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Borken: Von Narmit bis For Pleasure, von Panama bis Anka: Ein Besuch bei Marcus Ehning in Borken

Borken : Von Narmit bis For Pleasure, von Panama bis Anka: Ein Besuch bei Marcus Ehning in Borken

Das Ortsschild honoriert (noch) nicht die „Anwesenheit” des berühmtesten Dorfbewohners: Borkenwirthe statt Ehningville. Marcus Ehning liebt die Beschaulichkeit seiner westfälischen Heimat.

Und genießt es auch, wenn er - selten genug - auf kleineren Turnieren wie auf dem nahen Hof Pröpsting auftreten pardon -reiten kann. „Da muss ich kaum Autogramme geben. Es ist vor allem Fachpublikum vor Ort.”

Trainingsarbeit nennt der 27-Jährige diese Stipp-Visiten. Die Autogramm-freie und trainingsorientierte Zeit ist allerdings erst einmal für sechs Tage vorbei. Für knapp eine Woche ist für den Olympiasieger ausnahmsweise einmal nicht Borken sondern Aachen der Nabel der Reit-Welt.

Hier droht zwar eine Sehnenscheiden-Entzündung durchs Autogramme-Schreiben, dafür winkt aber die sportliche Herausforderung, endlich einmal den Großen Preis von Aachen zu gewinnen. „Eines meiner großen Ziele.”

Mit dem Weltcupsieger sprachen in seinem westfälischen Refugium die AZ-Redakteure Helga Raue, Bernd Schneiders und Michael Jaspers (Fotos).

Die zögerliche Annäherung der rheinischen Besucher auf dem Ehningschen Hof endet mit einem Aha-Erlebnis: 10 Uhr morgens, sonniges aber windiges Wetter, Marcus Ehning sitzt auf einem Pferd. Die Frisur sitzt auch - vorbildlich unter einer Reitkappe. Arbeitstag eines Mannes, der eigentlich immer im Aufbruch ist. „Letztens war ich einmal vier Tage am Stück hier. Aber das war eher ein kleines Wunder”, erzählt der Rotschopf.

Vielleicht auch deshalb wird Hildegard Ehning in der Gesprächsrunde schon mal von ihren Muttergefühlen übermannt: „Trink, Junge! Du trinkst doch viel zu wenig.” Die Zurückhaltung scheint nicht nur bei der flüssigen Nahrungsaufnahme seine Natur zu sein.

Auch wenn sie mit den Jahren und den Erfolgen abgenommen hat. „Früher hatte ich sogar Schwierigkeiten, mir eine Cola zu holen”, schmunzelt der Bilderbuch-Westfale. Zum Sektschlürfer oder zur Plaudertasche ist er dennoch nicht degeneriert.

Doch aus dem schüchternen Schweiger ist ein Akzente-Setzer geworden. „Ich sage wohl meine Meinung. Manchmal auch zu viel”, beschreibt er seinen Hang, auch mal bar jeder Diplomatie Klartext zu sprechen. Wie etwa vor gut zwei Jahren beim Stuttgarter Hallenturnier, als er alle überraschte und im Fernsehinterview den Parcoursaufbau unverblümt kritisierte.

Dass seinen Sponsoren eine extrovertiertere Art lieber wäre, glaubt der 27-Jährige nicht. „Es geht um die Pferde. Darum kümmern wir uns den ganzen Tag, auch damit was nachkommt. Und deshalb ist den Sponsoren große Beständigkeit lieber.”

Da ist es kein Wunder, dass er dann aufblüht, wenn er über seine Pferde redet. Über seine tägliche Arbeit mit ihnen, die zu Hause morgens um Fünf beginnt und abends um Neun endet - oder auch nicht. „Sie müssen sich wohlfühlen” lautet sein Credo als Züchter und als Reiter.

Und der fröhliche Wieher-Empfang in jeder Box bestätigt seine sensible Art, mit den Vierbeinern umzugehen. Richtig ins Schwärmen kommt der kühle Borkener, wenn es um For Pleasure geht.

Und da lässt er sich auch nicht irritieren vom scheinbar ernüchternden Urteil des Boxen-Besuchers: „Oh, den hätte ich mir viel größer vorgestellt . . .” „So ergehts vielen. Aber For Pleasure macht sich groß, wenn er unter dem Sattel ist.”

Und die wahre Größe seines Parade-Pferdes, mit dem er den Durchbruch zum Spitzensport schaffte, umschreibt er anschaulich: „Sobald er die Glocke hört, hat er 100 PS mehr. Und sobald er durch ist, lässt er den Kopf hängen - und frisst.”

Weltmeisterliche Gelassenheit des Ausnahme-Hengstes, dem er sich durch die zahlreichen Erfolge besonders verbunden fühlt. Doch die Liebe zu seinen Pferden ist nicht auf Lorbeer gebettet, definiert sich nicht durch die Anzahl der Goldmedaillen und Meisterschärpen. Ob er sich denn noch an sein erstes Pony erinnere, wird der Springreit-Profi gefragt.

Als Antwort erfolgt ein kleiner Gang zur größten Box des Anwesens. Tür auf, und der Olympiasieger stellt sein lebendiges „Schaukel-Pferd” vor, das Tier, mit dem alles begann. „Narmit, mein erstes Pony, jetzt 27 Jahre alt.” Der 1,48 m große Schimmel frisst sein Gnadenbrot.

Die Treue zum „Erstling”, die Dankbarkeit in Richtung For Pleasure: Wer mag da wohl sein erklärter Liebling sein? „Panama” lautet die verblüffende Antwort. Die Stute, mit der auch sein Bruder Johannes Junioren-Europameister wurde, und die inzwischen in der Zucht ist.

Warum? „Sie hat einfach einen tollen Charakter”, lobt Marcus Ehning die Rheinländerin aus der Zucht von Ex-Weltmeister Norbert Koof. Die Einschätzung teilt er mit seinem Vater Richard.

Der 56-Jährige hängt so an Panama und Marcus Weltcup-Siegerin Anka, dass er „beide am liebsten mit ins Bett nehmen würde”. Das wäre ein eindrucksvolles Quartett: Panama ist tragend von For Pleasure.

So viel Zuneigung zum „Lebensmittel” Pferd überrascht bei einem Mann, der weiterhin auch als Viehhändler sein Geld verdient und den man sich mit seiner breitschultrigen Figur eher beim Handschlag-Feilschen mit den benachbarten Bauern vorstellen kann denn als Quasi-Manager seiner berühmten Söhne.

Doch Richard Ehning, der selbst nie geritten ist, hat sich den Blick für viel versprechende Pferde mit den Jahren angeeignet. Und den für die eigenen Söhne nie verloren. „Marcus musste sich alles erarbeiten, für Johann war das wesentlich leichter.”

Und wo er gerade bei der Analyse dabei ist, kratzt Vater Ehning auch genüsslich am Image des ach so coolen Marcus. „Der kann auch ganz schön explodieren. Nach wie vor ist er recht ungeduldig.” „Aber früher war ich viel aggressiver”, kommt die Replik seines Sohnes.

Und da muss auch der strenge Vater (Haar-)Farbe bekennen. „Stimmt. Als Marcus zur Welt kam, war er richtig rot. Das nimmt immer mehr ab.”

Nicht aber die Zuneigung zu seinem Lieblings-Fußballverein. Zwar bekennt Marcus „Ich werde nie von hier wegziehen”. Doch beide Brüder sind „Rote”, Bayern-Anhänger und damit Abweichler. Vater Richard hats eher mit dem Lokalkolorit, der Farbe Blau - er ist Schalke-Fan.

Doch den Familienfrieden gefährdet das nicht. Eher die Kicks der Brüder auf dem Hof, wo extra ein Tor aufgebaut ist. Dann sind die Schienbeine rot und blau. Bis „Ober-Schiedsrichterin” Hildegard pfeift - Essenszeiten sind heilig und werden streng eingehalten.

Und so bekommen auch die rheinischen Besucher in der Nachspielzeit um kurz nach Zwölf unnachgiebig die Rote Karte gezeigt - Platzverweis.