Region: Beziehungen zu Mehreren: Unbegrenzte Liebe

Region: Beziehungen zu Mehreren: Unbegrenzte Liebe

Daniel (Name von der Redaktion geändert) und seine Freundin sind seit über einem Jahr ein Paar. Beide suchen jetzt ihre erste gemeinsame Wohnung. Es ist ein wichtiger Schritt in ihrer Beziehung, der sie näher zusammenbringt. Gleichzeitig hat Daniel aber noch eine andere Partnerin, mit der er sich regelmäßig trifft. Er lebt polyamor.

Das heißt, Menschen wie Daniel lieben mehrere Personen zur gleichen Zeit und führen oft nicht nur eine Beziehung. Dabei ist es wichtig, dass die Beteiligten davon wissen und einverstanden sind. Ehrlichkeit, Respekt und Kommunikation sind die wichtigsten Stützpfeiler der Polyamorie.

Sie ist keine neue Erfindung: Schon Bertolt Brecht, Jean-Paul Sartre und Virginia Woolf stellten die Monogamie in Frage und lebten in offenen Beziehungen. „Mehrere Menschen zu lieben, ist so, wie einen zu lieben, nur intensiver“, erklärt Daniel. Als er seiner ersten Partnerin erzählt hat, dass er von nun an mehrere Beziehungen führen will, sei sie am Anfang unsicher und eifersüchtig gewesen. „Ich habe die beiden Frauen dann einander vorgestellt. Danach war alles gut, sie verstehen sich super. Das hätte natürlich auch nach hinten losgehen können“, sagt der 23-jährige Student aus Aachen.

Eifersucht

Ein wichtiges Thema, sowohl in mono- als auch polygamen Beziehungen, ist die Eifersucht. Aber die Angst, dass der Partner jemand anderen lieben könnte, scheint bei einigen „Polys“ weniger ausgeprägt zu sein. Im Gegenteil. Viele freuen sich, wenn der eigene Partner glücklich ist, beispielsweise, wenn dieser wiederum seine andere Freundin küsst.

Auch Andreas, Student in Aachen, lebt polyamor und kennt Eifersucht. Für ihn ist das Gefühl aber etwas, das auf Angst oder einen Mangel hindeutet: „Meistens ist es die Angst, selber nicht genug zu sein. Dann muss man nachbohren, woran das liegt“, erklärt der 27-Jährige, der sich seit drei Jahren als polyamor bezeichnet. Es passiere schnell, dass voreilige Schlüsse gezogen werden: „Wenn zum Beispiel der Partner eine Serie lieber mit wem anderes guckt, heißt es nicht sofort, dass er sich von mir trennen will. Man tritt gedanklich einen Schritt zurück und merkt: Halt. Völliger Blödsinn.“ Eifersucht müsse man akzeptieren und sich selbst reflektieren. Der Schlüssel zu allem sei auch hier wieder die Kommunikation: Ängste und Bedürfnisse müssten besprochen werden.

Vorurteile

„Du willst dich doch nur nicht festlegen“, „dann liebst du nicht richtig“ oder „Polyamorie ist eine Ausrede zum Fremdgehen“ sind Vorurteile, von denen „Polys“ berichten — so wie Sasha. Sasha und Andreas sind in einem „Polykül“, das heißt, Sashas Freundin ist gleichzeitig die Freundin von Andrease_SSRq Freundin. „Es sind alles echte Beziehungen. Nur weil ich mehrere davon habe, werden sie ja nicht weniger wertvoll. Komischerweise verstehen Leute dieses Konzept bei freundschaftlichen oder familiären Beziehungen sofort, aber bei romantischen Beziehungen ist da irgendwie ein Knoten drin“, erklärt Sasha.

Vergleiche

In der Polyamorie gibt es unzählige Beziehungs-Konstellationen: So leben einige lieber in offeneren Beziehungen, ohne diese als solche zu bezeichnen, andere sind verheiratet und haben einen Hauptpartner und viele Nebenbeziehungen. Wiederum andere leben zu Dritt, haben Sex oder lieben sich nur emotional. Diese Beispiele schließen sich gegenseitig aber nicht aus. Es gibt auch Trärchen (die Dreierform eines Pärchens), die beispielsweise in hierarchischer Beziehung leben. Von Person zu Person ist es unterschiedlich, ab wann eine Beziehung als solche bezeichnet und gelebt wird.

Die Verbindung von Daniel zu seiner Freundin, mit der er bald zusammenzieht, sei aus gesellschaftlicher Sicht stärker, aber „in Bezug auf die Gefühle, die ich habe, sind meine beiden Partnerinnen auf einer Ebene“, sagt er und stellt diesbezüglich keine Hierarchie auf. „Es sind zwei unterschiedliche Individuen, mit unterschiedlichen Persönlichkeiten. Ich käme niemals auf die Idee, die miteinander zu vergleichen.“ Auch Sasha hat mehrere „Lieblingspartner und -partnerinnen“ und sieht genau darin den Vorteil der Polyamorie: „Mir wäre es selbst zu viel Druck, die einzige Person für jemanden zu sein, da hängen so viele Erwartungen daran. Ich bin lieber eingebettet in ein angenehmes Umfeld aus vielen verschiedenen Beziehungen zu vielen verschiedenen Menschen, die alle auf ihre Art wichtig sind.“

Persönlichkeit

Monogame Beziehungen setzen also eher alles auf eine Karte. Für Daniel hat dieses Konstrukt nicht funktioniert, seine früheren monogamen Beziehungen sind an seiner Neugier auf andere Partner gescheitert. „Ich hab schon immer gemerkt, dass die typische Monogamie nichts für mich ist. Ich hab mich immer seltsam gefühlt. Ich dachte, ich sei beziehungsunfähig.“ Allein der Begriff „Polyamorie“ helfe vielen, ihre Gefühle einzuordnen und anzuerkennen, dass es eine andere Lebensweise ist und von der Norm abweicht. „Davor hatte ich immer das Gefühl, ich müsste mich irgendwie verstellen, um gemocht zu werden. Dadurch, dass ich jetzt so akzeptiert werde, wie ich bin, gibt es keine Probleme. Ich bin vor allem selbstsicherer und gelassener geworden“, erklärt der Student.