Städteregion/Aachen: Wenn der Rollstuhlfahrer nicht ins Berufskolleg kommt

Städteregion/Aachen: Wenn der Rollstuhlfahrer nicht ins Berufskolleg kommt

Die letzten anderthalb Jahre waren hart für Michael Strusch. Seit dem 16. Juni 2015 sitzt der heute 32-Jährige im Rollstuhl. Wochenlang hatte er sich mit schlimmen Rückenschmerzen zum Arzt geschleppt, dann die niederschmetternde Diagnose: ein schwerer Bandscheibenvorfall — und ein Tumor im Rückenmark.

Es folgten Operation und Strahlenbehandlung, sechs Monate verbrachte Strusch in verschiedenen Krankenhäusern. Bis heute sitzt er, brustabwärts teilweise gelähmt, im Rollstuhl und versucht, das Gehen wieder zu lernen. „Irgendwann kann ich am Krückstock vielleicht wieder laufen“, sagt Strusch. Beruflich neu starten will er aber so schnell wie möglich.

Seinen alten Beruf als Zerspanungsmechaniker kann er aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr ausüben. Mithilfe der Agentur für Arbeit hat er sich umorientiert und peilt nun eine zweijährige Umschulung zum Fachinformatiker, Fachrichtung Anwendungsentwicklung, an. Computer waren nämlich schon immer sein Ding.

Die Weichen für die Umschulung sind gestellt. Einstellungstest und Probearbeit bei einem renommierten Aachener Software-Unternehmen hat Strusch erfolgreich absolviert, der Vertrag ist unterschrieben. Die Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) betreut und begleitet im Auftrag der Arbeitsagentur seine Umschulung. Bei der DAA hat Strusch bereits einen dreimonatigen Vorbereitungskurs absolviert. Am 1. Februar soll’s in der neuen Firma losgehen.

Bleibt nur eine Sache. Als Umschüler muss Michael Strusch zweimal die Woche zur Berufsschule. Und da wird es schwierig. Zuständige Schule wäre das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der Städteregion an der Lothringerstraße. Aber die PC-Räume der Schule liegen im vierten Stock, und das alte Gründerzeitgebäude hat keinen Aufzug. Damit hat der Rollstuhlfahrer keine Chance, zum Unterricht zu kommen.

Eine Alternative muss also her. Auch das Berufskolleg in Alsdorf bildet Fachinformatiker aus, und dort gibt es einen Aufzug. Allerdings wird ein Fahrdienst Strusch zur Schule bringen müssen. Zwar würde er mit dem Bus nach Alsdorf kommen — obwohl die Busverbindungen ab Walheim ungünstig und die Umsteigezeiten knapp sind.

Allerdings geht es von der Haltestelle zum Berufskolleg ziemlich steil bergauf. Und diesen letzten Anstieg könnte der Mann im Rollstuhl ohne Hilfe nicht bewältigen. Mittlerweile ist auch klar: Die Agentur für Arbeit als Träger der beruflichen Rehabilitationsmaßnahme übernimmt die Kosten für den Fahrdienst.

Den 32-Jährigen allerdings hat allein die Frage, wie sich die Anreise gestalten lässt und wer die Kosten übernimmt, reichlich Nerven gekostet. Strusch hatte große Sorgen, dass die Umschulung zuletzt noch an der Berufsschule scheitern würde. Der Alltag mit seiner Erkrankung sei schon schwierig genug, sagt er. „Ich kann nichts dafür, dass ich im Rollstuhl sitze. Und ich kann nichts dafür, dass die Schule Lothringerstraße nicht behindertengerecht ist.“

Wolfgang Wycislok kann solche Sorgen gut verstehen. Er ist Michael Struschs Reha-Berater bei der Agentur für Arbeit Aachen-Düren. Er kümmert sich um Menschen, die sich aus gesundheitlichen Gründen neu orientieren müssen. „Unser Ziel ist die Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt“, erläutert Wycislok. „Und wir versuchen immer, eine fallangemessene Lösung zu finden.“ Im Fall von Michael Strusch gehöre ein Fahrdienst zu dieser Lösung.

„Die Zahl von Menschen in unserer Gesellschaft, die im Laufe ihres Berufslebens mit dauerhaften und erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen konfrontiert sind, ist anhaltend hoch“, stellt Ulrich Käser, Leiter der Agentur für Arbeit Aachen-Düren, fest. Deshalb sei es wichtig, die Betroffenen bestmöglich zu unterstützen und auch Vorbehalte bei Arbeitgebern abzubauen.

Nach seiner Umschulung dürfte Michael Strusch gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. „Die Firmen suchen dringend Fachinformatiker“, weiß Reha-Berater Wycislok. Nach einer Umschulung, das zeigten die Statistiken, würden 70 Prozent der Betroffenen erfolgreich vermittelt.

Beim Schulträger sind die Barrieren im Berufskolleg bekannt. „Die Schule Lothringerstraße ist nicht behindertengerecht. Das ist in der Tat ein Problem“, bestätigt Bettina Herlitzius, Leiterin des Amts für Inklusion und Sozialplanung bei der Städteregion. Die inklusive Raumgestaltung an den Berufskollegs gehört im städteregionalen Inklusionsplan zu den Schwerpunkten für 2017. Bevor aber an Schulen konkret umgebaut wird, ist noch umfangreiche Abstimmung und Planung nötig.

„Für eine 100-prozentige Barrierefreiheit der Berufskollegs“, das sagt Herlitzius offen, „sehe ich die Ressourcen nicht“. Sehr wohl unterstützen könne man mit Beratung und der Suche nach Alternativen. Und da gebe es eine Vielzahl an Hilfsangeboten.

Michael Strusch jedenfalls sieht nun gespannt seinem ersten Arbeitstag in der neuen Firma entgegen.

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