Ex-Alemanne Kevin Kratz holt Fußball-Meistertitel in den USA

Fußball : Ex-Alemanne Kevin Kratz holt Meistertitel in den USA

Als dritter deutscher Profi feiert Fußball-Profi Kevin Kratz aus Eschweiler, der auch für Alemannia Aachen in der Zweiten Liga gespielt hat, einen Fußball-Meistertitel in den USA.

Die Stimme ist ein wenig angeschlagen, Besserung ist in den nächsten Tagen nicht zu erwarten. Nach dem Sieg im Endspiel der nordamerikanischen Major League Soccer (MLS) läuft der Feiermarathon beim neuen Champion Atlanta United auf Hochtouren, und Kevin Kratz, 31, befindet sich mittendrin. Der Fußball-Profi aus Eschweiler kam beim 2:0 gegen die Portland Timbers zwar nicht zum Einsatz, einen nicht unbedeutenden Anteil am Titelgewinn hatte Kratz in den Monaten zuvor dann aber doch. Über eine Bilderbuchsaison, den „American Dream“ und Zlatan Ibrahimovic hat er gesprochen.

Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des MLS-Cups. Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie in einem Atemzug mit Franz Beckenbauer genannt werden?

Kratz (lacht): Nicht wirklich. Vor dem Finale habe ich zum ersten Mal gelesen, dass Franz Beckenbauer einer der wenigen deutschen Spieler ist, der den Fußball-Meistertitel in den USA gewonnen hat, damals noch in der North American Soccer League. Nach unserem Sieg hat mir mein bester Freund direkt geschrieben: Jetzt stehst du auf einer Stufe mit einer „Lichtgestalt“, wie Comedian Matze Knop Franz Beckenbauer gerne nennt (lacht).

Das Finale fand vor einer MLS-Rekordkulisse statt: 73.019 Fans hatten sich im ausverkauften Mercedes-Benz-Stadium in Atlanta versammelt, um dem neuen Meister zuzujubeln.

Kratz: Als wir zum Warmmachen ins Stadion gelaufen sind, wurde es schon richtig laut. Und als das Finale dann lief, war die Stimmung einfach sensationell. Das sind genau die Spiele, die du dir als Fußball-Profi wünschst.

Am liebsten steht man dann auf dem Platz…

Kratz: Ich wäre natürlich gerne zum Einsatz gekommen. Aber wenn der Trainer in den Play-offs seine Mannschaft gefunden hat, dann ist es klar, dass nicht mehr groß rotiert wird. Dennoch war es eine überragende Saison.

An der auch Sie Anteil hatten: In 27 Partien standen Sie auf dem Platz, haben zwei Tore geschossen.

Kratz: Immer wenn ich diese Saison gespielt habe, dann habe ich eigentlich auch gut gespielt. Positiv war zudem, dass ich verletzungsfrei durch das Jahr gekommen bin und nicht eine Trainingseinheit verpasst habe.

Wie groß war der Anteil Ihres Trainers Gerardo „Tata“ Martino an der Bilderbuchsaison?

Kratz: Sehr groß. „Tata“ ist ein richtig guter Coach, der anders denkt als fast alle Trainer, die ich vorher erlebt habe. Gerade von den Defensivspielern erwartet er, dass sie früh versuchen, den Ball zu erobern und nach vorne zu schieben. Auch seine Halbzeitansprachen passen eigentlich immer. Ich erinnere mich an ein schwieriges Spiel in Toronto, wir hatten Probleme mit Sebastian Giovinco und Jozy Altidore. In der Pause haben wir von Vierer- auf Dreierkette umgestellt – und hatten das Spiel wieder im Griff. Das war „Tatas“ Verdienst.

In dieser Saison haben Sie auch gegen Weltstars wie Zlatan Ibrahimovic oder Wayne Rooney gespielt.

Kratz: Es war ein geiles Erlebnis gegen beide zu spielen. In Deutschland denken viele, dass die MLS eine Liga für ältere europäische Spieler ist, die ihre Karriere ausklingen lassen wollen. Aber wenn man sieht, wie sehr die Jungs noch immer Gas geben, dann merkt man schnell, dass das nichts mit Vorruhestand zu tun hat. Bastian Schweinsteiger ist das beste Beispiel. Die Gier, gewinnen zu wollen, ist bei ihm noch immer extrem ausgeprägt. Und auch Zlatan Ibrahimovic hat nicht ohne Grund in 27 Spielen 22 Tore erzielt und sieben Treffer vorbereitet.

Ihr Verein ist ein bisschen der Gegenentwurf zu den Teams, die auf ältere Spieler als Leistungsträger setzen…

Kratz: Atlanta United war meiner Meinung nach der erste Verein, der neu in die Liga kommt, und nicht auf gestandene Spieler gesetzt hat, sondern einen anderen Weg gehen wollte. Mit jungen, hungrigen Spielern, die sich noch weiterentwickeln können. Und das hat super funktioniert. Innerhalb von zwei Jahren ist aus einem Neuling ein MLS-Champion geworden. Man hat nicht erst seit dem Titelgewinn gemerkt, dass andere Vereine unserem Beispiel folgen und Spieler verpflichten, die in der MLS für Furore sorgen können, aber auch das Potenzial haben, sich für eine europäische Top-Liga zu empfehlen.

Ihr deutscher Teamkollege Julian Gressel dürfte auch in dieses Raster fallen.

Kratz: Auf jeden Fall. Julian hat sich in den vergangenen beiden Jahren super entwickelt. Er ist den Weg über das College gegangen, um in die Profiwelt zu kommen – und hat alles richtig gemacht. Schon im vergangenen Jahr ist er – vollkommen zurecht – zum „Rookie of the Year“ gewählt worden. Und in diesem Jahr ist er noch konstanter geworden. Da er bei Dienstreisen mein Zimmerpartner ist, versuche ich ihm Tipps zu geben, wie er noch besser werden kann. Bei mir war das in jungen Jahren nicht anders. Als ich bei Alemannia Aachen war, habe ich viel von Benny Auer, Cristian Fiel und Thorsten Stuckmann gelernt. Ich würde ihm wünschen, dass er irgendwann in der Bundesliga landet. Jeder Junge in Deutschland träumt davon, dort zu spielen.

Für Alphonso Davies wird sich der Traum in der Rückrunde erfüllen.

Kratz: Gegen Alphonso habe ich auch in dieser Saison gespielt. Er ist pfeilschnell und ein richtig guter Kicker. Da hat der FC Bayern einen sehr talentierten Spieler verpflichtet. Ob er sich auch in der Bundesliga durchsetzt, wird spannend zu sehen. Für die MLS wäre es auf jeden Fall eine tolle Geschichte, wenn Alphonso oder auch Tyler Adams, der in der Winterpause zu RB Leipzig wechselt, erfolgreich sind. Das würde den amerikanischen Fußball noch einmal nach vorne bringen.

Trotz Baseball, Basketball und American Football: Die Bedeutung von „Soccer“ ist in den vergangenen Jahren in den USA gestiegen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Kratz: Der Fußball wächst hier richtig schnell. Die besten fünf Teams der Liga bewegen sich taktisch schon auf einem sehr hohen Niveau. Bei den anderen Mannschaften gibt es noch Nachholbedarf. In Atlanta wird zurzeit eine Jugendakademie aufgebaut, um den Nachwuchs gezielt zu fördern. Man hat genug Leute, die gut Fußball spielen können. Sie müssen nur ordentlich ausgebildet werden. Das wird die große Aufgabe für die Zukunft sein.

Sie leben den „American Dream“. Ende des Jahres könnte der Traum aber enden, da ihr Vertrag in Atlanta ausläuft.

Kratz: Nach dem Finale fand ein Jahresabschlussgespräch statt. Die Verantwortlichen haben mir mitgeteilt, dass sie mit meiner Leistung zufrieden sind. Deshalb haben sie die Option zur Vertragsverlängerung für ein weiteres Jahr gezogen. Das freut mich sehr, da sich meine Frau und unsere Kinder hier sehr wohlfühlen. Ich will so lange wie möglich spielen, danach gehe ich vielleicht ins Coaching. Ich studiere nebenbei noch Sportmanagement am College, damit ich nach meiner aktiven Karriere noch mehr Optionen habe.