Aachen: Das Feuer der 68er-Rebellion an den Universitäten ist erloschen

Aachen : Das Feuer der 68er-Rebellion an den Universitäten ist erloschen

Zwei Generationen, ein Standpunkt: Professor Jürgen Egyptien und Student Nico Biermanns sprechen über ihre Sicht auf die Studenten von heute

1968 — das Jahr der sexuellen Befreiung, der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King und für damalige Studenten vor allem das Jahr, in dem die westdeutsche Studentenbewegung ihren Höhepunkt erlangte. Tausende junger Menschen gingen seinerzeit auf die Straßen, um die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, die „Entfaschisierung“ der Polizei und eine grundlegende Bildungsreform an den Hochschulen zu fordern. Dreißig Jahre später sieht es anders aus an den deutschen Hochschulen. Von Revolution ist nicht mehr viel zu spüren. Gehört der Drang zur Veränderung der Vergangenheit an?

Nico Biermanns glaubt schon. Der 25-jährige Aachener studiert Deutsch und Geschichte an der RWTH auf Lehramt. In dem Seminar „Literatur im Jahr 1968“ befassen er und seine Kommilitonen sich mit Lyrik aus dem Jahr der Revolte; zu den besprochenen Stücken gehören Werke der Autoren Uwe Timm, Ulla Hahn und Herbert Marcuse. Texte, mit denen die Studenten nicht immer etwas anzufangen wissen. „Das Seminar zeigt, wie fremd die revolutionäre Spontaneität den heutigen Studenten ist“, sagt Biermanns.

Er selbst interessiert sich zwar für die 68er-Bewegung, damit gehört er aber zur Ausnahme. Jürgen Egyptien, Professor für Literaturwissenschaft an der RWTH, bestätigt das. Er sieht kein besonderes Interesse der Studenten an diesem Thema. Die Veranstaltungen dazu seien zwar nicht schlecht besucht, aber eben auch nicht besser als jene, in denen Texte von Goethe oder Heine besprochen werden. Warum interessiert sich die heutige Jungend nicht mehr für die Revolution ihrer Vorfahren?

„Das Thema ist heute bloß unter historischen Gesichtspunkten von Belang. Die Studentenbewegung ist etwas, das die Jugend nur von Büchern und bestenfalls aus Erzählungen der Familie kennt“, sagt Egyptien. „Die Identifikation damit fehlt.“ Der Grund dafür liege auf der Hand: Die Anfang 20-Jährigen seien angepasst, für sie gebe es keinen Grund mehr, zu rebellieren. Egyptien erklärt: „Junge Menschen sind heute mit der materiellen Situation zufrieden, sie wollen Bestehendes wahren statt es zu reformieren. Der Impuls, etwas zu verändern, ist kaum ausgeprägt.“ Biermanns sieht das ähnlich: „Bei vielen von uns besteht heute der Wunsch nach Eindeutigkeit statt nach Infragestellung.“

Dabei gebe es genug Missstände, gegen die sich junge Menschen heute einsetzen könnten, etwa die Verschulung der Kindergärten oder die Bürokratisierung an den Hochschulen. Das passiert laut Biermanns aber nicht: „Die Studenten entpolitisieren sich immer mehr“, beklagt er. Die Beteiligung bei Wahlen des Studierenden-Parlaments oder der Fachschaften lägen bei etwa 20 Prozent. Und auch, was im Studium als wichtig gilt, hat sich verschoben: Für die Studenten zählt, was verbucht wird.

Gelernt wird also, um Credit-Points zu bekommen, nicht um den Inhalt zu verstehen. Schuld daran sei auch die Bologna-Reform, findet Biermanns. Sie zielt darauf ab, die Studienzeit zu verkürzen. Was folgt, sind mehr Lernstress, und weniger Zeit, sich mit den Fachthemen zu befassen. Aber auch das nähmen die Studenten hin. Rebellion? Fehlanzeige. Dabei wünscht sich Professor Egyptien die schon lange: „Ich warte seit Jahrzehnten auf eine Revolte der Studenten“, sagt er. Bisher vergeblich.