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Gladbachs 1:1 gegen die Bayern: Wenn dem Trainer die Haare zu Berge stehen

Gladbachs 1:1 gegen die Bayern : Wenn dem Trainer die Haare zu Berge stehen

Erregende Minuten für Adi Hütter, nicht nur während des 1:1 seiner Mönchengladbacher am Freitagabend gegen die Bayern im Borussia-Park. Auch das Wochenende wird für Gefühlsspitzen beim neuen Trainer gesorgt haben.

„Bei der Analyse wird es einige Situationen zu sehen geben, bei denen mir die Haare zu Berge stehen werden“, prophezeite der 51-Jährige am Freitag kurz vor Mitternacht. Nun benötigt man einige Fantasie, um sich die entsprechende Frisur vorzustellen. Aber das wird auch bei Julian Nagelsmann nicht einfacher werden.

Beide Trainer fanden das Bundesliga-Auftaktspiel zwar „attraktiv“ und „unterhaltsam“. Doch auch der Bayern-Neuling wird bei der Nachbearbeitung besonders der Anfangs- und Schlussphase elementare Schwächen seiner Mannschaft entdecken, einige hatte er bereits kurz nach dem Spiel parat. „Wir hatten viele Ballverluste in der Spieleröffnung und waren nicht so scharf wie nach den ersten 17 Minuten.“

Da stand es aber bereits 1:0 für die Gastgeber – hochverdient. Es hätte auch mit etwas mehr Konzentration ein 3:0 sein können. Erst der dritte Versuch der Gladbacher führte zum Erfolg: Alassane Pléa vollstreckte nach einem akkuraten Schnittstellenpass von Patrick Herrmann und einer anspruchsvollen Weiterleitung per Grätsche von Lars Stindl eiskalt zur Führung (10.). Der Jubilar hätte bereits zuvor einnetzen können. Doch Herrmann verzog erst knapp nach einem Pléa-Zuspiel und passte wenig später den Ball minimal unsauber zum durchbrechenden Stindl.

Ein Feuerwerk hatte Julian Nagelsmann vor dem Duell der Traditions-Clubs ausgeschlossen. In der Anfangsphase widerlegten die Gladbach-Profis den jungen Bayern-Coach (34). Das dürfte dazu geführt haben, dass bei seinem Gegenüber die körperlich sicht- und spürbaren Emotionen lange aktiv blieben. Dabei ging es um die gleiche atavistische Reaktion, diesmal aber um eine positive Variante: die Gänsehaut. Die Haare standen bei Hütter schon während des Spiels zu Berge, diesmal aber nur die kleinen am Körper. „Die Athmosphäre war einfach genial.“

Die knapp 23.000 zugelassenen Zuschauer wuchsen akustisch bereits vor dem Anpfiff über sich hinaus, Leidtragender hier erst mal Stadionsprecher Torsten Knippertz, der trotz hochgedrehter Mikropower kaum zu verstehen war. Und diese von Fans und Aktiven so lange so schmerzlich vermisste Unterstützung mündete in eine Co-Produktion frei nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“: Beflügelt durch die Sprechchöre setzten Stindl & Co. den Spielplan ihres neuen Trainers vorbildlich um.

Das Gladbacher Überfallkomando ließ dem Favoriten keine Luft, um sein notorisch dominates Spiel aufzuziehen, sie jagten den Meister von einer prekären Aktion in die andere. „Gegen die Bayern muss man, was unter anderem die Laufbereitschaft betrifft, unheimlich viel investieren“, sagte Hütter. „Das haben die Jungs versucht umzusetzen.“ Aber auch, wenn er einschränkend zugesteht: „Alles kann man gegen diesen Gegner nicht verteidigen.“

Die Mittelphase der Partie schreit, wie bereits vom Fußballlehrer angekündigt, nach neuen oder zu wiederholenden Lektionen. Ohne einen brillant haltenden Yann Sommer hätte Borussia diese rund 50-minütige Phase nicht nur mit einem Gegentor überstanden. Lediglich einmal verlor der Schweizer Torhüter das Privat-Duell mit Ausnahmestürmer Robert Lewandowski, als dieser relativ läppisch und begünstigt durch einen Sekundenschlaf von Nico Elvedi einen Eckball aus kurzer Distanz zum 1:1 verwerten konnte (42.).

Dieser Treffer war nur ein unzulänglicher Zeuge der extremen Überlegenheit der Münchner. Hütter wird noch hart daran arbeiten müssen, dass seine Jungs auch in derartigen Extremsituationen Fußball spielen und sich strukturiert aus der Umklammerung lösen können. Das geschah am Freitagabend erst wieder, nachdem Hütter Marcus Thuram und Jonas Hofmann eingewechselt hatte. Besonders der französische Stürmer lehrte nicht nur im Duell mit seinem körperlich nicht weniger starken Landsmann Dayot Upamecano die Bayern-Abwehr das Fürchten.

Offensichtlich war Schiedsrichter Marco Fritz von dieser ungewöhnlichen Konstellation so irritiert, dass er zwei Entscheidungen traf, die noch irritierender waren. Zweimal brachte Upamecano den Gladbacher Stürmer ím 16er zu Fall. Beide Male gab es keinen Strafstoß, beim ersten aktiv unterstützt vom Videoassistenten, beim zweiten passiv, weil Christian Dingert es nicht mal für nötig hielt einzugreifen. „Eine Frechheit“, zeterte nicht nur Kapitän Stindl.

Hütter sträubten sich die Haare diesmal als Ausdruck seiner Kampfbereitschaft – für seine Verbal-Attacke sah er Gelb. Das hinderte den Österreicher allerdings nicht, das 1:1 später als „gerecht“ zu bezeichnen. Doch für ein moralisch sauberes Ergebnis zu sorgen, ist – noch – nicht die Aufgabe der Schiedsrichter.