Aachen: Wie wertvoll ein Bruder ist, lehrt dich die getrennte Zeit

Aachen: Wie wertvoll ein Bruder ist, lehrt dich die getrennte Zeit

Welchen Menschen würden Sie am meisten vermissen, wenn Sie für ein Jahr weg müssten? Ich habe mir diese Frage in den vergangenen Wochen häufig gestellt. Eine klare Antwort fand ich nicht. Wie so oft merkt man das wohl erst, wenn es wirklich so weit ist. Für mich ist es jetzt so weit.

Seit Samstag bin ich in Simbabwe in Afrika, um dort mein FSJ zu absolvieren. Zurückgelassen in Deutschland habe ich neben Bekannten, Freunden und Eltern vor allem einen — meinen Bruder Benedikt.

Benedikt ist 14 Jahre alt, mein einziges Geschwisterkind und einer meiner besten Freunde. Äußerlich sind wir uns sehr ähnlich, innerlich ticken wir hingegen unterschiedlich. Während ich oft in der Streber-Schublade lande, ist Benedikt eher der Clown. Wenn ich mich zurückhalte, klopft er lieber einen Spruch. Und trotzdem verstehen wir uns gut. Können hervorragend miteinander lachen. Sind eingespielt wie es besser kaum ginge. Und das ist kein Zufall.

Geschwisterbeziehungen — das haben Studien ergeben — überdauern die Beziehung zu den Eltern, zu vielen Freunden, oft auch die zum Partner. Über wenige andere Verbindungen weiß man so viel wie über Geschwister. Weil man zusammen gespielt hat, sich getröstet und geholfen hat. Aber auch, weil man einander ausgespielt hat, sich verpetzt und verletzt hat. Das prägt.

Eine gute Beziehung hatten wir schon immer, in den letzten Jahren ist sie enorm gereift. Wir machen viele Dinge gemeinsam. Wir gehen zusammen ins Kino, auf den Bend oder spielen mit- und gegeneinander. Wir gehen auf Buchlesungen, Vorträge und Konzerte. Sogar mit einigen meiner Freunde versteht sich mein Bruder bestens. Wir haben großen Respekt voreinander. Dass mein Bruder mit 14 Jahren dreieinhalb Jahre jünger ist als ich, tut nicht zur Sache.

Unsere Beziehung wird in den nächsten Monaten auf eine Probe gestellt werden. Mir wird es schwer fallen, meinen Bruder ein ganzes Jahr lang nicht sehen zu können. Ein Jahr lang auf seine Geschichten, seine Witze, seine Ratschläge verzichten zu müssen. Aber auch zu wissen, zwölf Monate nicht so für ihn da sein zu können wie bisher. Ich habe mich in den letzten Tagen öfter gefragt, warum uns das Schicksal für ein Jahr trennt. Warum es das Leben zweier Menschen, die sich so gut verstehen, derart schwer macht.

Genau weiß ich es nicht. Womöglich aber, um uns zu prüfen. Damit wir an dieser Herausforderung wachsen. Damit wir den unbeschreiblichen Wert unserer Beziehung noch mehr zu schätzen lernen. Was er ist und was er war, das wird uns erst beim Abschied klar — ich weiß jetzt, wen ich am meisten vermissen werde.

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