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Lille: Sorge vor Fans und Angst vor Ausschluss: Russlands Risikospiel

Lille : Sorge vor Fans und Angst vor Ausschluss: Russlands Risikospiel

Die Furcht vor neuen Ausschreitungen überlagert die Debatten vor dem zweiten EM-Auftritt Russlands. Nationalcoach Sluzki ist sich sicher: „Wir werden nicht disqualifiziert.” Der Elf mit dem Schalker Neustädter könnte sportlich schon ein großer Schritt gelingen.

Mit einem Sieg gegen den EM-Debütanten Slowakei wäre das Achtelfinale ganz nah, doch die Angst vor Krawallen und einem drohenden Ausschluss überschattet den zweiten Turnier-Auftritt von Russland. Die Disziplinarkommission der UEFA bestrafte die Russen hart für die Fanausschreitungen im Stadion von Marseille. Im Wiederholungsfall werde die Mannschaft sofort von dem Turnier ausgeschlossen, teilte die Europäische Fußball-Union am Dienstag mit und verhängte zudem eine Geldstrafe von 150.000 Euro.

„Wir sind sicher, dass wir nicht disqualifiziert werden. Unsere Fans werden sich jetzt benehmen und niemandem mehr einen Grund geben, uns zu disqualifizieren”, sagte Russlands Nationalcoach Leonid Sluzki am Dienstag in Lille. Vor dem zweiten EM-Spiel am Mittwoch gegen die Slowakei wandte sich Sluzki mit einem Appell direkt an die Fans: „Wir brauchen euren Rückhalt. Bitte konzentriert euch aber auf die legale Unterstützung. Wir müssen unbedingt jede Gefahr vermeiden, vom Turnier ausgeschlossen zu werden.”

Die sportlichen Aussichten der Sbornaja sind gut. Nach dem 1:1 zum Auftakt gegen England könnten die diesmal favorisierten Russen mit einem Erfolg am Mittwoch in Lille (15.00 Uhr/ZDF) einen großen Schritt Richtung K.o.-Runde vollziehen. Allerdings fürchtet die Elf das Verhalten der eigenen Fans auf der Tribüne mehr als den sportlichen Gegner auf dem Rasen. „Wir sind glücklich hier zu sein. Es wäre sehr dumm, wenn wir so ausscheiden müssten”, meinte Stürmer Artem Dsjuba von Zenit St. Petersburg.

Sogar vom Gegner Slowakei erhielt die russische Delegation Zuspruch. „Der russische Verband verdient keine negativen Folgen. Sie wollen hier nur Fußball spielen”, sagte Slowakeis Nationalcoach Jan Kozak und fügte hinzu: „Ich kann nur hoffen, dass die Emotionen am Mittwoch im Rahmen bleiben und eine tolle Fußball-Athmosphäre herrscht.”

Sogar die politische Führung des Landes sah sich zu einem Aufruf an die Fans gezwungen. Die Ausschreitungen seien „völlig inakzeptabel”, hieß es. Kremlsprecher Dmitri Peskow rief die Fans auf, sich strikt an geltende Gesetze zu halten. „Man kann auch nur an unsere Fans appellieren, nicht auf Provokationen zu reagieren”, sagte Peskow in Moskau der Agentur Interfax zufolge. Auch die russischen Sportfunktionäre sollten mäßigend auf die Fans einwirken, forderte er.

Zumal die Sicherheitslage erneut angespannt ist. Am Dienstag stoppte die französische Polizei bei Cannes einen Bus mit russischen Fans, denen die Ausweisung droht. Einen Tag nach dem Duell zwischen Russland und der Slowakei kommt es im nahegelegenen Lens zum Gruppenspiel England gegen Wales. Im Norden Frankreichs könnte es also rund um die beiden Risikospiele den nächsten brenzligen Zusammenstoß englischer und russischer Hooligans geben.

Die Sorgen sind berechtigt: Englische Medien berichten, dass sich unter den 150 Fans, die laut Staatsanwaltschaft die Randale in Marseille angezettelt hatten, auch bekannte Neonazis befinden. Zudem soll Alexander Schprygin, Präsident der Allrussischen Fan-Vereinigung und Mitglied der rechten Szene in Russland, mit einer offiziellen UEFA-Akkreditierung als Teil der russischen Delegation in Frankreich sein. Der nationale Verband RFS erklärte jedoch, Schprygin habe weder mit dem Verband noch mit der offiziellen EM-Delegation etwas zu tun.

„Klar, es ist Europameisterschaft, jeder ist verrückt nach Fußball und die Emotionen kochen hoch. Aber warum schlagen sich die Menschen dafür die Köpfe ein?”, schrieb der Schalker Roman Neustädter in einer Internet-Kolumne. Mit seiner Sicht der Dinge könnte Neustädter künftig allerdings auch Probleme in der Mannschaft bekommen. Sein Kollege Dsjuba warf westlichen Medien eine subjektive Wahrnehmung vor: „Bleibt objektiv. Bei einem Konflikt gibt es immer zwei Seiten. Man kann nicht sagen, dass nur die Russen schuld waren.”

Ob Neustädter erneut von Beginn an auf der Sechser-Position auflaufen darf, ist noch offen. Gut möglich, dass der zuletzt angeschlagene und gegen England spät eingewechselte Denis Gluschakow diesmal Neustädter aus der Startelf verdrängt. Auch wenn die Russen zum Turnierauftakt mit ihrem biederen Auftritt nicht gerade glänzen konnten und nur mit sehr viel Glück zum Punktgewinn kamen, gelten sie gegen die Slowaken als Favorit. „Auf dem Papier ist Russland vielleicht stärker als wir, aber das ist Theorie”, sagte der Noch-Kölner Dusan Svento.

(dpa)