Aachen: Sprinterin Rita Wilden: Ein eleganter Laufstil und viele Erfolge

Aachen: Sprinterin Rita Wilden: Ein eleganter Laufstil und viele Erfolge

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Rita Wilden einen runden Geburtstag hatte. 70 Jahre wurde sie alt. Es ist kaum zu glauben, dass die erfolgreichste Läuferin aus dem Kreis Aachen, die Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre für Furore sorgte, dieses Alter erreicht hat.

Ihre größten Erfolge erzielte Wilden bei den Olympischen Spielen 1972 in München, als sie zwei Medaillen für sich und Deutschland holte. Im 400-Meter-Lauf gewann sie Silber und mit ihren Partnerinnen Anette Rückes, Inge Bödding und Hildegard Falck Bronze in der 4 x 400-Meter- Staffel.

Der Sport hält sie fit: Rita Wilden. Foto: Meisen

Rita Jahn, wie sie mit Geburtsnamen hieß, wurde in Leipzig geboren und kam mit sieben Jahren mit ihrer Familie nach Alsdorf. Hier verbrachte sie ihre Kindheit und Jugendzeit bis sie mit 23 Jahren aus sportlichen Gründen nach Leverkusen zog, wo sie heute noch lebt. Nach der Volksschule absolvierte sie eine kaufmännische Lehre. Mit 15 Jahren hat sie ihr älterer Bruder mit der Leichtathletik in Verbindung gebracht. Sie schloss sich der Leichtathletikabteilung von Alemannia Aachen an. Ihr erster Trainer und Förderer war Alfred Metzdorf, der viele Jahre als Leiter der Leichtathletikabteilung die Fäden bei der Alemannia zog. Später wurde sie von Herbert Missalla trainiert, der als Athlet ein überaus erfolgreicher Mittelstreckler war und sogar Einsätze in der Nationalmannschaft hatte.

Als Missalla als Trainer von der Alemannia zu Bayer Dormagen wechselte, wurde Rita Jahn ein Wagen von der Alemannia zur Verfügung gestellt, mit dem sie zum Training nach Dormagen fahren konnte, um weiterhin von Missalla trainiert zu werden. Überhaupt spricht Rita Wilden sehr positiv über ihre Zeit bei der Alemannia. Auch als sie 1970 zu Bayer Leverkusen wechselte, gab es kein böses Wort. Im Gegenteil, der damalige Vereinspräsident Leo Führen hatte großes Verständnis für diesen Wunsch und begleitete sie sogar zu den Vorgesprächen nach Leverkusen.

Die ersten Erfolge auf nationaler Ebene fielen in die Zeit bei Alemannia Aachen. Bereits zwei Jahre, nachdem sie mit der Leichtathletik begonnen hatte, wurde sie Deutsche Jugendmeisterin über 100 Meter, 1964 war das. Der große Durchbruch gelang ihr vier Jahre später. Sie wurde Deutsche Meisterin der Frauen über 200 Meter in 23,7 Sekunden und Deutsche Vizemeisterin über 100 Meter in 11,7 Sekunden. Damit qualifizierte sich Rita Jahn für die Olympischen Spiele in Mexiko-City. Mit der deutschen Nationalstaffel erreichte sie das Finale über 4 x 100 Meter, die den 6. Platz belegte. 1969 verteidigte sie erfolgreich ihren Titel als Deutsche Meisterin über 200 Meter, was gleichzeitig ihre letzte Deutsche Meisterschaft im Trikot von Alemannia Aachen bedeutete.

Im Jahr 1970 änderte sich einiges im Leben der jungen Sportlerin. Zunächst zog sie nach Leverkusen und heiratete. Fortan trug sie den Familiennamen Wilden. Der legendäre Gerd Osenberg wurde ihr neuer Trainer. Nachdem sie zu ihrer Alemannia-Zeit nur zweimal wöchentlich trainiert hatte, war auf dem Weg zur Weltklasseathletin tägliches Training angesagt. Damit einher ging auch die Umstellung auf die kraftraubende 400-Meter-Distanz. Endgültig in der Weltklasse angekommen war sie 1972. Die Olympischen Spiele im eigenen Land waren das große Ziel. Schon im Winter wurde sie Deutsche Hallenmeisterin über 200 m. Bei den Deutschen Meisterschaften im Freien, die als Generalprobe für die olympischen Wettkämpfe im Münchener Olympiastadion ausgetragen wurden, überzeugte Rita Wilden im Finale des 400-Meter-Laufs in 52,14 Sekunden.

Am 7. September 1972, nur zwei Tage nach dem furchtbaren Attentat palästinensischer Terroristen im olympischen Dorf, schlug die größte Stunde in der Sportkarriere von Rita Wilden. Nachdem sie zuvor problemlos ihre Vor- und Zwischenläufe sowie das Halbfinale überstanden hatte, stand das Finale im 400-Meter-Lauf an. Im voll besetzten Olympiastadion kämpften drei Läuferinnen aus der DDR, zwei aus den USA, je eine aus Australien und Ungarn und Rita Wilden um die Medaillen. Nach einem spannenden Rennverlauf erfüllte sich ihr Traum, und hinter Monika Zehrt (DDR) gewann sie Silber. Dabei verbesserte sie mit 51,21 Sekunden ihren eigenen bundesdeutschen Rekord aus dem Halbfinale um 55 Hundertstelsekunden. Zehrt lief mit 51,08 Sekunden neuen Olympischen Rekord. Den Sieg verpasste Rita Wilden also nur um 13 Hundertstelsekunden.

Drei Tage später folgte die nächste Glanzleistung. Als Schlussläuferin der bundesdeutschen 4 x 400-Meter-Staffel errang sie ihre zweite olympische Medaille, nämlich Bronze. Gold gewann die DDR vor den USA.

Ihre persönliche Bestleistung über 400 Meter lief Rita Wilden zwei Jahre später, als sie bei den Europameisterschaften 1974 in Rom in 50,88 Sekunden Bronze gewann. In diesem Rennen wurde sie nur von Riitta Salin (Finnland) und Ellen Streidt (DDR) bezwungen. Mit dieser Zeit wäre Rita Wilden auch heute noch im 400-Meter-Lauf der Frauen in Deutschland ganz vorne mit dabei. Obwohl sie ihre Bestzeit von 50,88 Sekunden vor 43 Jahren lief, wäre sie damit in den vergangenen 15 Jahren die Nummer 1 in Deutschland gewesen. Außer Grit Breuer (50,70 Sekunden; 2002) gab es keine Läuferin in Deutschland, die schneller als Rita Wilden gelaufen ist.

In ihrem letzten Wettkampfjahr gelang ihr im Winter noch ein glänzender Erfolg auf internationaler Ebene. In der Münchener Olympiahalle wurde sie Hallen-Europameisterin über 400 Meter. Nach der Saison 1976 beendete sie ihre sportliche Laufbahn. Zur Würdigung ihrer Verdienste verlieh ihr der Deutsche Leichtathletik-Verband den Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis, mit dem jährlich ein verdienter Athlet oder eine Athletin ausgezeichnet wird.

Bereits nach den Olympischen Spielen 1972 war ihr das Silberne Lorbeerblatt verliehen worden — die höchste staatliche Auszeichnung für sportliche Spitzenleistungen in Deutschland.

Neben ihrem eleganten Laufstil fiel Rita Wilden in ihrer aktiven Zeit vor allem durch ihre Bescheidenheit auf. Ihre sportliche Laufbahn fiel in die Blütezeit der deutschen Leichtathletik. Die Frage, ob sie in ihrem Leben alles Wesentliche noch einmal so machen würde, beantwortet sie mit einem klaren „Ja“: „Ich bin stolz darauf, dass ich in jeder Phase meiner Karriere den Sport mit Fleiß, aber auch viel Spaß ausgeübt habe. Und dabei habe ich nie unerlaubte Mittel eingesetzt.“

Rita Wilden ist auch heute noch sportlich aktiv. Früher hat sie gern Tennis gespielt, heute bevorzugt sie ein Fitnesstraining. Außerdem spielt sie Golf, teilweise auch noch wettkampfmäßig. Fest steht: Der Sport hält sie fit. So ist es nicht verwunderlich, dass man ihr die „70“ wirklich nicht ansieht . . .