Heinsberg: Vor 20 Jahren: Pionierarbeit unter Blümchentapete

Heinsberg: Vor 20 Jahren: Pionierarbeit unter Blümchentapete

Es hat sich eine Menge verändert. Das wurde Helmut Hawinkels schnell klar bei seinem Besuch in Potsdam. Auf Einladung der Justizgewerkschaft war er nach Brandenburg gereist, um „20 Jahre rechtsstaatliche Justiz in Brandenburg” hautnah zu erleben.

„Heute, 20 Jahre nach den Anfängen, haben sowohl die Gebäude als auch Ausbildung und Dienstleistung Weststandard. Die Bearbeitungszeiten behördlicher Vorgänge sind zum Teil kürzer als hier”, sagt der ehemalige Justizbeamte. Und das sei beileibe nicht immer so gewesen, denn der mittlerweile 66-Jährige, der früher beim Amtsgericht in Heinsberg beschäftigt war, erinnert sich noch gut an die Zeit nach dem Mauerfall, als er mit vielen Kollegen im Osten des wiedervereinten Deutschland Pionierarbeit leistete.

„Ich war über einen Zeitraum von sechs, sieben Jahren immer wieder tage- und wochenweise mit einigen Kollegen des Amtsgerichtes im Kreisgericht Zossen, 40 Kilometer südlich von Berlin”, erzählt der ehemalige Heinsberger SPD-Ratsherr. Ergeben hätte sich alles durch einen Besuch in Königs Wusterhausen im Juni 1990. Er habe dort einen Parteikollegen besucht. „Wir hatten nachgefragt in unserer Parteizentrale in Potsdam, ob wir irgendwie helfen könnten.”

Bitter nötig sei dies dann wohl auch gewesen. Hawinkels Gedanken sind in diesem Moment bei einer völlig konsternierten ostdeutschen Kollegin, die er damals kennen lernte. „Die sagte, als die Mauer fiel, dachte ich, mir platzt der Kopf. Alles, was früher Bestand hatte, galt plötzlich nichts mehr!”

Über den stellvertretenden Leiter des Kreisgerichtes in Königs Wusterhausen, der den Kontakt gen Westen begrüßte, lernte Hawinkels den Direktor des Zossener Kreisgerichts kennen. Die Partnerschaft sei dann durch eine Einladung der Gewerkschaft zustande gekommen.

Der Mief vieler Jahrzehnte und alter Strukturen manifestierte sich für den Heinsberger im Rückblick auch ein wenig durch die grausliche Blümchentapete an den Wänden des Zossener Gerichtsgebäudes, „die man im Westen noch aus den 50ern kannte”.

Fast 150 Millionen Mark wurden in den ersten vier Jahren der Wiedervereinigung alleine für Personalhilfe für Brandenburg in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt. Allein im Rahmen der „Aktenversendungsaktion” wurden in diesem Zeitraum 48.000 Grundbuchvorgänge von NRW-Bediensteten außerhalb der Dienstzeit bearbeitet. Auch in Heinsberg leistete man mit rund zehn Leuten hierzu einen Beitrag.

„Im Frühjahr 1991 verbrachte ich die erste Woche mit unserem Personalchef Josef Lückge in Zossen”, berichtet Hawinkels. „Sagen Sie uns einfach mal, wie wir jetzt die Akten führen müssen. - Damit fing es an.” Zahlreiche Grundstücke hätten zurückgeführt werden müssen auf ihre rechtmäßigen Eigentümer. „Manche Grundbucheinträge waren schon seit Generationen nicht mehr berichtigt worden. Dies war aber wichtig, nicht zuletzt für Fragen der Beleihung oder für die Ansiedlung von Unternehmen”, sahen sich Hawinkels und seine Heinsberger Kollegen einen kaum überschaubaren Aktenberg gegenüber. Zum Glück seien jedoch 90 Prozent der Bediensteten in Zossen sehr lernbegierig gewesen. „Manche reisten sogar auf eigene Kosten nach Heinsberg, um sich hier fortzubilden”, ist Hawinkels noch heute von dem Engagement seiner neuen alten Landsleute begeistert.

Wer nun jedoch glauben sollte, dass sich die „Exkursion” in den deutschen Osten für die Heinsberger sicher auch finanziell gelohnt haben wird, den holt der 66-Jährige schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: „Wir erhielten eine Reiseerstattung und ein Tagegeld für Unterkunft und Verpflegung. Für diejenigen, die nur sporadisch die Pionierarbeit leisteten, war es eigentlich ein Zusatzgeschäft. Schließlich fuhr man abends schon mal nach Berlin, was natürlich immer Geld kostete.” Missen wolle er die Zeit dennoch nicht, winkt er ab, denn schließlich gehörten er und seine Kollegen ja zu den Pionieren der Wiedervereinigung.