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Würselen: Torwart-Ikone Toni Schumacher stellt in Würselen sein neues Buch vor

Würselen : Torwart-Ikone Toni Schumacher stellt in Würselen sein neues Buch vor

Als Toni Schumachers Arbeitstag fast beendet war, hatte er nur noch einen kleinen Wunsch, und der kam nicht mal überraschend. Ein Kölsch, nur ein Glas, dann sei er „der glücklichste Mensch der Welt“. Und das Bierchen hatte sich Schumacher ja auch verdient, seine Stimme war sogar schon ein bisschen kratzig. Weil Schumacher so viel erzählt hatte. Mehr als anderthalb Stunden, länger als ein Fußballspiel dauert. Von früher, von heute, von morgen.

Offen, ehrlich, aus dem Nähkästchen; so wie man Schumacher eben kennt. Die Torwart-Ikone und heutige Vizepräsident des 1. FC Köln hat am Mittwochabend im Alten Rathaus in Würselen sein Buch „Einwurf“ vorgestellt. Im launigen und kurzweiligen Gespräch mit Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, vor mehr als 100 Zuhörern.

Zum Schluss ein Kölsch und unzählige Autogramme: Toni Schumacher nach der Vorstellung seines neuen Buchs in Würselen. Foto: Tobias Königs

Eine Generalabrechnung

Und weg mit der Krise: Vizepräsident Toni Schumacher glaubt weiterhin an den Klassenerhalt seines 1. FC Köln. Foto: Heike Lachmann

„Einwurf“ ist Schumachers zweites Werk, der Nachfolger von „Anpfiff“; dem Buch, das Schumacher 1987 so viel gekostet hat: Rauswurf beim FC nach 15 Jahren als Stammtorwart, drei Triumphen im DFB-Pokal und einer Meisterschaft, Rauswurf aus der deutschen Nationalmannschaft nach dem EM-Titel 1980 und den beiden WM-Finalniederlagen 1982 und 1986. Schumachers erstes Buch war eine Abrechnung mit der Fußballbranche — inklusive Dopingvorwürfen und Attacken gegen Mitspieler. Und trotz allem betonte der gebürtige Dürener in Würselen: „In dem Buch steht nur die Wahrheit.“

Wie er auf die „Wahnsinnsidee“ gekommen sei, bei dieser Vorgeschichte ein weiteres Buch zu schreiben, wollte Mathieu wissen. Die Antwort, ein typischer Schumacher: „Die einzige, die mich als Vizepräsident rauswerfen kann, ist die Mitgliederversammlung, und da stehen im Moment keine Wahlen an.“ Schumacher grinste, Gelächter im Saal. In Wahrheit hat er das Buch geschrieben, weil er so oft gefragt wurde, wie es weitergegangen sei, nachdem „Anpfiff“ erschienen war. Schumacher erzählte von der Fahrt zur Geschäftsstelle, seinem Mitgliedsantrag, der nie bearbeitet wurde, der Reaktion seiner Mitspieler. Er sagte: „Ich wäre nie gegangen, wenn sie mich nicht rausgeworfen hätten.“

Hatten sie aber. Und so sprach Schumacher auch über seinen Wechsel zu Schalke 04 und den Abstieg 1988. Danach hatte der Torwart erklärt, er gehe nicht mit den Gelsenkirchenern in Liga zwei. „Nein, in Meppen spiele ich nicht“, hatte er damals herausposaunt. Das sei ihm eben als Erstes eingefallen, sagte Schumacher. „Ich habe die Stadt doch erst bekannt gemacht“, meinte er. „Es wusste doch niemand, dass Meppen in Deutschland ist.“ Typisch Schumacher, wieder mal. Seine drei Jahre bei Fenerbahce Istanbul hat er genossen, „auch wenn da manchmal Fans das Trainingsgelände gestürmt haben“; noch stolzer hat ihn sein Wechsel zum FC Bayern 1991 gemacht: „Als persona non grata zum Branchenprimus — das war cool.“ Er spielte noch acht Mal für die Münchner.

Der älteste Meister

Und einmal für Borussia Dortmund, 1996 war das. Schumacher war eigentlich Torwarttrainer und dritter Keeper, für den Notfall. Vor dem letzten Spieltag hatte sich Stammtorhüter Stefan Klos verletzt, Wolfgang de Beer rückte in die Startelf, Schumacher auf die Bank. Und als das ganze Stadion Ottmar Hitzfeld im letzten Saisonspiel aufforderte, „den Toni reinzubringen“, hatte der Trainer keine Wahl: Schumacher kam in der 88. Minute beim 3:2 gegen Freiburg. „Es gab Standing Ovations, ein tolles Gefühl“, sagte der Torhüter. Der BVB stand schon zuvor als Meister fest; es war Schumachers zweiter Titel nach der Meisterschaft 1978 mit dem FC. Mit 42 Jahren, zwei Monaten und 13 Tagen ist Schumacher bis heute der älteste Meister der Bundesligageschichte. „Steht sogar auf meiner Autogrammkarte“, sagte Schumacher und grinste sein Grinsen.

Schumacher las Passagen aus seinem Buch vor, die von seiner Leidenschaft für den Fußball erzählen, die eher eine Besessenheit war („Ich habe den Ärzten gesagt: Ob ich spiele oder nicht, entscheide ich“). Er sprach von seiner Kindheit in Düren („Meine Mutter hat mich streng erzogen“) und seiner Lehre als Kupferschmied („Mama wollte, dass ich einen vernünftigen Beruf lerne“).

Von seinem einzigen Cheftrainerjob bei Fortuna Köln, wo er in einer Halbzeit entlassen wurde („Das ist wohl einmalig auf der Welt“), und dem Anruf vom heutigen Kölner Präsidenten, Werner Spinner, der Schumacher 2012 darum bat, ihn zu unterstützen („Meine Frau wusste sofort, dass ich das mache“). Der FC ist sein Herzensklub, und Schumacher hatte ganze 25 Jahre darauf gewartet, dass ihn jemand fragt, ob er helfen wolle, den Klub nach Jahren als Fahrstuhlmannschaft wieder zu stabilisieren.

Und natürlich sollte Schumacher auch etwas zur aktuellen Situation des 1. FC Köln sagen — auch weil es die Zuhörer interessierte; sie konnten sich mit ihren Fragen ins Gespräch einklinken. „Ich leide genauso wie jeder andere FC-Fan“, sagte Schumacher. Köln sei mit nur zwei Punkten aus elf Spielen vor allem Tabellenletzter, „weil wir die Bude nicht treffen“.

Das liege aber nicht am Verkauf von Anthony Modeste („Es gab bei diesem Angebot aus China keine Chance, den Jungen zu halten“) und auch nicht an der Arbeit des Trainers Peter Stöger, dem Schumacher erneut den Rücken stärkte: „Die Mannschaft spielt nicht gegen den Trainer, und es gibt keine Grüppchenbildung.“ Er erklärte sogar, dass er sich vorstellen könne, auch in der Zweiten Liga mit dem Österreicher zu arbeiten, wenn der Klassenerhalt nicht gelingen sollte. Schumacher sagte: „Ich glaube nicht, dass Peter jemals sagen würde: ‚Ich bin dann jetzt weg!'“

Allofs kommt wohl nicht

Als Grund für das katastrophale erste Saisondrittel ist von vielen die Einkaufspolitik Jörg Schmadtkes ausgemacht geworden; vom Sportchef hatte sich der FC Ende Oktober einvernehmlich getrennt. Schumacher erklärte noch einmal, dass Schmadtke selbst das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht habe. Der Sportchef habe sich nicht mehr handlungsfähig gefühlt. Neue Spieler konnte er nicht verpflichten, den beliebten Stöger wollte er nicht entlassen. Und so habe man sich eben einvernehmlich getrennt. Im Moment arbeite man „mit Hochdruck“ daran, einen Nachfolger zu finden. Klaus Allofs wird es wohl nicht, das ließ Schumacher auf eine Frage Mathieus durchschimmern.

Der Vizepräsident bleibt trotz all der Probleme beim FC ein Optimist, auch das wurde in Würselen deutlich. „Wir sind nicht so schlecht, wie wir stehen, und es sind noch 69 Punkte zu vergeben“, sagte Schumacher. Er setzt auf einen Kölner Sieg am Samstag in Mainz — und ließ noch einen Appell folgen: „Daumen drücken, bitte! Das hilft.“