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Fußball-Weltmeisterschaft 2022: Viel Sand, wenig Menschenrechte

Fußball-Weltmeisterschaft 2022 : Viel Sand, wenig Menschenrechte

Zur WM will der Wüstenstaat Katar ein glänzender Gastgeber sein. Die Realität sieht freilich anders aus und macht das Turnier zu einem der fragwürdigsten in der Fifa-Geschichte.

Eine Halbinsel, viermal so groß wie das Saarland, karge Wüste aus Sand, ein kaum bevölkerter Landstrich. In der Geschichte des Globus ist das Emirat Katar bisher kaum aufgefallen. Vor 100 Jahren lebten hier fast ausschließlich Beduinen. Heute steht Katar im Fokus der Weltöffentlichkeit. Mit dem Anpfiff am Sonntag wird erstmals eine Fußball-WM in der arabischen Welt ausgetragen. Und erstmals kurz vor dem Jahreswechsel. Und selten zuvor stieß ein WM-Gastgeber weltweit auf derart massive Kritik, insbesondere wegen Menschenrechtsverletzungen.

Katar, das ist auch die Geschichte von Aufstieg und Transformation eines Landes in hoher Geschwindigkeit. Das erste Öl wurde Ende der 1930er Jahre gefunden. Fahrt nahm der Wandel aber erst in den 1990er Jahren auf. Binnen Jahrzehnten hat sich das Emirat vom kargen Flecken zu einem modernen Staat entwickelt. Einher ging dieser Prozess mit einem Wandel der Gesellschaft, der anderswo Jahrhunderte gedauert hat. Vom Wüstenzelt in glitzernde Hochhäuser im Rekordtempo. Vom bescheidenen Beduinen zum reichen Scheich im Schnellverfahren.

Katars beduinisches Erbe ist noch überall zu sehen und zu spüren. Wer die Hauptstadt Doha verlässt, landet sofort in der Wüste. Jahrhundertealte Traditionen zeigen sich auch in konservativen Familienstrukturen – nicht zuletzt in der Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen, die für viele Entscheidungen die Zustimmung eines Mannes brauchen, wie Menschenrechtler beklagen. In der Ablehnung von Homosexualität oder Liebesbekundungen wie Küsse in der Öffentlichkeit spiegelt sich eine Lesart des Islam wider, die am Golf seit Jahrhunderten gilt.

Sechs philippinische Arbeiter teilen sich ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer: Die Lage der Gastarbeiter beim Bau der Stadien in Katar wurde vielfach angeprangert. Tausende sollen auf den Baustellen gestorben sein. Wie viele genau, ist unklar. Foto: imago
Sechs philippinische Arbeiter teilen sich ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer: Die Lage der Gastarbeiter beim Bau der Stadien in Katar wurde vielfach angeprangert. Tausende sollen auf den Baustellen gestorben sein. Wie viele genau, ist unklar. Foto: imago

Vor allem die junge Generation wendet den Blick stark gen Westen, nach Europa, insbesondere aber in die USA. Gewachsen seien in den vergangenen Jahren die Spannungen „zwischen traditionell islamisch geprägten und progressiven, dem Westen gegenüber aufgeschlossenen Bevölkerungsgruppen“, schreibt der Politikwissenschaftler Nicolas Fromm in seinem gerade erschienen Länderporträt. In Katar habe sich eine „islamische Moderne herausgebildet, die zwischen Religion und Geschäft, Konservatismus und Weltoffenheit zu vermitteln sucht“.

Selbst Menschenrechtsorganisationen räumen ein, dass das Land bei den Frauenrechten einige Fortschritte erzielt hat. So gebe es in dem Land mehr weibliche als männliche Hochschulabsolventen. Viele Frauen seien Unternehmerinnen, Ärztinnen oder Anwältinnen.

Anders als der große Nachbar Saudi-Arabien legt das Emirat auch einige traditionelle Regeln des Islam liberaler aus. Alkohol etwa ist für Ausländer erlaubt, darf jedoch nur in Hotels und einem einzigen Geschäft in Doha verkauft werden. Bei der WM wird es in den Fanzonen Bier, Wein und mehr geben. Auch im Umkreis der Stadien soll Alkohol ausgeschenkt werden, in den Arenen selbst nicht. Ein Kompromiss, der zwei Welten zusammenbringen soll.

Die Katarer hoffen, sich als glänzender Gastgeber für Fans aus aller Welt präsentieren zu können. Die allermeisten Besucher jedoch werden wenig bis keinen Kontakt zu Katarern haben. Knapp drei Millionen Menschen leben in dem Emirat, doch nur rund zehn Prozent haben einen einheimischen Pass. 

Der Rest sind Arbeitsmigranten, nur auf Zeit in Katar, ohne Aussicht auf eine Staatsbürgerschaft. Im täglichen Leben prägen sie das Bild: Egal ob das Servicepersonal im Hotel, Taxifahrer oder die Bedienung im Restaurant – überall sind Ausländer im Einsatz. Wenn Katar nicht als freundlicher Gastgeber wahrgenommen wird, sondern als Land, das sich mit seinem Reichtum aus Öl und Gas von Migranten bedienen lässt, dann könnte sich in den westlichen Ländern das Klischee des „schwerreichen Ölscheichs“ verfestigen.

Verantwortlichen in Katar schwant immer mehr, dass Katars Plan zumindest beim Publikum im Westen nicht aufgeht. Zuletzt waren aus dem Emirat schärfere Töne zu hören, die Enttäuschung verraten. Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani warf der deutschen Politik kürzlich „Doppelmoral“ vor. Das ist oft aus Doha zu hören: Dass der Westen laut die Menschenrechte im Emirat kritisiert – aber gern mit dem Land zusammenarbeitet, wenn es um Gaslieferungen oder Investitionen geht. 

WM-Turnierchef Nasser al-Khater sprach in einem Interview des in Doha ansässigen Nachrichtenkanals Al-Dschasira von einer „bösartigen Kampagne“, die mit der WM-Vergabe an das Emirat begonnen habe. Hinter mancher Kritik steckten „politische Ziele“ oder „Rassismus“. Der DFB, über Monate mit eigenen Führungskrisen beschäftigt, schlingerte in der Katar-Frage lange und tat sich schwer, die richtige Rolle der Nationalmannschaft in der Diskussion zu finden. Profis wie Joshua Kimmich und Leon Goretzka prägen inzwischen das Bild des mündigen Nationalspielers. Der 22 Jahre alte Nico Schlotterbeck reflektierte Ende Oktober im ZDF-„Sportstudio“: „Dass die WM nicht nach Katar gehört, das wissen wir alle. Dass die WM nicht in den Winter gehört, sondern in den Sommer, dass wissen wir auch.“