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Essen: Ullrich will Armstrong 2004 Tour-Sieg entreißen

Essen : Ullrich will Armstrong 2004 Tour-Sieg entreißen

Das Casino in der altehrwürdigen Essener Zeche Zollverein platzte fast aus den Nähten. Jan Ullrich ist wieder da.

Und lockte bei seiner Vorstellung als künftiger Kapitän der Essener Rad-Equipe Coast Massen an Medienvertretern an.

Zuvor hatte er bei Coast-Chef Günther Dahms, dem Mode-Unternehmer, der in seinen 18 Geschäften vor allem im Ruhrgebiet rund 50 Millionen Euro im Jahr umsetzt, einen Dreijahres-Vertrag unterzeichnet. Von zwei Millionen Euro Jahres-Salär ist die Rede, die der Tour-Sieger von 1997 kassieren soll.

Mit ihm wechseln seine Wunschpartner Tobias Steinhauser (früher Gerolsteiner) und als sportlicher Leiter auch Rudy Pevenage zum Team Coast. „Für Jan wie für mich ist diese Chance eine riesige Herausforderung. Wir finden hier ein Umfeld und eine so starke Mannschaft vor, dass Jan es schaffen kann”, ist Pevenage überzeugt.

Neben ihm am Podium nickt Wolfram Lindner heftig und zustimmend. Dabei werden ihm und dem Ullrich-Intimus Pevenage nicht gerade freundschaftliche Zuneigung nachgesagt. Lindner aber wischt die Bedenken vom Tisch: „Wir haben große gemeinsame Ziele. Es wird schwer, irgendwelche Pfeile zu schießen. Die gehen alle an unserem Schutzschild kaputt.”

Die großen Ziele nennt ein gutgelaunter, schlanker und offenbar hochmotivierter Jan Ullrich: „Ich will 2004 die Tour gewinnen, Lance Armstrong die Krone entreißen. In diesem Jahr schon will ich eine gute Tour fahren, mir fehlen aber 30 000 Kilometer aus dem verlorenen letzten Jahr. Ich denke, ich habe aus meinen Fehlern gelernt, fühle mich erleichtert und sehe Licht am Horizont.”

Sportlich stimme die Voraussetzung bei Coast. „Die Mannschaft steht auf Weltranglistenplatz 5 und gehört zu den besten der Welt”, sagte Ullrich, der wegen Dopings (Amphetamin-Missbrauch) noch bis zum 23. März gesperrt ist.

Für Günther Dahms war Ullrichs Doping-Vergehen „eine Lappalie” und für ihn „ein großes Glück, dass Telekom einen Mann wie ihn deswegen gehen ließ”.

Nach eigenem Bekunden kostet Dahms Team 2003 durch insgesamt sieben Abgänge weniger als 2002, und auch Ullrich betonte, dass er „bedeutend weniger” verdiene als früher. Der Weg zurück nach oben sei der schwerere, den er gewählt habe. „Ich hätte es mir leicht machen und aufhören können. Aber so wollte ich nicht aufhören.”

Nun muss er Taten folgen lassen. Eben spätestens 2004 wird der Sieg über den Giganten Armstrong erwartet. „Diesen dann wahrscheinlich sechsten Erfolg Armstrongs in Frankreich wollen wir verhindern. Das ist unser Ziel”, betonten Lindner und Teamsprecher Marcel Wüst unisono.

Geplant ist, dass Ullrich Ende März bei der Katalanischen Woche (24. bis 28. März) ins Renngeschehen eingreift. Am Freitag geht es zunächst mit Coast ins Trainingslager nach Gandia/Spanien.

„Wir können ihn nach einem behutsamen Aufbau zu alter Stärke zurückführen”, ist Teamchef Lindner überzeugt, obwohl sich der Olympiasieger zur Zeit „wie ein Hobbyfahrer” fühlt, der sich wegen seines empfindlichen Knies noch zurückhalten muss.

Dass er, wenn er Ende Januar nach seinem Freiburger Trunkenheits-Delikt den Führerschein zurückbekommt, wieder mehr im Auto sitzt, kommenterte er schmunzelnd und ohne sichtbare Reue: „Den Führerschein brauche ich jetzt nicht. Ich fahre ja nur noch mit dem Rad . . .”