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Köln: Wechsel von Anthony Modeste: Tony und das Transfertheater

Köln : Wechsel von Anthony Modeste: Tony und das Transfertheater

Und dann war der heftig Umworbene plötzlich doch weg. „Das ist mir nicht leicht gefallen“, sagte Kölns Ausnahmestürmer, „der FC, die Fans und die Stadt sind für mich etwas ganz Besonderes. Ich werde den FC immer im Herzen tragen.“ So lautete die fast schon obligatorische Liebeserklärung des Abwanderungswilligen.

Die Geschäftsführung des Klubs beschäftigte sich zu diesem Zeitpunkt schon mit dem absehbar nächsten anstehenden Abstieg, unterstellte der sportlichen Leitung, sie würde nicht „Kompetenz und Kontinuität verkörpern“ und ließe „Teamfähigkeit und Professionalität im Umgang miteinander“ vermissen.

Nein, die Handelnden sind natürlich nicht Anthony Modeste, Jörg Schmadtke, Alexander Wehrle und Peter Stöger. Die Geschichte handelt von Lukas Podolski, Claus Horstmann und die damals frisch entlassenen Volker Finke und Stale Solbakken. Schwer zu glauben ist allerdings, dass zwischen dem damaligen „kölschen Weltuntergang“ und dem erneut aufgeflammten Werben des chinesischen Klubs Tianjin Quanjian um 25-Tore-Stürmer Anthony Modeste gerade einmal 60 Monate liegen, und nichts kann besser die Entwicklung des Klubs in der Domstadt in den vergangenen fünf Jahren beschreiben.

Die aktuelle Situation

Eigentlich war der Rekordtransfer ins Reich der Mitte schon geplatzt, zu unverschämt erschienen Schmadtke die Forderungen der beiden Berater Patrick und Etienne Mendy, die für Modeste die Verhandlungen geführt hatten und nun ihre Dienste mit sechs Millionen Euro vom FC versüßt sehen wollten.

Zudem wollte Tianjin die kolportierte Ablösesumme von rund 35 Millionen Euro für den Franzosen in Raten abbezahlen. Dass es richtig war, dass sich Schmadtke — die Rekordeinnahmen vor Augen — nicht auf diesen Deal einließ, zeigt die Tatsache, dass die Parteien offenbar nun an den Verhandlungstisch zurückgekehrt sind. „Es scheint so, als dass sie sich dorthin bewegen, wo es für uns akzeptabel wäre“, ließ der 53-Jährige verlauten — aber nicht, ohne nachzuschieben: „Fakt ist, es ist noch nichts unterschrieben.“ Nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Bankguthaben ist besser.

Und auch die Pressestelle des FC, deren Hauptbeschäftigung in früheren Jahren das Bestätigen von brühwarm aus der Kabine an den Boulevard weitergetragenen Informationen war, hält sich bedeckt, auch wenn die „Bild“-Zeitung mindestens zum fünften Mal den Modeste-Transfer als perfekt meldet. „Von unserer Seite wird es heute voraussichtlich keine schriftliche Bestätigung geben“, erklärte Tobias Kaufmann, Leiter Kommunikation beim FC, gestern auf Anfrage. „Aber wir wissen ja auch, wie das Geschäft ist.“

Der Spieler

Noch am Montag hatte der 29-jährige Modeste nach dem Auftakttraining auch abseits des grünen Rechtecks eine bemerkenswerte One-Man-Show abgeliefert. Der Stürmer verließ als Letzter den Platz, herzte so gut wie jeden der rund 2000 Fans, nahm Kleinkinder auf den Arm, schrieb eine halbe Stunde lang Autogramme und verschenkte dann auch noch sein letztes Hemd — so der Transfer denn zustande kommt. Die (vorgeschriebene?) Liebeserklärung schien aus dem Ouevre Podolskis zu stammen — und war eigentlich an das FC-Geschäftsführer-Duo Schmadte und Wehrle gerichtet, das darin ausdrücklich ausgespart war. Das folgende Sechs-Augen-Gespräch dauerte fast so lange wie ein Fußballspiel — und keinerlei Einzelheiten drangen heraus. Gestern Morgen trainierte Modeste noch mit dem FC, von der Nachmittags-Einheit wurde er nach freigestellt, um Gespräche führen zu können.

Der Trainer

Sollte das Wort Pragmatismus für jemanden Bestimmtes erfunden worden sein, Kölns Trainer Peter Stöger wäre ein heißer Kandidat dafür. Lamentieren gehört nicht zum Repertoire des 51-Jährigen, stattdessen vermittelt er den Spielern, mit denen er arbeiten kann — oder muss — Selbstvertrauen. Ausgezahlt hat sich das bereits in der abgelaufenen Saison, als der FC trotz der Verletztenmisere das Ziel „internationaler Startplatz“ erreichte.

Die Mannschaft ist gut eingespielt, und mit Neuzugang Jhon Cordoba steht so oder so eine wuchtige Alternative im Sturmzentrum zur Verfügung. Folgt der Franzose dem Lockruf des Geldes, dürfte noch ein Zugang für den Angriff folgen. Mit den wieselschnellen Marcel Risse und Leo Bittencourt und Serouh Guirassy auf den Außenbahnen sowie Yuya Osako hinter den Spitzen ist der FC auch darüber hinaus offensiv gut aufgestellt.

Die Zukunft

Die Podolski-Millionen vom FC Arsenal wurden damals investiert: in Abfindungen und den Schuldendienst. Das dürfte diesmal anders laufen, denn die Verbindlichkeiten wurden bereits in den vergangenen Jahren planvoll abgebaut. Für Schmadtke gibt es also die Chance, den Kader durch Zukäufe aus dem (möglichen) Modeste-Transfer auf ein höheres Niveau zu bringen.

Da macht es sich auch bezahlt, dass Kölns Manager zuletzt mit Investitionen zurückhaltend war, stattdessen die Verträge mit den Leistungsträgern zu verbesserten Konditionen verlängerte und Ausstiegsklauseln strich. Und sollte der Königstransfer doch noch scheitern, kann man allen Beteiligten zumindest einen Glückskeks backen mit der chinesischen Weisheit: „Der Narr tut, was er nicht lassen kann; der Weise lässt, was er nicht tun kann.“