Inden: Ulrich Schuster: Von wegen sturer Westfale

Inden: Ulrich Schuster: Von wegen sturer Westfale

Die Schränke in seinem Indener Bürgermeisterbüro hat Ulrich Schuster schon weitgehend ausgeräumt. Ob sein Nachfolger Jörn Langefeld in diesen Schränken ab dem 22. Oktober noch den sturen Westfalen findet, bleibt abzuwarten.

„Den sturen Westfalen habe ich immer aus dem Schrank geholt, wenn ich ihn gebraucht habe“, sagt Schuster. Der scheidende Indener Bürgermeister ist gebürtiger Westfale. Das wurde nach der letzten Ratssitzung unter Schusters Leitung im September bei einer kleinen Abschiedsfeier noch einmal deutlich, als CDU-Fraktionsvorsitzender Reinhard Marx den Bürgermeister als „westfälischen Dickkopf, der es jetzt schon über 30 Jahre im Rheinland aushält“ bezeichnete. Zuhause ist der 67-Jährige übrigens in Selgersdorf.

Ulrich Schuster gibt nicht viel auf die angeblichen großen Unterschiede zwischen Rheinländern und Westfalen. „Das wird überbewertet“, sagte er. Er kann das beurteilen. Aufgewachsen ist er im Bielefelder Stadtteil Großdornberg, seit 44 Jahren lebt er im Jülicher Land. Ins Rheinland gekommen ist er der Liebe halber wegen seiner Frau Elisabeth. Die vermeintlichen Unterschiede zwischen Rheinländern und Westfalen bestehen laut Schuster zum größten Teil aus stereotypen Bildern. Schuster habe da immer wieder gerne mit gespielt, wenn er den angeblich so sturen Westfalen aus dem Schrank gekramt hat, dann, wenn es galt, durchzuhalten oder sich durchzusetzen.

Fünf Nummern langsamer

Die Zeiten sind vorbei. Sehr bald. Heute noch gibt Schuster den ersten Bürger Indens, in der übernächsten Woche noch ein paar Tage. Der Rest ist Urlaub. Und dann? „Danach lasse ich es erst mal langsamer angehen“, sagt der 67-Jährige. „Fünf Nummern langsamer.“ Reisen wollen er und seine Frau, am Haus in Selgersdorf sei etwas zu tun. „Entschleunigung“ nennt er die Gangart für die Zukunft, nach fast 53 Jahren im Berufsleben.

Angefangen hat Ulrich Schuster mit 14 Jahren als Konditor-Lehrling. Nach einem halben Jahr stellte sich heraus, dass er eine Treibmittel-Allergie hat. Dann war Schluss mit Kuchenbacken. „Der Junge geht zum Amt“, referiert Schuster den väterlichen Rat für den weiteren beruflichen Werdegang des Filius. Es folgte eine Verwaltungslehre, danach zwei Jahre Bundeswehr und 1971 der Einstieg in die Jülicher Stadtverwaltung. 1985 wurde Schuster Bauamtsleiter in Inden, 2004 dann Bürgermeister.

„Ich war gerne Bürgermeister hier, bis zum letzten Tag“, sagt der Verwaltungsleiter und wagt damit die Prognose, dass die wenigen verbleibenden Tage den Eindruck nicht trüben. Das gilt auch für die Pro­bleme, mit denen sich Inden und damit auch der erste Bürger auseinandersetzen müssen. Das Ringen um den Haushaltsausgleich bis 2022, den Inden nach einer Auflage der Bezirksregierung schaffen muss, sei ihm immer mehr vorgekommen wie ein Kampf gegen Windmühlen.

„Sie strampeln, sie kürzen, sie sparen Stellen in der Verwaltung ein. Und dann schütten Idioten Öl in den Regenwasserkanal“, spricht Schuster die zuletzt bekanntgewordenen Fälle illegaler Öleinleitungen an, deren Entsorgungskosten dafür sorgen, dass das Minus in der Kasse trotz des Sparkurses größer wird. „Wenn Inden jetzt ein großes Spaßbad hätten oder eine Oper, dann hätte ich wenigstens etwas, das ich schließen könnte, um viel Geld einzusparen“, sagt Schuster und deutet an, dass das Ende der Einsparmöglichkeiten absehbar sei. Auch deshalb prognostiziert er Inden für die Zukunft eine „knüppelharte Zeit“.

Zwei Prinzipien seien für den Bürgermeister Schuster wichtig gewesen. „Ich konzentriere mich nur auf Dinge, die ich auch beeinflussen kann“, sagt Schuster. Mit großer Politik, beispielsweise Entscheidungen in Sachen Energie, die Inden als Bergbau-Kommune besonders betreffen, hat sich Schuster nicht mehr aufgehalten als nötig.

Zudem habe er immer Wert darauf gelegt, ein Bürgermeister für die Bürger zu sein, aber nicht zwangsweise für den Bürger. „Es gibt Menschen, die der Meinung sind, dass ein Bürgermeister alle Dinge immer sofort in ihrem Sinn entscheiden muss.“ Als Erfüllungsgehilfe für die Wünsche Einzelner hat sich Schuster nie gesehen. „Ich gehe nicht im Streit aus Inden weg.“ Und Streit soll es auch künftig nicht geben. Schuster will die künftigen Indener Dinge nicht öffentlich kommentieren wie weiland der große Bismarck, der die Politik nach seinem unfreiwilligen Ausscheiden lauthals polternd aus dem Ruhestand kommentiert hat. Schuster bemüht das häufig genutzte Bild vom lachenden und weinenden Auge zum Abschied. Der alltägliche Umgang mit liebgewonnen Kollegen werde ihm fehlen. Auf der anderen stehe eine gewonnene individuelle Freiheit.

Die ermögliche es ihm, künftig wieder mehr den sportlichen Neigungen zu frönen, die er mit seiner Frau teilt. Volleyball, Tennis, Skifahren, Schwimmen und Radfahren. Oder einfach Reisen. „Ich musste mich mein ganzes Eheleben heftig dagegen wehren, auf dem Tennisplatz gegen meine Frau zu verlieren. Sie spielt technisch und taktisch besser.“ Daran will Schuster arbeiten, ein ehrgeiziges Ziel, bei dem vielleicht doch der sture Westfale durchschimmert? „Nein, nein, alles gut“, sagt Ulrich Schuster und lacht.