlebnisse zu ermöglichen, nach denen wir uns sehnen.

Am vierten Tag des Sommerfeldzuges ziehen wir alle noch ein letztes Mal für dieses Jahr auf das Schlachtfeld hinaus. Wir haben eine besondere Aufgabe bekommen. Wir sollen ein gesegnetes Gefäß zu einer Person bringen, von der wir nicht so richtig wissen, ob sie zu den „Guten“ oder den „Bösen“ gehört. Ein bisschen mulmig ist mir schon, als ich hinter die feindlichen Schlachtreihen trete, um das Gefäß zu übergeben. Jederzeit könnte mir jemand in den Rücken fallen. Doch am Ende geht alles gut aus. Die Helden gewinnen die Schlacht und ich kann unbeschadet mein Gefäß übergeben. Die Konsequenzen werde ich erst im nächsten Jahr erfahren, denn der „ConQuest“ erzählt eine fortlaufende Geschichte.

Am Abend sitzen wir gemütlich in einer Taverne im Tross, trinken Honigwein und reden über alles, was wir erlebt haben. Währenddessen tanzen Musiker auf den Tischen, ein letztes Mal wird gemeinsam gefeiert. Morgen heißt es dann: zurück in das irdische Jahr 2019.

Anders als viele anderen Großveranstaltungen ist der „ConQuest“ sauber. Es bleibt kaum Müll liegen. Das liegt daran, dass die Spielleitung streng kontrolliert, ob die Zeltplätze aufgeräumt sind. Nur dann gibt es für den Fahrer einen Stempel. Ohne diesen darf er sein Auto nicht vom Parkplatz holen. Das Verfahren funktioniert seit Jahren: Der Müll landet in den Containern, übriggebliebene Nahrungsmittel können an die örtliche Tafel gespendet werden, Leergut an die Sanitäter. Einige Tage später sind nur noch Trampelpfade übrig. Wenn jetzt die Sonne aufgeht, grasen auf den Wiesen wieder Pferde und Kühe. Mythodea ist fort.

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