„Rund in Düren“: Weltklasse-Sprinter André Greipel tritt doch nicht in Düren an

„Rund in Düren“ : Weltklasse-Sprinter André Greipel tritt doch nicht in Düren an

Er gehört zu den renommiertesten und erfolgreichsten deutschen Radprofis und wollte am Abschiedsrennen von Peter Büsch in Düren teilnehmen: Doch Weltklasse-Sprinter André Greipel (Hürth) musste wegen einer Verpflichtung seines UCI WorldTour-Teams Lotto-Soudal kurzfristig absagen, weil er ein Rennen in Belgien bestreiten muss.

Wilhelm Peters sprach mit dem elffachen Etappensieger der Tour de France.

Schade, dass es mit „Rund in Düren“ nicht geklappt hat, oder?

Greipel: Stimmt! Peter Büsch vom ausrichtenden RSV Düren fährt mit 54 Jahren sein Abschiedsrennen als A-Fahrer. Wir sind schon zu Amateurzeiten gegeneinander gefahren, kennen uns gut, trainieren auch schon mal zusammen. Peter hat mich und andere Profis wie Christian Knees, Phil Bauhaus oder Roger Kluge, die ja dabei sind, gefragt. Ich hätte gerne zugesagt, muss aber nun für meinen Rennstall Lotto-Soudal ein Rennen in Belgien fahren, werde aber nach dem Rennen zu einem Snack und Bierchen vorbeikommen.

Auf Ihrer Homepage steht das Zitat von Ihnen: „Auf dem Rad bin ich eine andere Person als im privaten Leben. Da fahre ich die Ellenbogen aus und kann auch mal ein Drecksack sein.“ Wer oder wie sind Sie denn im privaten Leben?

Greipel: Ich bin kein Sprücheklopfer, lass im Rennsattel lieber Taten sprechen. Das gilt ein bisschen auch privat. Meine Frau unterstützt mich in allen Dingen. Wir sind mit unseren beiden Töchtern ein sehr gutes Familienteam.

Sie haben bei acht Teilnahmen der Tour de France elf Etappen gewonnen, sind in diesem Jahr auf der zwölften Etappe auf dem beschwerlichen Weg nach L‘Alpe d‘Huez erstmals in Ihrer Karriere vorzeitig ausgestiegen, Ihr Helfer Marcel Sieberg gab wie auch Marcel Kittel (14 Etappensiege), der Brite Mark Cavendish (30), Dylan Groenewegen aus den Niederlanden (3) und der Kolumbianer Fernando Gaviria (2) ebenfalls auf. Ist das Profil der Tour für Sprintspezialisten wie Sie zu schwer geworden?

Greipel: Das hatte alles viel mit Spektakel zu tun. Für mich ist dieses Spektakel einfach zu viel gewesen in diesem Jahr. Ich war mental nicht top in Form. Und vor allem waren die Karenzzeiten für uns Sprinter in den Bergen viel zu kurz. Dort 28 bis 32 Minuten nach dem Sieger im Ziel sein zu müssen, ist viel zu wenig Zeit. Ich habe das angesprochen, aber die Kommissäre wollten nicht einlenken. Eine Bergetappe, dann ein Ruhetag, dann weitere drei Bergetappen mit 5000 Höhenmetern — das ist für einen Sprinter wie mich kaum realisierbar.

Auf der vierten Etappe waren Sie ganz nah dran an Ihrem zwölften Tour-Etappensieg, bis Gaviria und Peter Sagan Sie wenige Meter vor dem Ziel noch abfingen. Ihre Leistung auf dieser vierten Etappe ist im Grunde aller Ehren wert. Sie sehen das wahrscheinlich nicht so?

Greipel: Mein Sprint war gut, aber es ist ganz schwer, Gaviria zu schlagen mit dem Equipment, das er zur Verfügung hat und mit seiner Teamstärke. Viel mehr geärgert hat mich meine und Gavirias Disqualifikation ein oder zwei Etappen später, als wir auf den 92. und 93. Platz gesetzt worden sind wegen angeblicher Rangeleien. Seine Disqualifikation war gerechtfertigt, für mich kann ich sagen, dass ich um die Chance eines Etappensieges gebracht worden bin.

Nach Ihrem mehrfachen Schlüsselbeinbruch bei Mailand-Sanremo in diesem Frühjahr waren die weiteren Eintagesklassiker für Sie kein Thema mehr. Was geht einem Weltklasse-Sprinter nach so einem Unfall durch den Kopf?

Greipel: Ich hatte vorher nie einen Schlüsselbeinbruch, es war in fünf Stücke gebrochen. Sieben, acht Wochen hatte ich nach der Operation enorme Schmerzen. Da stellt man sich schon die Frage, ob es vernünftig ist, weiter mit vollem Risiko in die Sprints zu gehen.

Freuen sich auf das Rennen: Peter Büsch (links), der sein letztes Kriterium fährt und RSV-Vorsitzender Alexander Donike mit André Greipel. Foto: Franz Sistemich

Sie gewannen bei Ihrem ersten Rennen nach diesem bitteren Sturz, den „Vier Tagen von Dünkirchen“, im Sprint die zweite Etappe. Dieser Sieg war der 150. in Ihrer Karriere. Eine Art Geburtstag für Sie?

Greipel: Da fuhr ein gewisses Risiko mit, die Knochen waren noch nicht ganz geheilt in Dünkirchen. Aber die Physis und die Psyche stimmten, Ranglisten und Statistiken interessieren mich weniger. Das einzig Wichtige war und ist für mich, meinen Job vernünftig zu machen. Ich fuhr bei Lotto-Soudal ja um eine Vertragsverlängerung, wusste damals noch nicht, dass ich letztlich nicht verlängern werde.

Sie gehören zum illustren Kreis jener Radrennfahrer, die bei allen drei großen Rundfahrten (Giro, Tour und Vuelta) Etappensiege herausfahren konnten. Gibt es einen ganz besonderen Sieg für Sie in Ihrer Karriere?

Greipel: Mein erster Etappensieg bei der Tour de France 2011 war das Highlight, weil damals viele daran zweifelten, dass ich eine Tour-Etappe gewinnen könnte. Ich war schon 28 und bis 2010 an der Seite von Mark Cavendish im Team HTC-Columbia unterwegs. Wir hatten mit ihm und mir eine enorm starke Mannschaft, aber es fehlte ein Etappensieg bei der Tour. Der erste gelang mir dann 2011 in meinem neuen Team Omega Pharma-Lotto.

Acht Jahre sind Sie für das belgische Team Lotto-Soudal unterwegs gewesen. Nach dieser Saison ist dort Schluss. Sie haben einen Zweijahresvertrag beim französischen „Zweitligisten“ Fortuneo-Samsic um Kapitän Warren Barguil unterschrieben. Was hat Sie bewogen, Lotto-Soudal zu verlassen und bei einem Zweitdivisionär anzuheuern?

Greipel: Im Juli habe ich mich entschlossen, nicht mehr für Lotto-Soudal zu fahren, hatte ziemlich daran zu knabbern, habe aber einen Schlussstrich gezogen und entschieden, dass ich noch einmal etwas anderes machen will. Ich war in den letzten Monaten nicht mehr zufrieden, brauche eine neue Herausforderung und will nicht für andere den Sprint anfahren.

Sie sind 36. Nach Ende Ihres neuen Engagements 38. Was haben Sie noch für Ziele im Radsport?

Greipel: Bei Fortuneo-Samsaic möchte ich Erfolge mit dem Team und Ergebnisse einfahren. Die Mannschaft hat 2018 nur zwei Rennen gewonnen. Ich möchte meine Erfahrung den jungen Fahrern weitergeben. Ob ich dort ein ,Monument‘, einen Eintages-Klassiker, gewinnen kann, ist mit einem Team der zweiten Kategorie nicht einfach. Aber ich bringe die Erfahrung und Stärke mit. Sicher, irgendwann muss man aufhören, aber ich kann noch länger auf diesem Niveau weiterfahren.

Sie haben viel erlebt in Ihrer Karriere. Da muss die Frage nach der Doping-Problematik natürlich gestellt werden. Wie sauber oder eben nicht ist der Radsport 2018?

Greipel: Radsport ist heute eine der saubersten, weil am meisten kontrollierten Sportarten weltweit. Dazu haben wir Fahrer viel beigetragen. Natürlich: Schwarze Schafe gibt es — wie in anderen Sportarten auch.

Etwas Persönliches: Sie haben mit Ihrer Frau Kristina zwei Töchter Anna (14) und Luna (8). Fahren Ihre Mädels auch Radrennen?

Greipel: Nein, das will ich gar nicht, sie haben andere Hobbys, Radsport ist gefährlich genug.

Noch einmal kurz zurück nach Düren: Wie groß wäre der Spaßfaktor für Sie bei einem Rennen wie „Rund in Düren“ gewesen?

Greipel (schmunzelt): Rundstreckenrennen kann ich ganz gut. Es ist natürlich ein Risiko, gegen Amateure zu fahren. Aber ein bisschen dagegenhalten kann ich auch. Manchmal, in den großen Rennen, schalte ich heute mit 36 auch den Kopf ein und lasse die Vernunft siegen. In Düren hatte ich nicht vor, alle in Grund und Boden zu fahren. Hier hätte der Spaßfaktor im Vordergrund gestanden. Da kann man auch zeigen, welch angenehmer und schöner Sport unserer ist.