Aachen: Wenn Diktate krank machen

Aachen: Wenn Diktate krank machen

Die Lese-Rechtschreib-Schwäche gehört laut Weltgesundheitsorganisation zu den umschriebenen Entwicklungsstörungen. Das bedeutet: Das normale Muster des Fertigkeitserwerbs ist von frühen Entwicklungsstadien an gestört. Was bedeutet das für ein betroffenes Kind? Die Schülerredaktion sprach darüber mit Dr. Brit Steinau ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Das Störungsbild der LRS tritt regelmäßig in ihrer Praxis auf, etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden darunter.

Mit welchen Symptomen kommen (spätere) Legasthenie-Patienten zu Ihnen?

Kinder- und Jugendärztin Dr. Brit Steinau therapiert LRS-Patienten.

Brit Steinau: Das lese-rechtschreibgestörte Kind kann durch ganz andere Symptome als durch Probleme im Lesen und Schreiben auffallen. Sie kommen mit Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Einnässen, Herumkaspern in der Schule oder anderen körperlichen Beschwerden. Vermehrt zeigen sich diese nach den Wochenenden, Ferien oder vor Diktaten. Insgesamt ist die Symptomatik der LRS weit gefächert: Merkmale sind geringe Buchstabenkenntnis, Schwierigkeiten beim Schreiben von Buchstaben, Wörtern oder Sätzen und wenig Motivation.

Von Lena Özman Aachen. Die Lese-Rechtschreib-Schwäche gehört zu den umschriebenen .... Mit welchen Symptomen kommen (spätere) Legasthenie-Patienten zu Ihnen? Brit Steinau: Das lese-rechtschreibgestörte Kind kann durch ganz andere Symptome als durch Pr

Ist die Diagnose dann eine Überraschung? Wie reagieren Eltern und Kinder?

Steinau: Wenn die Diagnose gestellt ist, ist es für Eltern und Kinder entlastend. Problematisch ist oft im Vorfeld in die Diagnostik zu kommen. Eltern wünschen eher ein abwartendes und förderndes Vorgehen, ohne dass eine diagnostische Abklärung erfolgt ist.

Wer ist an der Therapie beteiligt?

Steinau: Es sollte im Optimalfall eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schule und Therapeuten erfolgen. Eine Förderung muss auch in der Schule stattfinden. Lehrer sollen für die Probleme des Kindes sensibilisiert werden und den Legasthenikern ein besonderes Repertoire an Hilfestellungen ermöglichen.

Und die Eltern?

Steinau: Insgesamt sollen Eltern begleitend und stützend sein. Sie müssen das Vertrauen in ihr Kind fördern, Geborgenheit und Verständnis entgegenbringen, für die Mühen, die das Kind aufbringt, belohnen und an es glauben. Die LRS darf nicht in den Mittelpunkt des Familienlebens rücken.

Wo genau setzt die Therapie an?

Steinau: Es gibt nicht DIE Legasthenie, sie ist ein komplexes Störungsbild. Deswegen erfordert es einen multimodalen Therapieansatz. Es kommt darauf an, welche Form der Störung es ist, wie hoch der Störungsgrad ist, wie weit der Entwicklungsstand des Kindes ist, wie alt es ist, wie das soziale und schulische Umfeld ist und ob noch weitere Erkrankungen vorliegen. Meistens erfolgt eine Lerntherapie mit einer pädagogisch-psychologischen Förderung, die sich an den Bedürfnissen des Kindes orientiert. Die genaue Therapie ist vom Einzelfall abhängig. Sie findet einzeln oder in Kleingruppen statt.

Können auch Freunde und Mitschüler helfen?

Steinau: Sie werden eher weniger eingebunden. Jedoch sollte darauf geachtet werden, dass legasthene Kinder nicht gehänselt oder auf ihre LRS reduziert werden, um die ihre Psyche nicht zu belasten.

Wann sollten sich Eltern und Lehrer, die eine Lernschwäche des Kindes vermuten, Hilfe suchen?

Steinau: Sobald das Kind eine deutliche Diskrepanz im Lese- und Rechtschreibbereich gegenüber den anderen Leistungen aufweist, sollten Eltern oder Lehrer Hilfe aufsuchen. Ebenso, wenn es psychische oder psychosomatische Beschwerden aufweist. Prinzipiell sollte früh genug eine Diagnostik eingeleitet werden, um keine Zeit bei der Therapie zu verlieren. Je früher die Förderung einsetzt, desto besser ist das.

Wann ist eine Diagnose möglich?

Steinau: Eine zuverlässige Diagnose kann in der Regel am Ende der zweiten Klasse gestellt werden, da mit Eintritt in die Grundschule die Fähigkeiten des Schrift- und Spracherwerbs erlernt werden.

Welche psychischen Folgen kann die erfolgreiche Therapie auslösen?

Steinau: Das Selbstwertgefühl steigt wieder an, psychische Begleiterscheinungen können verschwinden, wenn alle Komponenten der Therapie stützend auf das Kind einwirken.

Und anders herum: Welche psychosozialen Folgen kann es haben, wenn die Störung nicht erkannt und therapiert wird?

Steinau: Die LRS äußert sich auch in einem negativen Selbstbild, einem geringeren Selbstwertgefühl und einem pessimistische Zukunftsbild. Psychische Probleme kommen bei legasthenen Kinder gehäuft vor. Sie weisen vermehrt Verhaltensstörungen auf, wie ADHS, Störungen des Sozialverhaltens, Emotionalstörungen oder depressive Episoden. Die psychischen Erkrankungen müssen begleitend behandelt werden.

Wie aufwendig ist eine Therapie?

Steinau: Das ist individuell und abhängig von Elternhaus und dem kognitiven Stand des Patienten. Eine Förderung ist aber mindestens auf ein bis zwei Jahre anzusetzen und erfolgt ein- bis zweimal in der Woche. Danach muss man schauen, ob das Kind weitere Förderung benötigt oder ob es genug eigene Strategien entwickelt hat.

Was ist für die jungen Patienten der größte Gewinn, wenn sie die Störung in den Griff bekommen?

Steinau: Zunächst die Erkenntnis, dass man nicht unterdurchschnittlich intelligent ist, sondern nur eine Teilleistungsstörung aufweist, die behandelt werden kann und die nichts mit Dummheit zu tun hat. Die Kinder können an ihrer Störung wachsen, indem sie sehen, dass die Mühen sich positiv auszahlen.