1. Sport
  2. Lokalsport

Von Scherpenseel nach Moskau und zurück: „In Russland wurde nie von Krieg gesprochen – bis heute nicht“

Von Scherpenseel nach Moskau und zurück : „In Russland wurde nie von Krieg gesprochen – bis heute nicht“

Der Scherpenseeler Lars Kornetka hat es im Profi-Fußball als Trainer und Analyst weit gebracht. Wegen des Ukraine-Kriegs war ein weiteres Engagement in Russland für ihn nicht zu verantworten.

Er war für die sportliche Entwicklung des russischen Erstligisten Lokomotive Moskau zuständig. Das konnte Lars Kornetka aber wegen des Ukraine-Kriegs nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Der gelernte Sportjournalist hat sich in den vergangenen Jahren zu einem anerkannten Videoanalysten und Trainer im Fußball gemausert, die Wurzeln zu seiner Heimat Scherpenseel hat er nie verloren. Im Interview mit Kevin Teichmann und Jonas Schmitz spricht er über sein Heimatdorf, die Erlebnisse rund um den Ukraine-Krieg und seine Ziele als Co-Trainer unter Ralf Rangnick bei der österreichischen Nationalmannschaft.

Herr Kornetka, Sie haben eine bewegende Saison hinter sich – und zwar nicht nur im sportlichen Sinn. Fangen wir doch bei Ihrem Weggang aus Eindhoven an. Was hat Sie dazu bewogen, die PSV im Sommer zu verlassen?

Lars Kornetka: Ich habe eine kleine Tochter, und obwohl ich aus Eindhoven zwar immer mal nach Hause fahren konnte, habe ich sie eigentlich nie gesehen. Deshalb habe ich bewusst gekündigt, um ein Sabbatical zu machen, also ein Jahr lang zu Hause zu bleiben und mich mehr um die Familie zu kümmern.

<aside class="park-embed-html"> <iframe width="640" height="360" src="https://www.youtube.com/embed/Roj-f87Es6A?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen title="Even kennismaken met Lars Kornetka en Jörn Wolf, de assistenten van Roger Schmidt 👥"></iframe> </aside>
Dieses Element enthält Daten von YouTube. Sie können die Einbettung solcher Inhalte auf unserer Datenschutzseite blockieren

Was sollte danach folgen?

Kornetka: Ich hatte schon länger die Idee, mich irgendwann selbständig zu machen, nämlich als Berater im weitesten Sinne. Der ursprüngliche Gedanke war, als Berater für Trainer zu arbeiten, weil ich in meiner Karriere viel mit Trainern zu tun hatte und auch als Co-Trainer oder auch früher als Analyst eigentlich immer so eine Art Berater für sie war. Ich hatte zu dem Zeitpunkt aber keinen Businessplan dahinter. Es war eine grobe Skizze in meinem Kopf, um irgendwann diesem Hamsterrad im Liga-Alltag zu entkommen, sieben Tage die Woche arbeiten zu müssen. Ich wollte doch mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen.

Doch es kam anders ...

Kornetka: Mein langjähriger Weggefährte Ralf Rangnick kam auf mich zu und hat mich gefragt, ob wir nicht eine Beratungsagentur gründen wollen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt eine Anfrage von Lokomotive Moskau. Der Club fühlte sich nicht gut aufgestellt und brauchte Hilfe. Wir haben dann die „Rangnick Kornetka Consulting GmbH“ gegründet. Die Idee war, aus der Entfernung oder auch ab und zu vor Ort zu beraten. Letztlich wurden aber nicht immer unsere Vorschläge von den handelnden Personen auch umgesetzt, weshalb Ralf das Angebot bekam, Head of Sports and Development zu werden, also quasi der Sportliche Geschäftsführer. Ich habe dann als Berater weiter eng mit ihm zusammengearbeitet und wir haben 26 Leute nach Moskau geholt, neben Spielern auch Personal für den Staff. Als Ralf dann das Angebot bekam, bei Manchester United als Interimstrainer zu arbeiten, habe ich seinen Posten bei Lokomotive Moskau übernommen. Wir konnten ja nicht beide abhauen. (lacht) Wir haben so viel Arbeit reingesteckt und auch eine Verantwortung für die Menschen. Und obwohl ich noch nie zuvor eine solche Position bekleidet hatte, hat es gut funktioniert.

Wie haben Sie die Entwicklung des Konflikts bis hin zum russischen Überfall auf die Ukraine im Februar wahrgenommen?

Kornetka: Ich habe das – ehrlich gesagt – anfangs gar nicht glauben wollen. Vielleicht war ich auch zu naiv, aber ich habe es für Säbelrasseln gehalten, weil ein Krieg für niemanden Sinn ergibt. In meinen Augen tragen alle Seiten eine Verantwortung, nicht nur Russland, sondern auch Europa. Ich hatte die Hoffnung, dass alle dieser Verantwortung gerecht werden würden und an einen Tisch zusammenkämen. Aber anscheinend war das Tischtuch zu sehr zerschnitten. Das hat mich sehr, sehr schockiert. Dann ist der Krieg ausgebrochen, wobei in Russland ja nie von Krieg gesprochen wurde. Bis heute nicht.

Wo waren Sie in diesem Augenblick?

Kornetka: Wir waren mit der Mannschaft im Trainingslager im spanischen Marbella. Wir hätten danach unser erstes Spiel in Krasnodar gehabt. Das wurde aber verschoben, weil es zu nah an der russisch-ukrainischen Grenze liegt. Wir sind daher noch ein paar Tage länger in Marbella geblieben. Ich habe mit allen Nicht-Russen gesprochen, die wir nach Moskau geholt hatten, und habe ihnen gesagt, dass es ihnen freigestellt ist, sofort zu gehen. Es sind aber alle mit zurück nach Moskau geflogen und haben dann auch weitermachen wollen. Ich persönlich habe dann aber für mich entschieden, dass ich das nicht machen kann und auch nicht machen möchte.

Was war für Sie ausschlaggebend?

Kornetka: Ich konnte die Verantwortung nicht mehr tragen, weil es einfach Krieg ist. Das wollte ich nicht länger auf meine Schultern laden. Dann kam die Länderspielpause und ich habe mit unserem Chairman in Moskau gesprochen und ihm gesagt, dass ich gerne aufhören würde. Ende März war es dann so weit.

Wie hat der Chairman reagiert?

Kornetka: Er konnte es nachvollziehen. Es ist ja nicht so, dass die Russen den Krieg gutheißen. Das hat finanziell und sportlich auch heftige Konsequenzen. Die Russen sind jetzt ausgeschlossen aus den europäischen Wettbewerben. Wir haben da junge, talentierte Spieler davon überzeugt, in Moskau zu spielen, weil sie sich mit Anfang 20 oder noch unter 20 aufs internationale Parkett begeben und ins Schaufenster stellen konnten, um so der Karriere einen richtigen Schub zu verpassen. Unsere Versprechen konnten wir also auch nicht mehr halten.

Haben neben Ihnen weitere Spieler und Funktionäre den Club verlassen?

Kornetka: Nein, die sind alle geblieben. In Moskau selbst passiert ja nichts. Natürlich bekommt man da schon ein bisschen etwas von den Sanktionen mit und auch im Gehalt macht es sich durch den Rubel-Kurs bemerkbar. Aber ansonsten besteht für die ja keine Gefahr. Zumindest bangen die da nicht um ihr Leben. Es bestehen ja auch noch Verträge. Hätten sie gekündigt, hätten sie erst mal nichts anderes gehabt. Das sind Menschen mit Familien. Es ist nicht so einfach, die Dinge immer nur schwarz oder weiß zu sehen. Dafür habe ich auch großes Verständnis. Im Sommer könnte es da anders aussehen.

Warum konnten Sie nicht mehr bis zum Sommer warten?

Kornetka: Von den Leuten in meinem Umfeld habe ich zwar keinen Druck bekommen, aber ich habe schon gemerkt, dass sich viele Sorgen gemacht haben. Irgendwann hat meine Frau mich gefragt, ob es nicht langsam Zeit wäre, aufzuhören. Genau wie ich es meinen Leuten in Moskau gesagt habe, war es auch für mich eine persönliche Entscheidung, die ich treffen musste. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Sie sind aber glücklicherweise nicht lange arbeitslos geblieben. Zum 1. Juni fangen Sie als Co-Trainer unter Ihrem Freund Ralf Rangnick bei der österreichischen Nationalmannschaft an.

Kornetka: Der Österreichische Fußball-Bund hat bei Ralf angeklopft. Womöglich hatten die Österreicher gar nicht daran gedacht, dass das für ihn infrage käme. Wir haben uns dann beraten. Da wir enorm viele Spieler da kennen und mit vielen von denen schon zusammengearbeitet haben, haben wir dann auch zugesagt. Ralf hat ja auch eine Bindung zu Österreich und in Salzburg etwas aufgebaut, was europaweit seinesgleichen sucht. Und eine Nationalmannschaft hatte er zuvor noch nicht.

Peter Pacult (war Trainer in Leipzig bis Rangnick Sportdirektor wurde; Anm. d. Red.) hat in der Kronen Zeitung die Verpflichtung scharf kritisiert und gegen Ralf Rangnick ausgeteilt. Wie haben Sie beide das wahrgenommen?

Kornetka: Die Gespräche mit Peter Schöttel (ÖFB-Sportdirektor; Anm. d. Red.) und Bernhard Neuhold (ÖFB-Geschäftsführer) waren klasse. Die Chance, erfolgreich zusammenzuarbeiten, wollten wir alle nicht ungenutzt lassen. Ich bin davon überzeugt, gemeinsam etwas Großes aufbauen zu können. Dass es im Fußball immer Menschen geben wird, die Dinge anders sehen, ist normal. Um ehrlich zu sein, ist die Meinung von Herrn Pacult mir egal.

Peter Pacult hat auch den ÖFB kritisiert, weil erneut kein Österreicher die Nationalmannschaft anleitet.

Kornetka: Das ist für mich ein Totschlagargument. Es ist doch egal, welche Nationalität, welches Geschlecht, welche Hautfarbe oder welche sexuelle Orientierung jemand hat, wenn es darum geht, die beste Person für einen Job zu finden.

Was haben Sie gemeinsam vor mit der Nationalmannschaft?

Kornetka: Unser Ziel ist es, uns für die Europameisterschaft 2024 zu qualifizieren. Und dann möchten wir auch die Weltmeisterschaft 2026 erreichen. Wir wollen den Weg Schritt für Schritt gehen.

Wie oft sind Sie noch in Scherpenseel?

Kornetka: Meine Mama, mein Bruder und viele Freunde wohnen da. Ich versuche, einmal die Woche da zu sein. Manchmal ist das beruflich bedingt aber einfach nicht drin und dann werden es auch schon mal zwei, drei Monate. Das Schöne an diesem Dorf ist: Ich fühle mich immer noch zugehörig. Ich fühle mich in diesem Dorf pudelwohl. Es ist sehr herzlich und familiär und die Menschen dort haben es mir immer nachgesehen, wenn ich nicht da war. Ich habe enorm viel verpasst: Hochzeiten, Geburtstage, Taufen, Geburten, Scheidungen – alles habe ich zig mal verpasst, mir ist aber nie das Gefühl gegeben worden, ich wäre nicht mehr Teil des Dorfes. Die Menschen werden auch nie müde, mich zu allem einzuladen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ich absagen muss. Das weiß ich ihnen hoch anzurechnen.