Hückelhoven-Ratheim: Wenn alle Öfen brennen, wird es dunkler

Hückelhoven-Ratheim: Wenn alle Öfen brennen, wird es dunkler

Wenn Detlef Tanz alle Öfen einschaltet, brennen die Lichter in Ratheim weniger hell. Seine Werkstatt an der Kirchstraße ist mit 250 kW abgesichert; wenn der große Ofen läuft, zieht der alleine 50 kW.

Die sind auch nötig, um eine Temperatur von 800°C bis 950°C zu erreichen. Dabei schmilzt nämlich der Werkstoff Glas. Detlef Tanz arbeitet „in Glas”.

Vor 25 Jahren hat er seine Liebe zu dem so fragilen wie transparenten Werkstoff gefunden: „Ich hatte damals den Werk- und Kunstladen in Erkelenz und habe viel Keramiksachen gebrannt. Irgendwann hat mich die Transparenz des Glases gereizt, und ich habe damit rumexperimentiert”, sagt er, als wir in der Werkstatt an der Kirchstraße vor einem der großen Brennöfen stehen.

Die haben eine unverkennbare Ähnlichkeit mit Solarbänken: Unten liegt die massige, in Form gebrachte Glasschmelze, von oben schließt der Ofen mit den Heizelementen in der Lade. In einem dieser großen Öfen liegt eine fertig gebrannte Tischplatte. „Die hat hier nach dem eigentlichen Brennen mehrere Wochen in dem Ofen gelegen, um das Glas ganz, ganz langsam abzukühlen”, sagt Tanz. Abkühlen im Ofen - auch nicht gerade das, was aus täglichen Leben geläufig ist. „Auf dieses Geduldsspiel musst du dich unbedingt einlassen, damit die verschiedenen Glaselemente, die in der Platte zusammenschmelzen, nicht reißen oder gar springen.”

Um 0,25 Grad pro Stunde bei großen Stücken wird die Temperatur heruntergefahren. Bis das Glas soweit abgekühlt ist, dass man es weiter bearbeiten kann. „Das Stück muss nach dem Brennen natürlich noch geschliffen werden”, sagt Tanz. Auch das ist eine Arbeit, die Stunde und Stunde und Stunde, viel Geduld eben, erfordert. „Ich mach´ das gerne, denn dabei kann ich sehr schön meditieren.”

Es gibt nicht viele Adressen, an die man sich wenden kann, wenn man eine Glasplatte, wie sie in der Werkstatt noch in der von rotem Sand umhüllten Form liegt, in Auftrag geben kann. „Acht oder vielleicht neun weltweit”, schätzt er. Und natürlich gibt es auch nicht so sehr viele Menschen, die sich ein solches Stück leisten können: Mit rund 10.000 Euro muss man schon rechnen, wenn man sein Glas auf eine solche Platte stellen will.

Es ist schon ein wunderschöner Blick, wenn sich das Licht durch das Glas bricht und die andersfarbigen Wellen und Strukturen erscheinen lassen. „Fusing” nennt man die Technik, bei der verschiedene Glasstücke zusammengeschmolzen werden. Da gibt es „Fritten”, das sind kleine, zerstoßene Glasstücke; oder „Stringers”, das sind dünnen Glasfäden; oder „Confetti”, das sind hauchdünne Glasplättchen - alle diese Elemente können der Schmelzmasse zugefügt werden.

Detlef Tanz ist in den 25 Jahren, in denen er sich mit Glas beschäftig, zu einem der gefragtesten Experten in Sachen „Fusing” geworden: Er hat in Indien Seminare gehalten und an den Hochschulen in Oslo und Bergen; natürlich in Deutschland, er hat für den Glaserinnungsverband NRW in Heiligendamm sein Fachwissen weitergegeben („Das Verhalten des Glases im Schmelzprozess” etwa oder auch über die „Brennkurven”), und er hatte von 1992 bis 1993 einen Lehrauftrag an der FH Dortmund.

Und er erhält Aufträge aus aller Welt: In Tokio beispielsweise hat er in Zusammenarbeit mit der Architektin Keiko Miura für die Fassade der Eingangshalle des Roppongi Hills Tower ein Wandrelief in seiner Ratheimer Glas-Manufaktur gefertigt: „4,5 Tonnen optisches Glas wurden dafür in Form geschmolzen.” Und anschließend in etwa 1600 Stunden geschliffen und poliert.

Aktuell arbeitet er einem Auftrag für Kirchenfenster im englischen Cambridge: „Dafür werden Fotografien in Glas eingearbeitet.” Aber der Glasfachmann Detlef Tanz ist auch (und er versteht sich in erster Linie so) Künstler.

Seine Glasobjekte hat er bei Ausstellungen in Baden-Baden, Straßburg, Aachen oder auch in Maastricht präsentiert. „Glasmalen ist arbeiten mit Licht”, sagt er. Die Brücke Glas-Licht-Kunst ist schnell geschlagen: „Wenn das Licht durch das Glas malt, dann ist es Kunst.” Der widmet er sich täglich. Wenn er nicht gerade den Auftrag für eine Glasfassade irgendwo auf der Welt abarbeitet. Oder die Deckenleuchten aus den 1960er-Jahren der Deutschen Oper restauriert. Die stehen bei ihm in der Werkstatt an der Kirchstraße in Ratheim gerade rum.

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