Aachen/London: Rugbyspielerin Nora Baltruweit: „Es geht um Respekt und Fairness"

Aachen/London: Rugbyspielerin Nora Baltruweit: „Es geht um Respekt und Fairness"

Es war der Höhepunkt ihrer Rugbykarriere: Die Aachenerin Nora Baltruweit durfte für den Babarians FC spielen, für den nur die besten Spielerinnen der Welt für eine odere mehrere Begegnungen ausgewählt werden. „Das war eine große Ehre für mich“, sagt die ehemalige Akteurin des RC Aachen, die mittlerweile in der obersten englischen Liga für die London Wasps spielt.

Gegen das British-Army-Team feierte die 20-Jährige mit den Babarians einen klaren 37:0-Erfolg. Grund zur Freude hatte die Stipendiatin, die seit September 2017 an der St. Mary‘s University in London studiert, auch kurz zuvor mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Durch ein 24:5 im letzten Spiel gegen Belgien sicherte sich das Team Platz 3.

Spielt aktuell in England: Nora Baltruweit. Foto: imago/Kessler-Sportfotografie

Im Interview mit Lars Brepols spricht Baltruweit über ihre ersten Schritte im Rugby, den Stellenwert der Sportart in Deutschland sowie ihre Erfahrungen in Neuseeland und England.

Wie haben Sie auf die Nominierung für den Barbarians FC reagiert?

Baltruweit: Ich bin aus allen Wolken gefallen. Die Trainerin hat mich gefragt, ob ich überhaupt für die Barbarians spielen möchte. Darauf habe ich nur geantwortet: Was ist das denn für eine bescheuerte Frage? (lacht)

Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?

Baltruweit: Es war eine unglaubliche Erfahrung. Durch die hohe Qualität der einzelnen Spielerinnen haben die Abläufe sehr schnell gepasst, obwohl wir noch nie zusammengespielt haben. Es war unter dem Strich auch das schnellste Match, bei dem ich je mitgespielt habe.

War das der Höhepunkt Ihrer bisherigen Karriere?

Baltruweit: Ja, auf jeden Fall. Ich hoffe sehr, dass ich noch einmal nominiert werde.

Wann haben Sie eigentlich mit dem Rugbyspielen angefangen?

Baltruweit: Im Alter von sieben Jahren. Ein Grundschulfreund hat mich damals gefragt, ob ich nicht mal mit zum Training gehen möchte. Ich war das einzige Mädchen und habe bis zur U14 nur mit Jungs zusammengespielt.

Konnten Sie denn mithalten?

Baltruweit: Anfangs schon, da ich recht groß und stark gebaut bin. Von der U14 zur U16 machen die Jungs dann aber einen großen Sprung, und von da an wurde es schwierig für mich. Ich habe sogar überlegt, ob ich aufhören soll, mit den Jungs zu spielen.

Was hat Sie davon abgehalten?

Baltruweit: In dieser Zeit habe ich bei der U18-Nationalmannschaft angefangen. Die Bundestrainerin hat mir geraten, weiter mit den Jungs zu trainieren. Um mithalten zu können, habe ich fast doppelt so viel trainiert. Das hat sich am Ende ausgezahlt, und ich habe mich durchgesetzt. Grundsätzlich würde ich das aber nicht jeder Frau empfehlen.

Was hat Sie angespornt?

Baltruweit: Ich wollte es mir selbst beweisen. Zudem war die Nominierung für die Nationalmannschaft eine große Chance für mich. Ich mag diesen Sport einfach und freue mich jedes Mal, wenn ich samstags auf dem Platz stehe und 80 Minuten Rugby spielen darf.

Was macht den besonderen Reiz aus?

Baltruweit: Rugby ist eine harte Sportart, aber trotzdem ein sehr fairer Sport. Es geht dabei viel um Respekt und Fairness, worauf auch gerade hier in England sehr viel Wert gelegt wird. Wenn etwas Unrechtes beim Spiel passiert, kann man auch hinterher beim Verband noch angezeigt und bestraft werden.

Vor Ihrer Zeit in England haben Sie in Neuseeland gespielt. Wie ist es dazu gekommen?

Baltruweit: Vor meinem Studium wollte ich noch ein Auslandsjahr absolvieren, genau wie meine Geschwister. Zunächst hatte ich mich für „Work and Travel“ entschieden, aber ein ganzes Jahr ohne Rugby, das geht einfach nicht. Daher bin ich nur zwei Monate durch Neuseeland gereist, und im Anschluss habe ich mich nach Auckland aufgemacht, um dort weiter Rugby zu spielen.

Welche Eindrücke haben Sie gewonnen?

Baltruweit: Das war eine ganz andere Welt. Die Art und Weise, wie die Menschen dort Rugby spielen, unterscheidet sich komplett. Sie betreiben den Sport mit Leichtigkeit und Freude und entwickeln dadurch Fähigkeiten, die wir Deutschen uns über mehrere Jahre erarbeiten müssen. Die Neuseeländer waren physisch sehr stark, das war eine große Herausforderung für mich.

In Neuseeland haben Sie aber nur mit Frauen gespielt, oder?

Baltruweit: Ja, genau. Die Mädels hatten schon Weltklasse-Niveau. Zunächst habe ich für die College Rifles gespielt. Da waren auch schon einige Nationalspielerinnen dabei. Später habe ich noch für Auckland Storm gespielt. Das Team hatte acht Jahre in Folge die Meisterschaft gewonnen. Das war ein sehr großer Schritt für mich, denn das Niveau war auf der höchsten Stufe und die Konkurrenz riesig. Ich musste mich sehr anstrengen, um überhaupt einen Bankplatz zu ergattern. Letztlich habe ich es aber geschafft.

Welchen Stellenwert hat Rugby in Neuseeland?

Baltruweit: Einen ähnlichen, wie der Fußball in Deutschland hat. Dennoch sind auch in Neuseeland immer wieder Leute überrascht, wenn Frauen Rugby spielen.

Können Sie sich das erklären?

Baltruweit: Auch da drüben spielen eher die Jungs Rugby und Frauen eher Soft- oder Netball. Erst später wechseln dann einige zum Rugby.

Wie sieht das in Deutschland aus?

Baltruweit: Generell ist Rugby im Kommen, auch in Deutschland. Da Rugby jetzt olympisch ist und 2015 der World Cup teilweise übertragen wurde, hat die Sportart einen Schub bekommen, dennoch steht uns noch ein weiter Weg bevor.

Profitiert davon auch das Frauenrugby?

Baltruweit: Frauen haben es nicht so einfach. Vor allem im 15er-Rugby ist die Lage schwierig, denn es spielen momentan nur fünf Teams in einer Liga. Dadurch ist es natürlich schwierig, vernünftige Spielzeiten zu kreieren. Es gibt noch viel zu tun.

Hilft da der Erfolg mit der Nationalmannschaft?

Baltruweit: Ja, schon. Durch den Erfolg haben wir viel mehr Aufmerksamkeit und Respekt durch unseren Verband bekommen. Ich hoffe, dass die Förderung nun besser wird.

Worin unterscheidet sich eigentlich das 7er- vom 15er-Rugby?

Baltruweit: Grob gesagt ist es nur die Anzahl der Spieler und die Zeit. Beim 15er geht es sehr viel um Meter, was man beim Kick-off sehr gut beobachten kann. Das zurückliegende Team kickt den Ball zum Gegner, um mehr Meter zu schaffen. Im 7er ist das genau andersherum, weil es mehr um Ballbesitz geht.

Was spielen Sie denn lieber?

Baltruweit: In Deutschland habe ich immer 7er bevorzugt. In Neuseeland und England war ich zuletzt mehr im 15er aktiv, was mir aufgrund meiner Statur entgegenkommt. Ich freue mich aber jedes Mal, wenn ich mal wieder 7er spielen kann.

Verfolgen Sie noch, was bei Ihrem Heimatklub RC Aachen passiert?

Baltruweit: Ich versuche es, bin aber nicht immer auf dem neuesten Stand. Ich schreibe alte Teamkollegen öfters an, um so zu erfahren, was gerade los ist. So bleibe ich auch immer auf dem Laufenden, was da in der Nationalmannschaft der Männer passiert.

Haben Sie darüber hinaus noch Verbindungen nach Aachen?

Baltruweit: Ja, zu meiner Familie und meinen alten Schulfreunden. Als Ehrenmitglied informiere ich den RCA auch laufend über meine Erfolge, denn der Verein hat schon damals sehr viel für mich getan.

Wie oft sind Sie noch in Aachen?

Baltruweit: Nicht sonderlich oft. Ich komme natürlich immer zu Weihnachten. Ansonsten versuche ich, einmal im Frühjahr und einmal im Sommer zu kommen. Dadurch, dass ich für die Nationalmannschaft extrem viel reise, ist das alles nicht so einfach.

Sie sind eine der erfolgreichsten Rugbyspielerinnen Deutschlands. Werden Ihre Leistungen auch finanziell honoriert?

Baltruweit: Nein. Hier in meinem Team verdient keine Spielerin Geld. Die einzigen, die bezahlt werden, sind die Nationalspielerinnen Englands sowie einige Neuseeländerinnen. Als deutsche Nationalspielerin bin ich froh, dass mir zumindest meine Reisekosten erstattet werden. In England versuchen wir gerade, dass Ganze professioneller aufzuziehen und mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Vielleicht schaffen wir es dann auch, dass Spielerinnen bezahlt werden.

Bei den Männern ist das aber ganz anders...

Baltruweit: Das stimmt. Die Spieler in der englischen Premiership werden alle bezahlt. Auch die deutschen Nationalspieler werden honoriert. Das kann man mit Frauen- rugby nicht vergleichen.

Ärgert Sie das?

Baltruweit: Ja, schon sehr, da wir im Endeffekt die gleiche Arbeit verrichten. Unsere Kapitänin bei den Wasps hat zuletzt einen Profispieler getroffen und mit ihm den Alltag verglichen. Das ist schon ein riesiger Unterschied, denn die Spielerin geht 40 Stunden pro Woche arbeiten, muss sich ihr Essen selber organisieren und abends noch drei Stunden auf dem Klubgelände rumhängen.

Hier in London benötigt man zudem viel Zeit für die An- und Abreise. Nach einer kurzen Nacht geht es direkt wieder von vorne los. Das ist schon heftig. Ich glaube, dass die Frauen mehr leisten, allein, weil sie einen Fulltime-Job haben. Daher finde ich das nicht fair, dass Frauen nicht bezahlt werden und Männer schon.

Haben Sie Hoffnung, dass sich das in Ihrer aktiven Zeit ändern wird?

Baltruweit: Ja, ich hoffe schon. Ich bin ja gerade erst 20. Da ist ja mindestens noch ein Jahrzehnt Zeit, wenn nicht sogar noch länger.

Sehen Sie Ihre berufliche Zukunft im Rugbysport?

Baltruweit: Ich möchte Kraft- und Fitnesscoach für Athleten werden. Wenn es irgendwann dazu kommen sollte, dass ich im Rugbysport arbeiten könnte, werde ich nebenbei noch etwas anderes machen, denn ich glaube nicht, dass ich nur Rugby als Fokus nehmen werde.

Wenn Sie die Wahl hätten: Wo würden Sie künftig am liebsten spielen?

Baltruweit: Ich bin zurzeit von England sehr begeistert. Dort habe ich eine Wahnsinnstrainerin, und die Unterstützung, die uns hier zuteil wird, habe ich noch nie bekommen. Wenn nicht England, dann würde ich eventuell nach Neuseeland zurückgehen.

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