Linnich/Kreis Düren: Trump-Wahl: „Politik muss das weichgespülte Gesäusel lassen“

Linnich/Kreis Düren: Trump-Wahl: „Politik muss das weichgespülte Gesäusel lassen“

Donald Trump wird im Januar als US-Präsident ins Weiße Haus einziehen. Was sagen Persönlichkeiten aus der Region und Menschen, die rund um Düren ihre Wurzeln haben, aber in den USA leben, zur Wahl?

„Ich bin Optimist“, reagiert Stephan Kufferath, Geschäftsführer von GKD Kufferath in Düren. Und als Optimist wertet er die ersten Worte des neuen Präsidenten zu seinem Wahlerfolg positiv: „Das war bemerkenswert, wie er aus dem Wahlkampfmodus umgeschaltet und sich präsidial gezeigt hat.“

Auch wenn Kufferath das Ergebnis so nicht vorhergesehen hat, kann er es sich erklären: „Es gibt in den USA ein hohes Maß an Unzufriedenheit von Leuten, die sich abgehängt fühlen und in Trump ein Ventil gesucht haben.“ Und: „48 Prozent der Amerikaner können keine Idioten sein.“

Kufferath glaubt zudem, dass Trump nicht einfach durchregieren könne. Gerade bei den Auswirkungen auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit sieht er nicht so große Gefahren, wie sie oft beschworen werden. „Ich teile ja selbst viele der Bedenken gegen TTIP. Zwischen Europa und den USA gibt es jetzt schon in vielen Bereichen festgelegte Standards und Zollfreiheit.“

Soll heißen: Ob TTIP käme oder nicht, würde kaum eine Rolle spielen. Kufferath glaubt vielmehr, dass Trump den Freihandel mit China eingrenzen werde - ein Thema, mit dem sich auch Europa werde beschäftigen müssen. Und die Lehren daraus? Das, was die Menschen beschäftigt, müsse ernst genommen werden, sagt Kufferath. Etwa wenn es um die Angst vor Überfremdung gehe, aber auch bei der Frage, wie viel Geld der Einzelne in seiner Geldbörse habe. Kufferath: „Das sehe ich doch auch bei uns im Betrieb: Über die kalte Progression werden viele unserer Beschäftigten seit Jahren abgehängt.“

Für Landrat Wolfgang Spelthahn gehört zu dieser Erkenntnis auch: „Die Politik muss das weich gespülte Talk-Show-Gesäusel lassen und Klartext sprechen. Die Menschen wollen eine Perspektive sehen. Schließlich nehmen wir doch auch bei uns wahr, dass es Leute gibt, die sich wirtschaftlich abgehängt fühlen.“

Auch Spelthahn konstatiert, dass dieses Gefühl in den USA die Haupttriebfeder zur Wahl von Trump gewesen sein könnte: „Der heute 50-Jährige fragt sich, ob er mit 80 in einem Supermarkt noch Einkaufswagen schieben muss, um sich finanziell über Wasser zu halten.“

Gerechnet hat Spelthahn mit diesem Wahlergebnis freilich nicht: „Im Bundesstaat Maryland, zu dem ja unsere Partnergemeinde Dorchester gehört, haben 63 Prozent für Clinton gestimmt. Aber bei diesem Wahlsystem spielen klare Mehrheiten keine Rolle.“

Korrespondent Ansgar Graw hat mit „diesem Wahlergebnis ganz und gar nicht gerechnet“, zumindest nicht, bis die Ermittlungen gegen Hillary Clinton wegen der E-Mail-Affäre vor anderthalb Wochen wieder aufgenommen wurden. Graw arbeitet als Auslandskorrespondent für die „Welt“ in Washington und stammt aus Gey. Seine letzten Reportagereisen hätten gezeigt, „wie weit Washington entfernt ist von den Wahrnehmungen und Problemen der Amerikaner draußen in der Provinz“.

Es sei bedrückend, wie feindselig sich die beiden Parteilager inzwischen gegenüberständen. „Die Polarisierung begann unter Bush und hat sich unter Obama verschärft, und im Moment spricht alles dafür, dass sie jetzt noch schlimmer wird.“ Nun müsse die Welt, nun müsse Deutschland einen Weg finden, mit Trump umzugehen. Der künftige Präsident sei wenig kalkulierbar, er habe kein Programm, folge keiner Ideologie.

Er entscheide aus dem Bauch — morgen leider oft ganz anders als gestern. Amerikas Führungsrolle für die westliche Welt stehe zur Disposition, und das sei besorgniserregend in einer Zeit, in der sich Beziehungen zu Russland verschlechtert hätten und der islamistische Terror und die Flüchtlingskrise in Europa „eine gemeinsame Strategie dringend nahelegen“. Diese Wahl werde die Menschen teuer zu stehen kommen, sagt Graw. „Wladimir Putin, immerhin, darf sich freuen.“

Kommunikationsberater Ulrich Stockheim ist regelmäßig in den USA. Der aus Düren stammende Journalist und Buchautor ist überzeugt, dass „die Welt jetzt nicht untergeht“. Wichtig sei, dass sich die deutsche Politik mit Trump auseinandersetze und ihm nicht abschätzig begegne. Stockheim fliegt morgen wieder nach Atlanta. Er verantwortet die Kommunikation des Landmaschinen-Herstellers Agco und hofft, dass Trump nun nicht tatsächlich für eine wirtschaftliche Abschottung sorgt.

Im Gegenteil müsse der Freihandel gefördert werden. „Hoffentlich hat Trump gute Berater und hört auf sie.“ Stockheim hofft überdies, dass Trump „nun seiner Verantwortung nachkommt“ und seine Umgangsformen verbessert. Dass er tatsächlich die Wahl gewinnt, hat Stockheim nicht überrascht. Die Berichterstattung, speziell in den USA, sei zu 95 Prozent von Wunschdenken geprägt gewesen.

Nicole Cosby, ehemalige Dürenerin, die seit vielen Jahren in den USA lebt und mittlerweile auch die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, hat Hillary Clinton gewählt. „Ich bin schockiert und hätte mit diesem Wahlergebnis zu keinem Zeitpunkt gerechnet. Ich habe lange überlegt, wie ich meinen Töchtern von diesem Wahlergebnis erzählen kann.“

Das amerikanische Volk, so Cosby, habe den Wechsel gewählt. „Ich glaube, es war keine Wahl für Donald Trump, sondern es war eine Wahl gegen die etablierte Politik.“ Es müsse gelingen, die tiefe Spaltung des Volkes zu überwinden. „Ich wünsche Trump viel Glück, dass ihm das gelingt.“

(kin/inla/bugi)