Die Deutschen Staffel-Meisterschaften sind zu Streitpunkt geworden

Staffel-DM auf der Kippe : „Wir haben einen Fehler gemacht“

Weiter könnten die Meinungen kaum auseinander liegen. „Ich halte das für eine komplette Fehlentwicklung“, sagt Christiane Wolff, Trainerin bei der Aachener Turn-Gemeinde (ATG). Harald Eifert, Leiter des Stützpunktes Grenzland, Vizepräsident Sportentwicklung beim Leichtathletik-Verband Nordrhein (LVN) und Trainer beim SC Myhl LA, erwartet hingegen eine „tolle Veranstaltung“.

Streitpunkt sind die Deutschen Staffel-Meisterschaften, die der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) noch in diesem Jahr einführen möchte. Nach massiven Protesten von der Basis scheint der DLV zurückzurudern. „2019 wird es keine zentrale Staffel-DM geben“, ist LVN-Präsident Dr. Peter Wastl mittlerweile überzeugt. Am Freitag, bei der Sitzung des DLV-Verbandsrates anlässlich der Deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig, wird wohl die Entscheidung fallen, wie die Staffelwettbewerbe in diesem Jahr auf nationaler Ebene ausgetragen werden.

Geht es nach den Plänen des DLV, wird es bei der DM der Männer und Frauen keine Staffelwettbewerbe mehr geben. Alle Staffeln, von den 4 x 100 Metern der Sprinter bis zu den 3 x 800 beziehungsweise 3 x 1000 Metern der Mittelstreckler, sollen an einem Wochenende in einer eigenen Meisterschaft zusammengeführt werden. Und das in allen Altersklassen von der U 18 bis zu den Senioren. Als Termin war zunächst der 18./19. Mai vorgesehen – das Wochenende, an dem im LVN, und damit auch in Aachen, die Regionsmeisterschaften ausgetragen werden.

Bisher wurden bei den nationalen Titelkämpfen der Männer und Frauen Staffeln über 4 x 100 und 4 x 400 Meter ausgetragen. In den vergangenen Jahren nur noch als Zeitendläufe. Hinzu kamen die Langstaffeln, also die 4 x 400, 3 x 800 und 3 x 1000 Meter der Jugendklasse U 20. Umgekehrt trugen die Frauen und Männer ihre Wettbewerbe über 3 x 800 und 3 x 1000 Meter bei den Deutschen Jugendmeisterschaften der U18/U20 aus. Bei der DM U 23 wurden alle Staffeln von 4 x 100 bis 3 x 800/1000 Meter gelaufen.

„Eine Staffel-DM stand als Konzept schon vor vielen Jahren auf dem Plan“, sagt Frank O. Hamm, beim DLV als Vizepräsident für den Wettkampfsport zuständig. „Ich halte das für eine gute Veranstaltung, wenn man es richtig macht.“ Erfahrungen gibt es zum Beispiel im Hessischen Leichtathletik-Verband, wo seit 2014 die Hessischen Meisterschaften Lang- und Kurzstaffel ausgetragen werden. „Das hat sich absolut bewährt. Da ist die Hölle los auf dem Platz“, sagt HLV-Präsidentin Anja Wolf-Planke.

Die etwas langatmige DM der Männer und Frauen 2018 in Nürnberg, bei der die Aachener Vereine ausschließlich mit Staffeln vertreten waren, sei der Ausgangspunkt gewesen, so Hamm, die Idee einer Staffel-DM konkret anzugehen. Ohne die Staffelwettbewerbe sei es möglich, auch die „große“ DM kürzer zu gestalten. Nur bei dieser überträgt das Fernsehen und sind Zuschauer in größerer Anzahl im Stadion. Beide, sagt Hamm, Sender und Zuschauer, wünschten sich kompaktere Zeitpläne: „Wir müssen die DM von zehn auf sechs Stunden am Tag reduzieren“, ist auch Peter Wastl überzeugt.

In der Region stoßen die Pläne aber nicht auf Zustimmung: „Für mich als ehrenamtliche Trainerin ist es ein zusätzlicher Termin“, sagt Christiane Wolff zur geplanten Staffel-DM. Und auf den Verein kommen zusätzliche Kosten. „Ich bin grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber Neuem“, so Martina Hund, Trainerin bei der DJK Frankenberg Aachen. Aber bei dieser Idee habe sie Bauchschmerzen. „Es ist ein Highlight, über die Staffel zu einer großen DM zu kommen und die Stars zu sehen.“ Das sei eine große Motivation für die Jugendlichen. „Meine Mädels waren total bestürzt“, so Hund, als sie hörten, nicht zu den DM nach Berlin fahren zu können. Und ihr Trainerkollege Bernhard Klinkenberg sagt: „Ich befürchte, dass damit das Niveau der Staffelwettbewerbe sinkt, da die Spitzenleute vermutlich nicht dabei sein werden.“

Carl Magnus Seeliger, Henrik Fischer, Christoph Hansen und Tobias Alt von der StG Regio Aachen starteten über 4 x 100 Meter bei der DM 2018 in Nürnberg. Foto: Wolfgang Birkenstock

Michael Alt, Trainerin bei der DJK Rasensport Aachen-Brand, berichtet von einer großen Enttäuschung ihrer Männer-Sprintstaffel. „Die haben die Quali für Berlin.“ Und ergänzt: „Es ist eine falsche Entwicklung, wenn man dem Mittelbau die Chance nimmt, bei einer großen DM auch mal in einem tollen Stadion zu laufen.“ Raspo-Sprinter Christoph Hansen sagt: „Diese DM ist für jeden semiprofessionellen Sportler das große Ziel“, sagt er.

Stützpunkt-Leiter Harald Eifert sieht das völlig anders – steht mit dieser Meinung in der Region aber ziemlich alleine da. „Die Jugendlichen treffen auch bei einer zentralen Staffel-DM auf ihre Vorbilder“, ist er überzeugt. 2018 seien 262 Langstaffeln bei Deutschen Meisterschaften an den Start gegangen, rechnet er vor. Auch wenn Staffeln wegfielen, da keine Doppelstarts in unterschiedlichen Altersklassen mehr möglich seien, blieben vielleicht 200 Teams. Männer und Frauen hätten für die Langstaffeln auch bisher schon einen extra Termin bei der Jugend-DM gehabt, argumentiert er weiter. Und dort fänden deren Wettkämpfe weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die 4 x 100 Meter auszulagern, hält er allerdings für „Quatsch“.

In zwei Punkten herrscht immerhin weitgehend Einigkeit. Zum einen, was die Ablehnung eines Termins Mitte Mai in Konkurrenz zu regionalen Meisterschaften angeht. Zum anderen beim Verfahren. „Die kommen mit einer Neuerung raus, binden keinen ein und wissen nicht, wo sie hin wollen“, so Harald Eifert. „Der DLV hätte bei den Vereinen mal nachfragen sollen“, kritisiert Christiane Wolff.

Ein Treffen der Vereine, die in den vergangenen Jahren Staffeln bei Deutschen Meisterschaften am Start hatten, Anfang des Monats in Leverkusen bestätigt dieses Stimmungsbild. Dr. Norbert Stein (LT DSHS Köln): „Eine überwiegende Zahl hat sich gegen eine Staffel-DM ausgesprochen.“ Diese Stellungnahme der Vereine will Peter Wastl als Diskussionsgrundlage mit zum DLV-Verbandsrat in Leipzig nehmen. Denn nach dem Gegenwind steht das Thema wieder auf der Tagesordnung. Im November hatte dieses Gremium der Einführung einer Staffel-DM mit eindeutiger Mehrheit ohne Gegenstimmen zugestimmt. Wastl: „Ich habe auch dafür gestimmt. Ich glaube, dass wir einen Fehler gemacht haben.“ Er selbst könne sich eine Staffel-DM durchaus vorstellen, kritisiert aber ebenfalls das Verfahren. Den Wunsch vieler Staffelläufer nach einem Start im Berlin Olympiastadion kann er jedenfalls nachvollziehen.

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