Jülich: Über 40.000 Besucher wollen Kunsthandwerk in Jülich sehen

Jülich: Über 40.000 Besucher wollen Kunsthandwerk in Jülich sehen

„Ich liebe den Kunsthandwerkerinnenmarkt“ — solche Äußerungen aus strahlenden Frauengesichtern waren keine Seltenheit beim 24. Kunsthandwerkerinnenmarkt der Stadt Jülich auf dem Schlossplatz und nach dem verregneten Event im Vorjahr wieder bei bestem Wetter.

Bei der Eröffnung betonte Bürgermeister Axel Fuchs nicht ohne Stolz die beispiellose Entwicklung von der „zarten Pflanze“ zum Großevent, dank der Initiative der ehemaligen Dezernentin Katarina Esser. Zehntausende von Besuchern drängten sich ab der ersten Stunde um die Stände der 250 Ausstellerinnen aus dem „kompletten Postleitzahlen-Bereich Deutschlands und der Euregio“.

Masken-Anprobe mit tierischem Vergnügen. Foto: Jagodzinska

Am Sonntag waren sich die Verantwortlichen sicher, dass die Besucherzahlen der Vorjahre weit übertroffen wurden: die Schätzungen reichten zwischen 40.000 und 50.000 Gästen. Der nächste Rekord also.

Die doppelwandigen Brot- und Vorratsdosen aus Birkenrinde kommen ohne Nägel und fast ohne Leim aus. Foto: Jagodzinska

„Wir könnten auch 400 Stände belegen, aber dazu fehlt uns der Platz“, resümierte Jülichs erster Bürger. Fuchs, der sich bereits auf die beiden Jubiläumsveranstaltungen 2018 und 2019 freut (Silberjubiläum und Markt seit 25 Jahren) stellte den „frauenförderpolitischen Aspekt“ der Veranstaltung deutlich in den Vordergrund, gefolgt von der Tourismusförderung.

Pastellfarbene Filzblumen auf Steinsockeln. Da mag man glatt mal riechen... Foto: Jagodzinska

„Nie werden wir den Markt unter Haushaltsgesichtspunkten betrachten“, betonte er die untergeordnete Rolle von Angebot und Verkauf. In gewohnt hoher Qualität und Vielfalt präsentierten die Kunsthandwerkerinnen ihre handgearbeitete Damen- und Kinderbekleidung und Accessoires aus Naturmaterialien, süße (Kasperl)Puppen und Kuscheltiere, wertvollen Schmuck aus Edelmetallen, Filz und Emaille oder bunte Keramik- und Metallobjekte sowie ausdrucksstarke Gemälde und Fotografien.

Handgearbeiteten „Saxo­flöten“ klingen wie ein Saxophon. Foto: Jagodzinska

Brotdosen aus Birkenrinde

Demonstrationen des Kunsthandwerks, ein grüner Markt mit Korbwarensortiment und eine riesige Auswahl an internationalen Speisen rundeten die Angebotspalette ab. Zu den Highlights zählten sicher die handgearbeiteten „Saxo­flöten“ von Dhara S. Reisner aus Marl, die „selbst mal Tenorsaxophon gespielt hat“.

Ihre chromatischen Saxoflöten in den Tonlagen „B“, „C“ und „G“ über zwei Oktaven und „Penta“ für musikalische Neulinge sehen aus wie Blockflöten, klingen erstaunlicherweise aber wie ein Saxophon, manche auch ähnlich einer Klarinette. Dafür sorgt ein Rohrblatt auf dem Mundstück der leichten und robusten Flöte, die selbst aus ausgesuchtem und speziell bearbeitetem Bambus gefertigt ist. Der auf einer beigefügten Grifftabelle beschriebene Fingersatz ist zumindest für den Blockflötenspieler relativ leicht umzusetzen.

Außergewöhnlich sind auch die detailverzierten doppelwandigen Brot- und Vorratsdosen aus Birkenrinde von Irina Kepper aus Kassel, die „ohne Nagel und fast ohne Leim auskommen“ und frei sind von Farbstoffen und chemischen Zusätzen. Im Gegenzug sind sie dank des einzigartigen Rohstoffs atmungsaktiv und elastisch und bewahren das Brot lange Zeit vor dem Austrocknen. Zudem schützen die ätherischen Öle der Rinde vor frühzeitiger Schimmelbildung.

Ein Beispiel aus dem besonders breitgefächerten Bekleidungsangebot ist die beidseitig tragbare, leichte und gleichzeitig warme Wohlfühlmode aus reiner Schur- und Lammwolle von Doris Zwingelberg, die einen Hauch historischer Traditionen in ihre elegante Kleidung einwebt.

Kerzenmacherin Iris Buchmann aus Nümbrecht zündete auch an den heißen Sommertagen ihre aus pflanzlichen Stearinkugeln gefertigten Kerzen an. Sie stehen auf einer hübsch verzierten Säule aus wetterfestem Lärchenholz, Sockel und Deckel sind aus Beton gefertigt.

Zielgruppe des Bekleidungs- und Schmuckangebotes aus Frauenhand ist vor allem das weibliche Geschlecht. Dennoch begleiteten zahlreiche Herren ihre Partnerinnen und Familien. Der eine oder andere Herr schien ein Geschenk für eine Dame zu suchen. Ansonsten interessierte sich das vermeintlich „starke Geschlecht“ vor allem für Garteninstallationen, Gebrauchsobjekte und Handwerksdemonstrationen und natürlich die Speisen- und Getränkemeile.

Ein Tropfen reicht

„Dass ein Tuch so gemacht wird mit einem Tropfen (Marmorier)Farbe in einem Wasserglas, wusste ich auch nicht“, bekundete etwa ein interessierter Besucher bei einer „Marmorieren auf Seide“-Demonstration. Hier und da fand sich auch ein auf „ihn“ zugeschnittenes Angebot, etwa handgenähte Boxershorts aus reiner Baumwolle.

Auch der soziale Aspekt fehlte nicht auf dem Kunsthandwerkerinnenmarkt. Ein Beispiel ist der Damen-Lionsclub „Gavadiae“, der seine kreativen Getränke wie „Sweet Barbara“ oder „Löwenblut“ zugunsten der Demenzlotsen und der Ferienspiele für Kinder und Jugendliche aus der Region offerierte.

Begleitende Eindrücke am Rande der Veranstaltung war etwa ein Meer aus pastellfarbenen Filzblumen auf Steinsockeln, glänzende Metallinstallationen mit leuchtenden Glassteinen oder eine stattliche Reihe bunter „Spruchhölzer“.

„Sei du selbst, denn die Anderen gibt es schon“, lautete etwa ein Spruch auf einer orangefarbenen Holzlatte mit Vogelkopf. Für berührende Begleitklänge des Events sorgten neben der „Saxoflöte“ die Klangschale „Hang“, gespielte von Aiyana Kanti, und Stimme und Gitarre von Virginia Lisken, begleitet von Jo Lisken (Cajon) sowie weiterer Musiker.

(ptj)
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