Volleyballerinnen-Bundestrainer im Interview: „Das Team hat ein Riesenpotenzial“

Volleyballerinnen-Bundestrainer im Interview : „Das Team hat ein Riesenpotenzial“

Fünf Siege aus fünf Spielen: Die deutschen Volleyballerinnen beenden nach dem abschließenden mühelosen 3:0 (25:10, 25:15, 25:15)-Sieg gegen Weißrussland die Vorrunde der Europameisterschaft als ungeschlagener Gruppensieger und stehen nun im Achtelfinale. Mit Bundestrainer Felix Koslowski sprach Roman Petry.

Felix Koslowski, Ihre Mannschaft hat alle fünf Gruppenspiele gewonnen, der Sieg gegen Russland war die größte Überraschung. Welche spielerischen Mittel Ihrer Mannschaft haben Sie selbst am meisten positiv überrascht?

Koslowski: Wenn wir eine Gruppe mit Russland und dem starken Gastgeber Slowakei gewonnen haben, müssen wir in vielen Elementen gut agiert haben. Wir sind variabler geworden, spielen viel schneller und aggressiver. Zudem haben wir sehr konstant und diszipliniert auf einem spielerisch guten Niveau gespielt.

Wie setzt man das um, dass man schnell und aggressiv durch die Mitte spielen kann, dass man couragiert auftritt?

Koslowski: Die Frage stellt man sich als Trainer immer. Wir hatten früh das Turnier in Montreux, wo die jungen Spielerinnen internationale Erfahrungen sammeln konnten. Dann folgte die Nations League, parallel dazu die Universiade. Wir haben uns peu a peu dahin gearbeitet, haben früh gesehen, an welchen Elementen wir arbeiten müssen. Das sind viele kleine Bausteine. Wenn alle Faktoren stimmen, dann kann so etwas funktionieren.

Wenn man die aktuelle Mannschaft mit früheren vergleicht, die auch schon Medaillen gewonnen haben, wie würden Sie die Spielstärke dieses Teams einordnen?

Koslowski: Das Niveau wird von Jahr zu Jahr höher. Spielerinnen, die vor einigen Jahren noch Weltklasse waren, haben nun Probleme, mitzuhalten. Die Entwicklung schreitet bei den Frauen auch im körperlichen Bereich voran. Dieses Team hat ein Riesenpotenzial, auch wenn es noch an Erfahrung fehlt.

Was halten Sie insgesamt für möglich nach diesen starken Gruppenspielen?

Koslowski: Wir haben vor der Europameisterschaft gesagt, dass es für uns eine große Herausforderung sein wird, Gruppenzweiter zu werden. Wir werden nun im Achtelfinale auf einen Gegner treffen, den wir auch schlagen können, wenn man unser Niveau in den Gruppenspielen gesehen hat. Dann stehen wir im Viertelfinale, und dann werden wir noch einmal ein sensationelles Spiel brauchen, wenn es dann weitergehen soll. Aber ich halte das nicht für unmöglich. Um das einzuordnen: Schaut man sich die Weltspitze im Volleyball an, dann findet man unter den Top zwölf acht europäische Mannschaft.

Louisa Lippmann geht in der Mannschaft als Führungsspielerin voran. Wie bewerten Sie ihre Leistung?

Koslowski: Sehr gut. In jeder Phase des Spiels, in der wir Louisa gebraucht haben, war sie da. Ihre Rolle als Diagonalspielerin hat sie bislang sensationell ausgefüllt. Der Druck lastet sehr hoch auf ihren Schultern, und dafür hat sie bislang eine überragende EM gespielt.

Beeindruckend ist aber auch, mit welcher Selbstverständlichkeit die ganz jungen Spielerinnen wie Camilla Weitzel oder Marie Schölzel agieren und trotz des Drucks ihre Rolle annehmen…

Koslowski: Ich weiß gar nicht, ob Camilla schon zehn Länderspiele zusammen hat, und sie spielt hier auf einem Niveau, das sehr beeindruckend ist. Wir sehen uns selbst in einem Prozess mit dieser jungen Mannschaft, dass wir uns von Spiel zu Spiel weiterentwickeln wollen. Ich habe ein ganz tolles Team im Hintergrund, das jede Nacht daran arbeiten. Aber die jungen Spielerinnen wachsen auch an ihrer Persönlichkeit, an ihrem Auftreten. Das ist beeindruckend zu sehen.

Das Gegenstück ist in gewisser Weise Jana Poll, die mit 31 Jahren ihre erste EM spielt. Wie bewerten Sie ihre gezeigten Leistungen?

Koslowski: Jana ist eine Spätstarterin. Sie kam erst mit 25 oder 26 Jahren in den Kreis der Nationalmannschaft. Sie spielt schon über den gesamten Sommer hinweg eine überragende Nationalmannschafts-Saison. Jana bringt in ihrem etwas gehobeneren Alter viel Ruhe und Gelassenheit in diese junge Mannschaft, nicht nur auf dem Feld, sondern auch außerhalb. Sie ist, wie auch die erfahrene Denise Hanke, einfach wichtig für die Gruppe. Beide sind ganz wichtige Führungsspielerinnen.

Denise Hanke hat am Samstag Geburtstag, wird das gebührend gefeiert werden?

Koslowski: Es wird ein Gläschen Sekt geben, das steht Denise einfach zu. Richtig feiern werden wir nach dem letzten Spiel, und das dauert hoffentlich noch eine Weile. Jetzt hat die Mannschaft so viel Energie, so einen guten Flow, dass sie einfach darauf brennt, das Achtelfinale zu spielen. Und wir werden sicher im Viertelfinale nicht antreten und damit zufrieden sein, auch wenn das schon mehr ist, als wir erwartet haben.

Sie hatten fünf Spiele in sechs Tagen, nun sind drei Tage frei. Ist das für den Spielrhythmus negativ, oder kann man das auch positiv nutzen?

Koslowski: Sowohl als auch. Mit drei Spielen an drei Tagen und dem Marathon gegen Russland waren die Gesichter heute morgen schon sehr, sehr leer. Wir waren in einem guten Spielrhythmus, aber jetzt brauchten wir auch Erholung. Wir waren am Limit. Wir werden jetzt aktiv regenerieren, und ab Freitag geht es wieder los, und wir bauen die Spannung wieder auf.

Im Hintergrund scheint auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr auf. Halten Sie das für realistisch, diesen großen Schritt zu machen?

Koslowski: Wie gesagt, die Konkurrenz ist extrem hoch in Europa. Insgsamt qualifizieren sich zwölf Mannschaften für Olympia Jeder Kontinent hat einen festen Startplatz. Zum Glück haben wir es durch die Interkontinental-Turniere geschafft, drei weitere Startplätze zu erspielen. Dementsprechend kämpfen jetzt noch sechs, sieben europäische Mannschaften um einen Startplatz, und dabei sind Nationen wie die Niederlande, Polen, die Türkei. Aber solche Turniere wie diese Europameisterschaft helfen ungemein, den Abstand im Bereich Erfahrung und spielerischer Qualität zu verringern und sich bei den anderen Nationen Respekt abzuholen.

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