Aachen: Sportkegeln: Am Ende purzeln sogar die Vorurteile

Aachen: Sportkegeln: Am Ende purzeln sogar die Vorurteile

Es ist dieser eine Moment, auf den ich den ganzen Abend hingefiebert habe, und er kommt tatsächlich. Bahn 2 im Eschweiler Kegelcenter „Am Knickertsberg“, ich greife eine der grünen Kugeln, ein paar Sekunden Konzentration, drei Schritte Anlauf, Kugel aufsetzen, loslassen, meine Kugel rollt auf die Kegel am anderen Ende der Bahn zu. Und dann passiert das, was ich zwischenzeitlich nicht mehr für möglich gehalten habe, neun grüne Punkte leuchten auf, alle Neune, endlich.

Doch von Beginn: Für unsere Serie „Wir unterwegs“ trainiere ich einen Abend im Kegelcenter und als ich die Treppe zum Kellerraum hinuntersteige, schwirren mir noch einmal diese Vorurteile durch den Kopf. Kegeln — das kenne ich nur von Kindergeburtstagen und Weihnachtsfeiern. Und vom Freizeit-Kegelclub meiner Eltern, bei „De Lömmele“ wurden Kugeln aus dem Stand mit beiden Händen geschmissen, und mancher hatte am Ende des Kegelabends mehr Striche auf dem Bierdeckel als Punkte auf der Anzeigetafel. Als ich im Keller ankomme, erblicke ich tatsächlich als Erstes eine lange Theke, ein Mann, Mitte 60, greift nach seinem Pils.

Meine Trainer Thomas Schornstein (links) und Ralf Hennes (rechts) waren am Ende ganz zufrieden mit mir. Foto: Tobias Königs

Ralf Hennes und Thomas Schornstein haben mich zu diesem Trainingsabend eingeladen, die beiden Aachener spielen für Rösrath in der Ersten Bundesliga, sie sind Sportkegler, so sagen sie das. Und auf das „Sport“ vor dem „Kegler“ legen sie großen Wert. Hennes, 53, Weltmeister in seiner Altersklasse, hat mir vorab außerdem geschrieben, ich solle Hallenschuhe und eine Sporthose mitbringen. Und vor allem: ein Schweißtuch.

xxx. Fotos: Tobias Königs (2), Lukas Weinberger Foto: Tobias Königs (2), Lukas Weinberger

Vor dem Training habe ich laut gelacht, im Laufe des Abends wird aber auch mir noch klar werden, dass der Sport, den Schornstein und Hennes betreiben, nichts mit der feucht-fröhlichen Freizeit-Variante zu tun hat. Als mich Schornstein, 26, vor den vier Kegelbahnen begrüßt, zweifele ich das erste Mal an meinen Vorurteilen. Er kegelt seit 17 Jahren, sagt er, „und natürlich haben meine Freunde mich zuerst belächelt, als ich erzählt habe, dass ich zum Sportkegeln gehe“. Einer habe sich dann mal getraut, mit zum Training zu kommen, ein Leichtathlet, „der hatte danach zwei Tage lang Muskelkater“. Den versprechen Hennes und Schornstein auch mir, nachdem ich mich als halbfitten Kreisliga-Fußballer geoutet habe. „Für einen Wettkampf braucht man ungefähr dieselbe Kondition wie für einen 8000-Meter-Lauf“, sagt Hennes.

Bei ihren Wettkämpfen machen die Sportkegler in rund 45 Minuten 120 Würfe mit der knapp drei Kilo schweren Kugel, 30 Würfe auf jeder der vier Bahnen. Und bei jedem einzelnen Versuch müssen sie die Konzentration hochhalten. Schon kleine Fehler eines einzelnen Spielers können auf Bundesliga-Niveau die Niederlage für die gesamte Mannschaft bedeuten. Um wirklich fit zu sein, sagen Schornstein und Hennes, würden sie bei ihren beiden Trainingseinheiten in der Woche jeweils rund 300 Kugeln werfen.

Ich kann mir immer noch nicht richtig vorstellen, was das bedeutet, als ich meine Sportklamotten anziehe und meine Hallenschuhe schnüre. Zeit, dass es losgeht. Zuerst stehen noch ein paar Trockenübungen auf dem Programm. Drei Schritte Anlauf, als Linkshänder muss ich mit dem rechten Fuß beginnen, erklärt mir Schornstein, am Ende einen Ausfallschritt, dabei die Kugel aufsetzen. Zehn, 15 Mal wiederhole ich den Bewegungsablauf, dann drückt mir Schornstein die erste Kugel in die Hand. Eine Drei, immerhin, „wenigstens kein Pudel“, denke ich, und setze die nächste Kugel prompt in die Rinne neben der Bahn. Mein Augenmerk liegt bei meinen ersten Würfen vor allem darauf, die Kugel auf der Bahn zu halten, das klappt zumindest manchmal, aber die wirklich hohen Punktzahlen springen dabei nicht heraus. Ralf Hennes nimmt mich kurz beiseite, „du zielst zu sehr aufs Vorderholz“. Bitte? „Du musst versuchen, in die linke oder die rechte Gasse zu kommen.“ Aber klar.

Die meisten Sportkegler spielen auf sogenannten Scherenbahnen, die Lauffläche ist gekehlt, an den Außenseiten höher als in der Mitte. Wenn die Kugel also mittig aufgesetzt wird, rollt sie genau auf den Kegel in der Mitte zu, das Vorderholz. Um die Kugel links neben dem Vorderholz — in der linken Gasse — einschlagen zu lassen, muss die Kugel auf der rechten Seite aufgesetzt werden, die Kehlung der Bahn zwingt die Kugel in diesen Lauf. Bei der rechten Gasse ist es entgegengesetzt. Und wenn der Wurf eben in einer dieser Gassen landet, ist die Chance höher, dass viele Kegel umfallen, weil sie gegeneinander geschoben werden.

Und die Kegel fallen

Nachdem Hennes und Schornstein mir genau das in einem kleinen Crashkurs erklärt haben, läuft es plötzlich rund. Meine Würfe kommen in die Gassen, und die Kegel purzeln. Als am anderen Ende der Bahn erstmals eine Acht aufleuchtet, freue ich mich riesig, und nur ein bisschen später räume ich das erste Mal an diesem Abend alle Neune ab. Schornstein klopft mir auf die Schulter, „du machst dich richtig gut“, sagt er. Und weil mich das kurz glauben lässt, schon ein richtig guter Kegler zu sein, landet mein nächster Wurf in der Rinne neben der Bahn. Konzentration ist das A und O, das verstehe ich spätestens jetzt, und tatsächlich gelingen mir noch zwei weitere perfekte Würfe.

Wer mit den Besten mithalten will, muss beständig werfen. Schornstein und Hennes kommen in der Regel auf weit über 850 Punkte in einer Partie, ein durchschnittlich guter Kegler schafft an einem guten Tag 700 Punkte. Wie sich die Punktzahl zusammensetzt, ist ein bisschen kompliziert, am besten ist natürlich der, der möglichst oft alles abräumt. So wie Katharina Schmitz vom Frauen-Bundesligisten SG 63 Aachen-Knickertsberg. Die junge Aachenerin hat mit 916 Punkte Anfang Februar einen neuen Bahnrekord im Eschweiler Kegelcenter aufgestellt. Von solchen Zahlen kann ich auch am Ende meines Trainingsabends nur träumen. Aber ich habe Spaß, meine Trainer sind ganz zufrieden, und nach gefühlten 184 Würfen am Stück passiert tatsächlich noch etwas, was ich mir vorher nicht habe vorstellen können, ich brauche dieses Schweißtuch tatsächlich.

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