Warum Jori Klomp ein überzeugter Europäer ist

Das Europa-Interview : Für einen bewussten Umgang mit kultureller Vielfalt

Jori Klomp hat ein feines Gehör für Zwischentöne – beim Gesang, beim Musizieren und beim Umgang mit Menschen. Der 1991 in Belgien geborene Niederländer, der jetzt in Deutschland wohnt und arbeitet, ist Saxophonist, Sänger, Dirigent – und ein überzeugter Europäer. Im Interview mit Sabine Rother zeigt der Chorleiter des Aachener Theaters seine persönliche Sicht auf Europa.

Wie lebt es sich beim Einsatz in gleich drei europäischen Ländern?

Jori Klomp: Das ist eine Frage, über die ich erst jetzt nachdenke. Als Belgier in Maastricht habe ich mich tatsächlich niederländische gefühlt. Ich bin dort ja mit der Kultur sehr verbunden. Wenn ich jetzt nach Holland zurückgehe, empfinde ich das als mein Zuhause. Beim konkreten beruflichen Wechsel nach Deutschland fiel mir dort die stärkere Neigung zur Hierarchie auf, nicht nur in Unternehmen sondern auch im Bereich der Kunstschaffenden. Sagt man nun ‚du’ oder nicht? In den Niederlanden ist das keine Frage. In Deutschland, sogar im Theater, gibt es eine Form des Umgangs, die stets so ein vorbereitendes Sätzchen wie ‚Wir können uns doch duzen, oder…?’ verlangt, um nicht plump zu wirken. Vor der Gruppe, wenn ich zum Beispiel mitteile, dass jemand krank ist, dann sage ich nicht den Vornamen, sondern formuliere es förmlicher: ‚Frau …’ oder ‚Herr …’ kommt heute nicht. Das war neu für mich und daran musste ich mich erst gewöhnen.

Der Opernchor des Aachener Theaters ist international durchmischt. Sängerinnen und Sänger kommen aus vielen verschiedenen Ländern. Wie verständigt man sich untereinander?

 Klomp: Wir verstehen uns gut. Alle können soweit Deutsch, dass auch in Deutsch geprobt wird. Zur Not geht natürlich Englisch. Aber wichtig ist auch die Mimik und Gestik. Ich bin es gewohnt, Augenkontakt mit den Chormitgliedern zu pflegen. Das war für einige neu und ungewohnt, daran mussten sich manche erst gewöhnen. Im Opernchor arbeitet man auch im Kollektiv, so arbeite ich beispielsweise auch nie mit Sängerinnen und Sänger alleine, sonder immer mit der gesamten Stimmgruppe. Da muss ich diplomatisch sein, um alle unter einen Hut zu bringen.

Wo in Europa ist Ihre Heimat?

Klomp: Das kann ich nicht gut beantworten. Wenn ich in Ostbelgien bin, fühle ich mich sehr wohl, die Kultur der Niederländer passt einfach gut zu meinem Charakter. Dort ist man sehr offen und direkt. In Deutschland ist das ein bisschen anders, aber mir gefällt es, wenn man einander mit Respekt begegnet.

Wie empfinden Sie die deutsche Mentalität?

Klomp: In der Höflichkeit liegt ein Abstand, Kontakt mit Kollegen entwickelt sich nur langsam. In Deutschland ist auch vieles durch Gesetze streng geregelt. So habe ich mir als ich nach Aachen kam, ein Regelwerk zur Arbeit mit Opernchören in Deutschland besorgt – und gelernt!

Welche Wünsche haben Sie für die Europawahl?

Klomp: In der niederländischen Politik kenne ich mich besser aus als bei europäischer Politik. Ich wünsche mir, dass mehr für den Umweltschutz gemacht wird, das Thema Ökologie ist mir wichtig. Auch in Holland gibt es Rechtstendenzen, das gefällt mir gar nicht, das sollte man überall beachten und sich dagegen wehren.

Wie sieht ein gutes Miteinander von Landeskultur und europäischer Kultur aus?

Klomp: Ich bin für einen bewussten Umgang mit kultureller Vielfalt. Interesse und Offenheit für den Einzelnen. Die Mischung kommt dann ganz von selbst, wir sollten flexibel sein.

Wie steht es um die Kulturarbeit in Europa?

Klomp: Speziell für Aachen wünsche ich mir, dass die Türen noch offener werden. Dass die Menschen neugierig auf uns sind und wir auf die Menschen, dass Hemmschwellen abgebaut werden und wir noch mehr Menschen mit unserer Kunst erreichen.

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