Aachen: Sascha Rösler: „So möchte ich nicht aufhören!“

Aachen: Sascha Rösler: „So möchte ich nicht aufhören!“

Letztens hat Sascha Rösler noch einmal kurz in einem Fan-Video von Fortuna Düsseldorf mitgespielt. „Halbangst“ hieß das nette Machwerk. Die Worterfindung stammt von dem ehemaligen Hertha-Trainer Otto Rehhagel, der nach einem Relegationsspiel im Frühsommer von solchen Gefühlen beschlichen wurde. Im Sommer hat Rösler wieder bei Alemannia angeheuert, und der Film, der da gerade läuft, müsste bei Rehhagel wohl „Vollangst“ heißen. Ein Verein steht am Abgrund, kämpft um seine Existenz. Hinter Alemannia liegt das finsterste Jahr seit Vereinsgründung.

Schon im Frühjahr stand fest, dass Röslers fußballerische Karriere bei Fortuna am Ende der Saison enden würde. Für ihren Publikumsliebling wollten sie eine neue Stelle schaffen, um ihn im Verein zu halten. Er sollte ein Bindeglied zwischen Jugend- und Profiteams werden, sollte ein Magnet für Talente werden. Im Detail war der Plan noch nicht besprochen, als sein Freund Thomas Stehle schon im Frühjahr die Lunte legte. „Komm‘ doch noch mal zurück nach Aachen.“

Wie so oft entschied sich der Angreifer auch diesmal „aus dem Bauch heraus“. Natürlich hatte auch der große Blonde von den finanziellen Problemen gehört. Auch seinem Berater schuldete der Traditionsklub noch Geld, in der eng vernetzten Branche wurde schon länger über das Wirken der Geschäftsführer Erik Meijer und Frithjof Kraemer gewispert. Aber Rösler wollte noch diese letzte Herausforderung, diesen letzten Kick. „Ich weiß doch, wie schnell die Leidenschaft in Aachen entflammbar ist. Ich wollte mithelfen, dass der Verein nach sportlich schlechten Jahren sich wieder in die andere Richtung entwickelt.“

Das Gespräch mit dem neuen sportlichen Verantwortlichen, Uwe Scherr, überzeugte ihn, er wohnt im benachbarten Belgien, hat den Kontakt zu seinem Ex-Verein nicht ganz verloren, auch wenn er in Bezug auf Alemannia ein Fern-Seher war.

Der erste Eindruck bestätigte ihn. Rösler kam von einem Auf- zu einem Absteiger. Aber Anti-Depressiva wurden nicht gereicht. „Hier herrschte Aufbruchstimmung, Uwe Scherr hat einen sportlich guten Kader zusammengestellt. Wir alle hatten den Eindruck, dass wir oben mitspielen können“, erinnert sich Rösler an den Startschuss im Hochsommer. Auch heute beschäftigt er sich nicht mit dem Gedanken, was gewesen wäre, wenn er in Düsseldorf geblieben wäre. „Ich bin aus Überzeugung nach Aachen gekommen.“

Er selbst kam später zur Mannschaft, weil Düsseldorf noch ein paar Wochen „nachsitzen“ musste, bis der Bundesliga-Aufstieg aktenkundig wurde. Die Vorbereitung verlief nicht so optimal, der Start war leicht holprig, als Röslers Comeback in Aachen bereits Ende August schmerzhaft beendet wurde. In der Partie gegen Erfurt riss das Kreuzband. Das passte in dieses verkorkste Jahr, in der eine Hiobsbotschaft die nächste ablöste. Mindestens sechs Monate fällt der emotionale Anführer dieser Mannschaft aus.

Sportlich torkelte das Team, rutschte immer weiter ab, wurde immer störanfälliger, so dass wieder einmal der Trainer ausgewechselt wurde. Damit kennen sie sich aus am Tivoli. Von dem Damoklesschwert, das über diesem Verein nach dem Abstieg hing, ahnten die Spieler kaum etwas. „Es ist doch immer nur Stückchen für Stückchen zum Vorschein gekommen“, sagt Rösler. „Von der Insolvenz haben wir erst am Ende erfahren.“ Dem 35-Jährigen geht es wie allen seinen Mannschaftskameraden. „Ich bin sauer, aber auch traurig, weil ich an diesem Verein hänge.“ Viele Fragen haben die Spieler, „wir fühlen uns hintergangen“, sagt der Knie-Patient.

Finanziell hat diese Verletzung noch Vorteile, denn die Berufsgenossenschaft und nicht das Arbeitsamt übernimmt vorübergehend die Entlohnung. Aber die Bezahlung ist das stärkere Motiv für die jungen Spieler im Team, deren Karriere in Aachen starten soll(te).

„Dass das hier so extrem wird, hat doch niemand geahnt“, sagt Rösler, der ganz am Anfang seiner Karriere beim SSV Ulm schon einmal eine Insolvenz mitmachen musste. Noch ein paar Wochen bevor der Verein die Misere nicht länger verschleiern konnte, hatte er Fortunas Ex-Spieler Christian Weber zu einem Wechsel nach Aachen geraten. Nun haben all die Mitarbeiter, Spieler und Fans des Klubs ein großes imaginäres Fragezeichen auf der Stirn. „Was wird aus Alemannia, kann sich der Verein noch retten?“ Sportlich hat es die Mannschaft in der Hand oder im Fuß, noch den Klassenerhalt zu schaffen. „Es wird sehr, sehr schwer“, vermutet nicht nur Rösler nach der ersten Saisonhälfte.

Er will im März wieder dabeisein, wenn das Finale geplant ist. Vielleicht trudelt dann eine imposante Karriere aus. Vielleicht aber auch nicht. „Es muss schon Sinn und Verstand machen, noch eine Saison dranzuhängen. Es muss einfach eine Perspektive geben, die Knochen noch mal hinzuhalten.“ Später möchte er seinen Kindern nicht davon erzählen müssen, dass Alemannia in der Insolvenz endete. „So möchte ich nicht aufhören“, sagt der Emotionsvulkan. Er möchte lieber von vielen Schlachten am alten Tivoli und dem entscheidenden Erfolg bei der Klubsanierung berichten.

Das steht am Ende des Jahres alles in den Sternen.

Für Rösler war es privat dann doch ein großartiges Jahr. Seine Freundin Annika brachte die gemeinsame Tochter vor ein paar Wochen auf die Welt. Der junge Vater hat verletzungsbedingt viel Zeit für Louise. „Ihr Strahlen lenkt von allem ab.“