Treffen sich zwei Behinderte...: Behindertenwitze: Darf man das?

Treffen sich zwei Behinderte... : Behindertenwitze: Darf man das?

Wer in der Öffentlichkeit einen Behindertenwitz erzählt, kann mit heftigen Reaktionen rechnen – oft aber von Personen, die gar nicht betroffen sind. Sind Behindertenwitze Diskriminierung oder Integration?

Trifft ein Fußgänger einen Mann im Rollstuhl und fragt: „Wie schnell kannst du damit fahren?“ „So 5 km/h etwa“, antwortet der Rolli-Fahrer. Fragt der Mann: „Bist du da zu Fuß nicht schneller?“

Darf man über so einen Witz lachen? Darf man ihn erzählen oder diskriminiert das in irgendeiner Art Rollstuhlfahrer? Der Witz stammt sinngemäß aus einem Cartoon des Karikaturisten Phil Hubbe, der sich auf Behindertencartoons spezialisiert hat (siehe auch das Interview). Seine Cartoons gehen das Thema auf unterschiedliche Weise an. Witze wie der eingangs erwähnte stellen eher die Gesellschaft bloß, andere Zeichnungen, wie jene über den Rollstuhlfahrer im Stadion oder das „Blind Date“, konzentrieren sich auf die körperliche Einschränkung der behinderten Menschen. Hubbe erhält oft negative Reaktionen auf seine Cartoons – aber fast ausschließlich von Menschen ohne eine Behinderung. Von Betroffenen bekommt er nahezu durchweg positives Feedback.

Einer, der Phil Hubbe genial findet, ist Stephan Antosch. Er wurde mit einem offenen Rücken geboren und sitzt seit Jahren im Rollstuhl. Die Frage, ob man Behindertenwitze erzählen darf, versteht er nicht. „Warum denn nicht?“, fragt er zurück. Es schwingt mit, ob man heute wirklich noch darüber diskutieren müsse.

Man muss! Das zeigt ein aktuelles Beispiel. In einem Sketch der NDR-Satiresendung extra3 werden Donald Trumps Aussagen ins Deutsche übersetzt und gleichzeitig mit Gesten kommentiert. Der Bildaufbau erinnert stark an die Übersetzungen in Gebärdensprache in Nachrichtensendungen. Viele Gehörlose auf Twitter sahen in dem Sketch eine Verhöhnung der Gebärdensprache und damit eine Verspottung von Gehörlosen. Extra3 müsse aufpassen, wen sie mit solchen Sketchen verletzten, wurde gefordert. Dabei war ja Trump Zielscheibe des Sketches, keinesfalls Gehörlose.

Für Antosch gilt beim Humor, wie in so vielen Bereichen des Lebens: Der Ton macht die Musik. Es komme immer auf die Intention an. In Antoschs Bekannten- und Freundeskreis herrscht ein schwarzhumoriger Ton, da nennt man sich auch mal „Spasti“ oder „Krüppel“. Man dürfe sich selbst nicht zu ernst nehmen, sagt er.

Behinderung in der Comedy-Szene

Im Freundeskreis funktioniert schwarzer Humor meist gut. Dort weiß man in der Regel um den gegenseitigen Respekt und die Akzeptanz. Anders sieht es aus, wenn ein Comedian auf der Bühne Witze über Behinderte macht.

Der mittlerweile sehr erfolgreiche und bekannte Comedian Chris Tall hat das Thema Behindertenwitze vor einigen Jahren auf populäre Weise in die Comedy-Szene gebracht. Die Frage „Darf der das?“ wurde zu seinem Erkennungszeichen. Damit bezieht er sich auf Witze über Schwarze, Übergewichtige und Menschen mit Behinderungen, die er in seinen Auftritten erzählt. Er sieht es als notwendig, auch über Minderheiten Witze zu machen. Mache man über alle Menschen Witze, aber nicht über eine bestimmte Minderheit, weil die anders sei, dann wäre das – so sagt es Chris Tall in seinem Programm – Diskriminierung. Voraussetzung sei nur, dass man auch über sich selbst lachen kann und mit Respekt witzelt.

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Antosch stimmt ihm da voll zu. Er selbst hat den Comedian schon live gesehen, und auf die Frage „Darf der das?“, die Chris Tall stellt, antwortet Antosch klar: „Der darf das!“ Auch der Eifler Horst Boltersdorf, der seit vielen Jahren blind ist, findet es gut, wenn Witze über Behinderte nicht ausgelassen werden. „Es könnte ja einer dabei sein, den ich noch nicht kenne“, scherzt er. Für Boltersdorf und Antosch sind die Witze eine Art Integration von behinderten Menschen.

Frieder Kurbjeweit sieht das etwas kritischer. Er ist wissenschaftliche Hilfskraft der Forschungsstelle „disability studies“ an der Universität Köln. „In der Wissenschaft gibt es den Konsens, dass nicht die beeinträchtigten Körper die Menschen behindern, sondern Barrieren. Intregration wäre also, sich über die Absurditäten, die Behinderte täglich wegen gesellschaftlicher Barrieren erleben, lustig zu machen und nicht über das Aussehen oder die Einschränkungen der Betroffenen“, sagt er.

Wer diese Barrieren thematisiert, ist der Comedian Tan Caglar. Im Gegensatz zu Chris Tall ist Caglar selbst betroffen: Er sitzt im Rollstuhl und baut dementsprechend viele seiner Gags darauf auf. Oft erzählt er von absurden Fragen, die er auf der Straße gestellt bekommt und stellt so die Gesellschaft bloß. Doch gleichzeitig macht er auch Witze über seine körperliche Einschränkung. Er sei nicht der Typ, der Frauen hinterherläuft, sagt er etwa oder stellt die Frage, ob er mit seinem Rollstuhl in eine Fußgängerzone dürfe.

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Richtig verbreitet ist das Thema in der Comedy-Szene aber nicht. Nur wenige trauen sich auf das Terrain. Meistens sind es behinderte Menschen, die mit dem Thema auf die Comedy-Bühne gehen. Neben Tan Caglar gibt es etwa noch den an Muskeldystrophie erkrankten 14-jährigen Carl Josef, dessen Youtube-Video vom Auftritt in der Sendung „Nightwash“ zum viralen Hit wurde, und der hörgeschädigte Toby Käp.

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Wer darf witzeln?

Betroffene wissen, worüber sie Witze machen können. Sie haben gewissermaßen eine Legitimation, weil sie selbst betroffen sind – sie sprechen im Prinzip über sich und nicht über andere. Diese Meinung herrscht in vielen Diskussionen vor. Für Antosch macht es keinen Unterschied, ob ein Betroffener Witze über Behinderte macht oder sich ein Nichtbetroffener dieses Themas bedient. „Jeder darf Behindertenwitze machen“, sagt er. Der Blinde Boltersdorf findet zwar, dass Betroffene bei dem Thema authentischer wirken. Trotzdem ist er der Meinung, dass alle Witze machen dürfen. Ihm ist jeder lieb, der mit dem Thema Behinderung locker umgeht.

Für den Wissenschaftler Kurbjeweit geht diese Frage am Kern der Debatte vorbei. „Das eigentliche Problem ist gar nicht, dass man das per se nicht darf, sondern dass es immer wieder die gleichen Witze sind. Es ist sehr ermüdend für Betroffene, für die die Themen oft mit sehr schmerzhaften, teilweise auch grausamen Ausgrenzungserfahrung verbunden sind, tagtäglich auf die gleichen Sachen reduziert zu werden.“

Wie kommt es aber dann zu dem Phänomen, dass – wie im Fall des Karikaturisten Phil Hubbe – sich Nichtbetroffene oft stärker über Behindertenwitze aufregen als Betroffene? „Ich könnte mir vorstellen, dass das so eine leidige Diskussion ist für behinderte Menschen, die das stört, dass sie die gar nicht mehr führen“, sagt Kurbjeweit. Er glaubt, dass es generell das Problem sei, dass Menschen über Behinderungen und über den Lebensalltag von behinderten Menschen  wenig wissen. „Man sagt, ungefähr zehn Prozent der Deutschen haben einen Schwerbehindertenausweis, aber wenn man sich im eigenen Freundeskreis umsieht, sind da nicht zehn Prozent behindert. Es gibt also ganz viele Leute, die gar keinen richtigen Bezugsrahmen zu dem Thema und selbst gar nicht die Reflexion haben, die die Betroffenen haben.“

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Aus diesem Nichtwissen kann eine Unsicherheit in der Kommunikation mit Behinderten entstehen. Dies wird laut Boltersdorf durch „political correctness“ nur verstärkt. „Wenn ich die ganze Zeit überlege ‚Darf ich das jetzt sagen?’, kann man gar kein unverkrampftes Gespräch führen.“ Für ihn ist deshalb die „political correctness“ oft diskriminierend und ausgrenzend. Man solle Behinderte nicht anders behandeln als andere, nur im Alltag sollte man Rücksicht nehmen auf die Behinderungen.

Behindertenhumor in der Politik

Auch die Politik hat den Humor in Zusammenhang mit Behinderungen für sich entdeckt. „Humor kann verbinden und dabei helfen, Hemmungen abzubauen“, heißt es von Claudia Middendorf, der Beauftragten der NRW-Landesregierung für Menschen mit Behinderung. Das Amt hat eine Postkartenserie mit witzigen Zeichnungen über Behinderte rausgebracht – unter anderem auch mit Cartoons von Phil Hubbe. Damit möchte man auf Barrieren, diskriminierendes Verhalten und behindertenfeindliche Bedingungen aufmerksam machen.

Antosch kann jedenfalls über Behindertenwitze lachen – ob sie nun von Betroffenen kommen wie Phil Hubbe und Tan Caglar oder von Nichtbehinderten wie Chris Tall: „Ich finde sie lustig, aber der nächste Rollstuhlfahrer vielleicht nicht“, sagt Antosch. Jeder habe schließlich seine eigenen Grenzen. „Jemand, der mit seinem Schicksal noch nicht abgeschlossen hat, hat es damit wahrscheinlich schwerer.“

Boltersdorf weist darauf hin, dass es natürlich auch viele Behinderte gebe, die solche Witze nicht gutheißen. „Aber das sind oft die Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen“, meint er.