Balve: Springreiter Mario Stevens wird trotz Zeitfehler Deutscher Meister

Balve: Springreiter Mario Stevens wird trotz Zeitfehler Deutscher Meister

Und wieder ein Zeitfehler! Drei hatte Mario Stevens in vier schweren Runden kassiert, keinen Springfehler mit Talisman de Mazure gemacht. Nun konnte er nichts anderes tun, als abzuwarten, was die Konkurrenz anstellte. Eigentlich war alles angerichtet für Marcus Ehning, der nach 2002 noch einmal nach dem Titel zu greifen schien.

Doch nach zwei Abwürfen im Finale der Deutschen Meisterschaften in Balve gab der bis dahin fehlerfreie Borkener auf. Und so las sich das Podium nach vier schweren Runden nicht etwa Ehning, Carsten-Otto Nagel und Markus Beerbaum wie vor der letzten Runde erwartet, sondern Mario Stevens (Molbergen; drei Strafpunkte), Guido Klatte (Klein-Roscharden; vier) auf Qinghai und Michael Kölz (Leisnig; vier) auf Anpowikapi.

Überraschungssieger in Balve: Mario Stevens (großes Bild) holt den Titel im Springen, Sönke Rothenberger feiert einen Doppelerfolg in der Dressur. Foto: dpa

Erst sechs Wochen ist es her, dass bei Stevens ein Magengeschwür platzte und er nach einer Not-Operation auf der Intensivstation landete. Vor zweieinhalb Wochen stieg der 35-Jährige wieder in den Sattel — in den seines neuen Pferdes Talisman. „Er gehörte Prinzessin Haya und wurde von John Whitaker geritten“, sagte Stevens über seine elfjährige französische Neuerwerbung, die er vor der DM erstmals in Nörten-Hardenberg ritt. „Daher wusste ich auch nicht, wie es mit der Zeit auskommt. Aber insgesamt fühlt es sich so an, als könnte das konstant gut werden“, sagte der frischgebackene Meister, der seine erste DM-Medaille gewann und das Ticket für den CHIO Aachen (13. bis 23. Juli) löste.

Darauf dürfen Klatte und Kölz ebenfalls hoffen. „Ich bemühe mich“, versprach Bundestrainer Otto Becker, der selbst „nicht mit diesem DM-Ergebnis gerechnet hatte, schließlich standen erfahrene Leute vorne“. Der 22-jährige Klatte, nach der guten Weltcup-Saison 16/17 und Platz sechs im Finale einer der Hoffnungsträger im vergangenen Jahr, meldete sich in Balve nach langer Durststrecke zurück. Qinghai hatte sich nach dem Weltcupfinale in Omaha verletzt und ist erst jetzt in den Sport zurückgekehrt. International weniger bekannt ist der 33-jährige Sachse Kölz, dessen Traum, einmal in Aachen zu reiten, greifbar nahe ist.

Überraschung in der Dressur

Und dann gab es doch noch eine Überraschung in der Dressur: „Sie hatte Babypause, sah vor zwei Wochen noch wie eine schwangere Auster aus“, klärte Isabell Werth lachend auf. „Daher habe ich auch keine Depressionen, dass wir Silber gewonnen haben.“ Ihr Pferd Weihegold, das via Embryotransfer bereits achtfache Mutter ist, war nach dem Weltcup-Sieg gedeckt und die Embryos ausgespült worden. „Sie ist erst seit zwei Wochen wieder voll im Training“, erläuterte Werth, die Weihegold in Balve nur im Grand Prix vorstellen wollte. „Doch Donnerstagmorgen vor dem Verladen gab Emilio mit dickem Bein einen Krankenschein ab“, plante Werth um und ritt auch den Spécial mit Weihegold, die — wie fast alle Pferde an diesem schwül-heißen Tag — einige kleine Fehler zeigte. Das letzte Risiko ging Werth nicht, „mit Vernunft und Übersicht“ pilotierte sie die Stute.

Nach 0,1 Prozent im Grand Prix lag sie 1,1 Prozent im Spécial hinter Sönke Rothenberger (Bad Homburg), der seinen ersten DM-Titel feierte. Dabei machte der 23-Jährige es spannend, als er sich mit Cosmo verritt. Sein Glück: National gibt es nur zwei Punkte je Richter Abzug — international zwei Prozent. „Das ist mir vor zwei Jahren in Jerez schon mal passiert, das reicht jetzt“, sagte Rothenberger, der sich nach der Grußaufstellung selbst vor die Stirn gehauen hatte — „ich Depp“ sollte das heißen. Doch sein Cosmo, der 2017 Team-Gold sowie zwei Mal EM-Silber hinter Werth gewonnen hatte, ist deutlich gereift und dank seiner Grundqualität ein ebenbürtiger Gegner auch für eine topfitte Weihegold.

Das unterstrich Rothenberger mit einer tollen Kür, die ihm mit 88,425 Prozent den zweiten Titel — diesmal vor Dorothee Schneider (Framersheim; 82,975) mit Sammy Davis jr. und Jessica von Bredow-Werndl (Aubenhausen; 82,675) auf Dalera einbrachte. Diese drei plus Werth wurden von Bundestrainerin Monica Theodorescu in die Equipe für den CHIO berufen.

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