Aachen: Fast ein Actionfilm: André Collets Härtetest beim Ultratrail

Aachen : Fast ein Actionfilm: André Collets Härtetest beim Ultratrail

Es gab diese Momente, in denen selbst André Collet an sich zweifelte. Diesmal hatte der Ultramarathonläufer zwar nur 50 Kilometer in Angriff genommen — aber bei seinem ersten Ultratrail im belgischen Houffalize musste der Läufer auch 1900 Höhenmeter in den Ardennen bewältigen. Sein erster Trail wurde für den Aachener zu einem echten Härtetest, an dessen Ende aber nach 4:30 Stunden Platz zwei heraussprang.

„Ich bin etwas naiv rangegangen“, gibt Collet lachend zu. „Aber ich wollte es mal probieren, da ich irgendwann von der Straße runter möchte und mir längerfristig Ultratrail vorstellen könnte.“ So ging es bei zwei bis drei Grad in die Ardennen. Um 7 Uhr ertönte der Startpfiff — und es war stockdunkel. Collet: „Alle Läufer hatten Proviant und eine Stirnlampe dabei, nur ich nicht. Ich habe das ignoriert, da man beim Ultramarathon möglichst jedes Gramm einspart.“

Zahlreiche Stürze im Dunkeln

Das sollte sich rächen: „In der ersten Stunde bin ich im dunklen Wald nur gefallen, konnte keinen Weg oder die Bodenbeschaffenheit erkennen“, gibt er seinen Fehler zu. „Das war eine Dummheit. Ich habe mir überlegt, dass ich in die Spitzengruppe laufen muss, um etwas Licht abzubekommen. Und das habe ich dann auf einem Straßenstück umgesetzt.“

Der Läufer der Aachener TG schloss auf und übernahm mit dem Rumänen Andrei-Gratian Soveresan die Führungsarbeit. „Ich bin eigentlich schneller als er, aber ich habe gemerkt, dass seine Technik besser als meine ist und er daher flotter als ich unterwegs war.“ Beim Trail kommt es nicht auf das reine Laufen an, da geht es kreuz und quer, rauf und runter im Gelände. „Ich hätte nie gedacht, dass die Böschungen so extrem sind, da musste man hochklettern oder ist auf dem rutschigen Boden wie ein Skifahrer runtergeschlittert.“

Bäche waren zu durchqueren, die nach den ergiebigen Regenfällen viel Wasser führten und Collet stellenweise bis zur Brust gingen. „Die Strömung war einmal so stark, dass ich abgetrieben wurde und mich sogar am Seil festhalten musste. Klatschnass kam ich auf der anderen Seite an, aber das Laufen in den nassen Sachen war gar nicht so schlimm — nur die Schuhe wurden auf den 50 Kilometern nicht mehr trocken.“

Doch Collet ist ein Kämpfer, der im Training jeden Sonntag einen Marathon läuft. Seine Ausdauer half ihm beim Trail. „Nach 20 Kilometern konnte ich dem Rumänen trotz seiner besseren Technik weglaufen. Ich führte und wollte gewinnen.“ Bis Kilometer 30 sah es gut aus, dann traf der Aachener eine fatale Fehlentscheidung. „Aus dem Augenwinkel hatte ich einen Pfeil gesehen, der gehörte aber zu einem Parallellauf, wie sich später herausstellte.“

Collet folgte dem Pfeil den Berg hinunter, erst nach 500, 600 Metern kamen ihm Zweifel. „Ich habe mich den Berg wieder hochgekämpft, wo der Rumäne gerade an der Gabelung vorbeilief.“ Den Vorsprung von vier, fünf Minuten hatte Collet zwar eingebüßt, ließ den Rumänen aber erneut hinter sich — und wurde Zweiter. „Während meines Abstechers war Nicola Bucci vorbeigelaufen.“ Mit 4:25:88 Stunden gewann der Italiener vor Collet in 4:30:29. Platz zwei bei der Premiere — ein tolles Ergebnis, und doch hadert Collet ein wenig angesichts seiner Fehlentscheidungen, die ihn den Sieg kosteten.

„Ich kam mir fast vor wie in einem Actionfilm. Der Spaßfaktor beim Ultratrail ist deutlich höher als auf der Straße, wo das Rennen psychisch viel belastender ist, da es auf die richtige Renneinteilung und Sekunden ankommt.“ Aber die körperliche Belastung in dem unwegsamen Gelände hat von Collet auch ihren Tribut gefordert. „Ich hoffe, ich habe mir beim Trail nichts versaut, die alte OP-Narbe an meinem Fuß schmerzt wieder. Schon beim Lauf habe ich gemerkt, dass das richtig auf die Knie und Gelenke geht.“

Anno 2018 soll das Abenteuer der einzige Ausflug in den Ultratrail bleiben, „mit einem Fehltritt riskiert man zu viel“. Der ATG-Läufer will zur Ultramarathon-WM am 8. September im kroatischen Sveti Marti na Muri, nördlich von Zagreb. Diesem Ziel ordnet Collet sein Wettkampfjahr unter, verzichtet auf die DM im März. 2016 war er Deutscher Meister, 2017 nach Verletzungspausen Vizemeister. „Ich werde mich mit Marathons vorbereiten, da ich auf Schnelligkeit trainieren will“, verrät Collet. Ende April in Düsseldorf und Anfang August in Monschau will er Marathons laufen. Zum Aufbau geht es nach Karneval für sechs Wochen nach Mallorca.

2016 wurde der nun 46-Jährige Altersklassen-Weltmeister. „Der Weltrekord aus den 70, 80er Jahren liegt bei 6:36 Stunden. Vor zwei Jahren lag ich bis Kilometer 56 auf Weltrekordkurs.“ Hinterher wurden es 6:44:53 Stunden. Anpeilen will er den Rekord: „Um so eine Zeit zu laufen, muss man aber den perfekten Tag erwischen.“

Die WM könnte der Abschied vom Ultralauf werden. „Ich kann mir vorstellen, nächstes Jahr umzusteigen“, sagt Collet — und hat längst konkrete Vorstellungen. So reizt ihn der Transalpine-Run über sieben Etappen in den Alpen, bei dem 255,4 Kilometer mit 16 398 Höhenmeter im Auf- und 16 523 Höhenmeter im Abstieg zu bewältigen sind. Und dann ist da noch der „Heilige Gral“ für alle Ausdauerläufer — der Ultra-Trail du Mont Blanc, mit 168 Kilometern, mehr als 9000 zu überwindenden Höhenmetern und einem Zeitlimit von 46 Stunden einer der anspruchsvollsten Bergmarathons weltweit.

„Dafür muss man Punkte sammeln, um sich zu qualifizieren. Und dann bekommen von den Qualifizierten nur 30 Prozent einen Startplatz“, wiegelt Collet ab, fügt aber grinsend hinzu: „Obwohl — der Italiener und der Rumäne, die beim Houffatrail mit mir auf dem Podium standen, sind am Mont Blanc schon gelaufen . . .“