Aachen/Selfkant: Tod im Selfkant: Kein Mord aus Heimtücke, sondern „nur“ Totschlag

Aachen/Selfkant: Tod im Selfkant: Kein Mord aus Heimtücke, sondern „nur“ Totschlag

Obgleich Martin G. (63) aus Heerlen am Mittwoch vor der 2. Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht wegen Totschlags an seiner damals 54-jährigen Lebensgefährtin zehn Jahre Haft — und damit eineinhalb Jahre Haft mehr als in einem ersten Urteil — kassierte, kann der Angeklagte dennoch von Glück bei dieser Entscheidung der Kammer sprechen.

Denn es hätte bei einer Verurteilung wegen Mordes ebensogut auch eine lebenslange Haftstrafe geben können.

G. hatte am frühen Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertages 2015 seine neue Liebe, eine Altenpflegerin aus Havert, mit zwölf heftigen Messerstichen in die Brust getötet, drei davon gingen mitten ins Herz. Das Paar hatte sich erst im September 2015 über ein Datingportal kennengelernt, alles ging sehr schnell. Man fuhr gemeinsam in die Türkei in den Urlaub, der Beamte am Statistischen Amt in Heerlen kündigte seine Wohnung und zog zu seiner neuen Liebe in ein Reihenhaus in Selfkant-Havert.

Doch schon bald „zogen Unstimmigkeiten auf“, beschrieb der Vorsitzende Richter Norbert Gatzke die Lage des Paares vor Weihnachten. Trotzdem sei die Tat, da waren sich auch die Gutachter einig, völlig überraschend passiert; psychologisch habe sie keineswegs zu dem eher ausgeglichenen und stets auf Harmonie bedachten Naturell des Niederländers gepasst, der sich immer friedlich von seinen vorherigen Beziehungen getrennt hatte.

So waren denn dem Bundesgerichtshof (BGH) die Umstände der Tat nicht hinreichend von der 1. Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht, die im Juni 2016 bereits ihr Urteil — achteinhalb Jahre Haft — gefällt hatte, durchleuchtet worden. Denn nach der Tat schilderte der damals 60-Jährige die Tötung seiner Liebsten völlig emotionslos, selbst der Anruf bei den Rettungskräften etwa ein Stunde nach der Tat klingt wie ein Börsenbericht.

G. hatte angegeben, an diesem Weihnachtsfeiertag, dem zweiten, bereits morgens damit begonnen zu haben, Cola mit Dujardin, einem Weinbrand, zu mixen und in Ruhe Glas für Glas getrunken zu haben, bis er zur Tatzeit nach Berechnungen der Ärzte rund zwei Promille im Blut hatte. Als seine Partnerin gegen 14 Uhr von der Frühschicht wieder nach Hause kam, gab es wie bereits am Vortag wieder Streit.

Seine Lebensgefährtin sei so erbost gewesen, dass sie dem späteren Täter vom Speicher ein Gästebett holte und es im Obergeschoss aufbaute. Er habe bereits vorher gemerkt, dass er wohl mit dem überstürzten Einzug in Havert einen Fehler gemacht hatte; sie sei für sein Naturell zu bestimmend gewesen, es sei immer nur nach ihrem Willen gegangen, beschwerte sich der Angeklagte noch im Prozess.

Da sei ihm trotz seines ausgeglichenen Charakters und enthemmt durch den Alkoholkonsum eine Sicherung durchgebrannt, als sie auf dem Sofa im Wohnzimmer saß und vor sich hin schimpfte. Er sei wortlos in die Küche gegangen, beschrieb der Vorsitzende Richter die Szene, habe aus dem Holzblock ein etwa achtzehn Zentimeter langes Küchenmesser genommen und damit zurück ins Wohnzimmer gegangen — und habe dann so heftig zugestochen, so dass sie tot von der Couch fiel.

„Das Opfer war arglos und wehrlos, das stimmt“, beschrieb der Richter die erste Voraussetzung für einen Heimtückemord. Die zweite Voraussetzung allerdings besagt, dass auch der Täter sich völlig darüber bewusst sein müsse, diese Wehrlosigkeit des Opfers für seine Tat zu nutzen. Das aber habe man in diesem Fall nicht zweifelsfrei nachweisen können.

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