Aachen: Voltigieren: Sturz, Schrecksekunde und dann der Sieg

Aachen: Voltigieren: Sturz, Schrecksekunde und dann der Sieg

Die Spitzenteams machten es noch einmal spannend. Vor dem letzten Test auf Platz 4 rangierend, setzte die französische Voltigier-Gruppe „Ecurie de la Cigogne“ ein Ausrufezeichen. Alles lief glatt, nachdem die Franzosen in der ersten Kür einen Sturz zu verzeichnen hatten. Dann trat das für Österreich startende Team Wildegg an, und diesmal stürzte einer ihrer Voltigierer, was die Richter deutlich quittierten. Es folgte der Titelverteidiger.

Das Stadion bebte, die Spannung war extrem, als Neuss-Grimlinghausen zu seiner interstellaren Kür ansetzte. Perfektion, verbunden mit höchstem Schwierigkeitsgrad. Neuss turnte souverän, bis zur Schrecksekunde: Ein Sturz und zwei Bodenberührungen kosteten Punkte. Trotzdem gab es noch eine artistische Teilnote von 9,8 — eine 10,0 bedeutet Perfektion. Doch insgesamt ließ Neuss völlig ungewohnt Federn.

Mit einer interstellaren Kür hoch hinaus: Das Team Neuss-Grimlinghausen verteidigte den Europameistertitel im Voltigieren - obwohl es einen Sturz und zwei Bodenberührungen gegeben hatte. Foto: Thomas Rubel

Nun blieb offen, ob es für den erneuten Titel reichen würde, denn das Schweizer Team Lütisburg hatte in seinem ersten Freestyle-Test keine Schwächen gezeigt und wartete vor dem Stadion. Die Lütisburger behielten die Nerven, der Beginn ihrer Schwanensee-Darbietung war makellos, bis auch sie zweimal die Zuschauer den Atem anhalten ließen: wieder ein Sturz, weitere Punktabzüge. Mit diesen Patzern war der Titel außer Reichweite.

In Sachen Stimmung führend

Neuer Europameister ist der bisherige, das deutsche Team Neuss-Grimlinghausen, was die Zuschauer wie am Vortag die männlichen Einzelvoltigierer beinahe ekstatisch feierten. So viel Stimmung hat keine der anderen Disziplinen erreicht — und so viele Medaillen auch nicht. Die deutschen Starter beendeten die Europameisterschaft im Voltigieren mit zwei Gold-, drei Silber- und einer Bronze-Medaille. „Die Küren der Top-Teams haben inzwischen einen solchen Schwierigkeitsgrad, wir bewegen uns ständig auf Messers Schneide“, formulierte die Neusser Longenführerin Jessica Lichtenberg.

Bundestrainerin Ursula Ramge pflichtete ihr bei. Die Pferden seien nicht Auslöser für den Sturz-behaftete letzten Tag der Gruppen-Voltigierwettbewerbe gewesen, sie zeigten sich trotz der Atmosphäre durchaus entspannt. „Ich hoffe nicht, dass sich unser Sport so entwickelt wie das Eiskunstlaufen, bei dem die Stürze quasi mit dazu gehören“, erklärte die Bundestrainerin mit einem Schmunzeln. Nur am Rande: Bei keinem der Stürze verletzte sich ein Voltigierer ernstlich.

Corinna Knauf, nach dem dritten Test vom ersten auf den dritten Rang zurückgefallen, erkämpfte sich ihre Silber-Medaille bei den weiblichen Einzelvoltigierern reglerecht. In der Technik hatte sie gepatzt, doch sie blieb humorvoll: „Offensichtlich kann ich besser angreifen als den Platz halten.“ Einzig der Schweizerin Simone Jaiser, die während des kompletten Wettbewerbs kaum Schwächen gezeigt hatte, musste sie sich geschlagen geben.

Am Vortag hatten die deutschen Männer bewiesen, dass sie derzeit das Maß aller Dinge sind: Championats-Neuling Jannis Drewell aus dem westfälischen Steinhagen erturnte mit seiner Shaolin-Kür den Titel, die Brüsewitz-Brüder Thomas und Viktor aus Garbsen erreichten als gestiefelter Kater und Interpret des Grönemeyer-Songs „Der Weg“ Rang zwei und drei. „Ich habe das erst verstanden, als die Bundestrainerin es mir gesagt hat. Ich bin Europameister, das ist der Wahnsinn!“, jubelte der 24-jährige Drewell, der zur Sportfördergruppe der Bundeswehr gehört. Passenderweise war Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Publikum und gratulierte dem Mitglied der Truppe höchstpersönlich.

Im Pas de Deux schafften es Pia Engelberty und Torben Jacobs, ihre Zweitplatzierung nach dem ersten Test zu halten. Zwar kratzten sie ganz nahe an die Leistung der amtierenden Weltmeister, Jasmin Lindner und Lukas Wacha aus Österreich. Nicht überraschend, dass Bundestrainerin Ursula Ramge ein beinahe euphorisches Fazit zog: „Wir haben so viel bei diesem Championat erreicht, mehr geht nicht.“

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