Toastmaster Club Aachen: Reden üben

Reden und moderieren : Toastmaster Club: Gewappnet für jede Gelegenheit

Schwitzige Hände, zittrige Beine und ständiges Verhaspeln – so äußert sich bei vielen Menschen Nervosität, wenn sie etwas vortragen müssen. Der Toastmaster Club Aachen bietet eine Chance, seine Redefähigkeiten zu verbessern.

Selbstbewusst tritt Rodolfo Barriga nach vorne, er hat eine Mission. 20 Leute schauen ihn voller Erwartung an. Sein Ziel: Er will es in ein­einhalb Minuten schaffen, sich mit Worten so unbeliebt wie nur möglich bei seinem Publikum zu machen.

Aufgaben wie diese bekommt man beim Toastmaster Club Aachen. Jede Woche treffen sich die Mitglieder des Vereins in der Stadtbibliothek, halten Vorträge, üben sich im Präsentieren und in spontanen Einlagen. Sie begeben sich freiwillig in eine Situation, die viele Menschen versuchen zu meiden.

So auch Rodolfo, der an diesem Abend eine der vier Stegreif-
reden zugeteilt bekommt. Seine Aufgabe: „Versuche, möglichst unsympathisch rüberzukommen.“ Zunächst wirkt der junge Bolivianer etwas unbeholfen, muss sich in seine neue Rolle noch einfinden. Nach und nach gelingt es ihm aber immer besser, auch wenn die Zuschauer ihm seine unsympathische Seite nicht so ganz abkaufen.

Längst nicht jedem fällt es leicht, frei vor Publikum zu sprechen. Im Gegenteil: Für manch einen kann es kaum eine unangenehmere Situation geben, als im Mittelpunkt zu stehen. Die Folge? Sie werden nervös, beginnen zu schwitzen, verhaspeln sich oder vergessen, was sie eigentlich sagen wollen. So ging es auch Ximeng Chen, bevor sie im Toastmaster Club Aachen war: „Ich hatte Probleme, vor einem großen Publikum zu sprechen, wurde nervös und zitterte unkontrolliert mit Armen und Händen.“ Dann entdeckte sie das Angebot der Toastmasters und besuchte den Club: „Es hat einen sicheren Raum für mich geschaffen, mich auszuprobieren und Reden zu halten, ohne das Gefühl zu haben, ich werde verurteilt oder kritisiert“, sagt Ximeng, die seit drei Jahren dabei ist. „Ich habe mich immer selbstsicherer gefühlt, und das überträgt sich auf den Alltag: Wenn ich bei der Arbeit Präsentationen halte, bin ich viel entspannter.“

Trotz der lockeren Atmosphäre bei den Toastmasters folgt der Abend einem strikten Ablaufplan, jede Minute ist durchgetaktet. Zudem werden jedem Aufgaben zugeteilt, die von Woche zu Woche wechseln. „Man muss jedes Mal eine neue Rolle einnehmen. Ziel ist es, dadurch seine Führungsfähigkeiten zu verbessern“, erklärt Rodolfo Barriga. So gibt es immer einen Toastmaster, der durch das zweistündige Treffen moderiert. Außerdem werden immer drei Sprecher im Vorhinein festgelegt, die einen Vortrag vorbereiten, der fünf bis sieben Minuten dauern soll. Jeder erhält zuerst ein kurzes, später ein ausführliches Feedback.

Auch Rodolfo, der an diesem Abend seine Spontanität unter Beweis stellen muss. Doch wie schafft man es, besonders unsymphatisch rüberzukommen? Keine leichte Aufgabe, doch Rodolfo probiert’s: „Ich bin hier, weil ich hier sein muss“, setzt er an. „Eigentlich finde ich euch nicht so nett“, lügt Rodolfo und sorgt für Gelächter. Am Ende kann ihn das Publikum immer noch gut leiden und applaudiert, wie es im Club zur guten Sitte gehört, wenn man die Bühne betritt und wieder verlässt.

Denn alle sollen hier gleichermaßen Zuspruch und Anerkennung bekommen, und sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnen. Alter, Beruf und Nationalität spielen keine Rolle. Dass die Abende abwechselnd auf deutsch und englisch stattfinden, macht auch die Teilnahme für Studenten aus dem Ausland möglich.

Außerdem kann jeder sein Thema frei wählen. Genauso wie die Form des Vortrages: etwa eine Präsentation für die Uni, die Geburtstagsrede für Oma oder eine philosophische Ausführung. Es geht darum, sich sowohl für alltägliche als auch berufliche Situationen zu wappnen. Wie wichtig es ist, sich in der heutigen Zeit „verkaufen“ zu können, macht Thomas Streuer de Haan deutlich. Er ist einer der Vorträger an diesem Abend und hat sich mit der Frage „Ist der Kommunikationsstil ein Schlüssel zu Erfolg und Glück?“ beschäftigt.

Mittig stellt er sich nach vorne, die Füße schulterbreit mit festem Stand. Seine Hände benutzt er nur wenig, um gewisse Passagen zu unterstreichen. Stattdessen arbeitet er mit Stimme und Betonung.

Auf all diese Kriterien – Körpersprache, Stimme, Blickkontakt – achten diejenigen, die am Ende für die individuellen Bewertungen zuständig sind. Auch das Zeitmanagement wird überprüft und ob Füllwörter wie „ehm“ oder „ne“ benutzt werden. Schließlich soll der Auftritt beim Toastmaster Club dem „Ernstfall“ möglichst nahe kommen.