Aachen: Vor zehn Jahren: Wie Alemannia den Bundesligaaufstieg feierte

Aachen: Vor zehn Jahren: Wie Alemannia den Bundesligaaufstieg feierte

Am Samstagnachmittag könnte Thomas Stehle noch einmal ins Pontviertel gehen, gegen 16.49 Uhr einen Jubelschrei ausstoßen und eine Runde Bier bestellen. So wie er es vor zehn Jahren gemacht hat.

An diesem 16. April 2006, einem herrlichen Ostersonntag, stieg Alemannia recht teilnahmslos in die Bundesliga auf, weil Konkurrent Spielvereinigung Fürth in Saarbrücken 0:1 verlor und aussichtslos zurückfiel. Dieser Schlusspfiff in Saarbrücken war gleichzeitig der Startschuss für eine der größten Sausen, die Aachens Studentenviertel je erlebt hat. Aber weder Stehle noch all‘ die anderen Aufstiegshelden werden an diesem Samstag feiern. Der Tag wird ereignislos vorbeiziehen.

Vor zehn Jahren war das leicht anders. Der Aufsteiger spielte einen Tag später gegen den VfL Bochum, und hätte es vor dem Spiel gegen den späteren Meister Alkoholkontrollen gegeben, wären viele Profis definitiv aus dem Verkehr gezogen worden. Siegestrunken standen die Aachener auf dem Platz und nahmen heiter angeheitert ein 0:2 entgegen. Die Feier hatte Spuren hinterlassen. „Es hatte sich herumgesprochen, dass wir da sind, immer mehr Fans strömten herbei“, erinnert sich Stehle. Irgendwann tauchten auch Dieter Hecking, sein ewiger Assistent Dirk Bremser und Jörg Schmadtke auf.

Die Verantwortlichen zogen sich nach ein paar Stunden zurück mit der Maßgabe: „Feuer frei, wir treffen uns morgen vor dem Spiel wieder.“ Die Feier sollte nicht durch einen Zapfenstreich begrenzt werden. Die Party kannte keine Limits, die Erinnerungen sind teilweise verblasst, und alle Details will Stehle auch nach zehnjähriger Schweigepflicht nicht hervorkramen. Etwa die Episode vom einem Spieler, der morgens schlafend in der Küche gefunden wurde und der einen großen Kessel wie eine Siegestrophäe im Arm hielt. Es war ein spezieller Abend, auf den der Verein Jahrzehnte gewartet hatte.

Stehle war 2004 vom 1. FC Nürnberg nach Aachen gewechselt, als Alemannia gerade aufblühte. „Wir hatten eine coole Mannschaft, die auch oft nach dem Training zusammengeblieben ist. Da konnte sich jeder auf den anderen verlassen — auch auf dem Spielfeld.“

Stehle hat viele Trainer kommen und gehen sehen. Fachlich gute, menschlich integre. „Dieter Hecking hatte beide Komponenten. Er war der Beste. Was er machte, hatte Hand und Fuß.“ Es entwickelte sich eine Glaubensgemeinschaft am alten Tivoli. „Wir waren sicher, dass wir aufsteigen.“ Stehle kennt viele Geschichten aus der guten alten Zeit, „als es keine Unruhe im Verein gab, denn das strahlt auch immer auf eine Mannschaft aus“.

Der 35-Jährige sagt, einen solchen Zusammenhalt habe er nie wieder erlebt. Als Emotionsregler war damals Jörg Schmadtke eingesetzt. Der Manager war damals häufig antizyklisch unterwegs. Nach Siegen motzend, nach Niederlagen lobend. „Viele Dinge, die er gemacht habe, habe ich erst mit Abstand verstanden“, sagt Stehle.

Der Verteidiger und seine Ehefrau Semra stammen beide vom Bodensee, sie sind in der Region sesshaft geworden. Für die Bundesliga-Spielzeit hat der Dauerpatient dann doch einen Vertrag in Aachen erhalten, obwohl er zunächst in den Planungen keine Rolle mehr spielte. Stehle ist bei Alemannia gelieben, in seiner Profizeit hat er nur für zwei Vereine gespielt.

Kurz vor der Insolvenz am Tivoli zog sich der Innenverteidiger einen komplizierten Armbruch zu. Er kam nicht mehr zurück. Das Ende ist fast tragisch für einen Spieler, der nach einem komplizierten Knorpelschaden im Knie nach 18 Monaten ein Comeback feierte. Der Ex-Profi hatte mit dem Ex-Manager Erik Meijer einen Anschlussvertrag ausgehandelt, aber die weitere Verwendung war noch vage. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Aus Stehle wurde ein Student der Betriebswirtschaft, der im vierten Semester an der FH in Aachen unterwegs ist. „Ich versuche, mich anzustrengen“, sagt der 35-Jährige. „Die Zeit der Albernheiten ist vorbei.“ Konkrete Planungen gibt es noch nicht, ihn ziehe es eher in den kaufmännischen Bereich, sagt Stehle, der zur aktiven Zeit auch ein Sportmanagementstudium absolviert hat. Und es müsse auch nicht zwingend die Sportbranche sein.

Nur noch selten am Tivoli

Fußball spielt er noch regelmäßig in Alemannias Traditionself. Dort ist er der jüngste Hüpfer, auch wenn das sein ramponiertes Knie häufig vergisst. Am Tivoli ist er nur noch selten. Er verfolgt interessiert die Ereignisse, wundert sich, „dass Konflikte öffentlich ausgetragen werden“. Die Kontakte mit den meisten Profis haben sich verflüchtigt, Stehle trifft sich noch regelmäßig mit Spielern, die nach ihrer Karriere nicht weggezogen sind. Mit Kai Michalke, Thomas Hengen oder Sascha Rösler sitzt er dann im Pontviertel und erinnert sich an die guten alten Zeiten und eine herrlich improvisierte Aufstiegsfeier vor zehn Jahren.