Interview mit dem neuen FVM-Präsidenten: Bernd Neuendorf: „Der Fußball hat eine unglaubliche Power“

Interview mit dem neuen FVM-Präsidenten : Bernd Neuendorf: „Der Fußball hat eine unglaubliche Power“

Bernd Neuendorf ist seit Ende Juni neuer Präsident des FVM. Der 58-Jährige aus dem Kreis Düren setzt auf die Frauen und will die Vereine unterstützen.

Für den gebürtigen Dürener Bernd Neuendorf ist die neue Aufgabe eine große „Herausforderung“. Der 58-Jährige ist seit Ende Juni neuer Präsident des Fußball-Verbandes Mittelrhein (FVM) und somit Nachfolger von Alfred Vianden, der zwölf Jahre an der Spitze des siebtgrößten Landesverbandes stand. Neuendorf will die Arbeit seines Vorgängers fortsetzen und neue Impulse setzen, wie er im Redaktionsgespräch betont, das Lars Brepols aufzeichnete.

Herr Neuendorf, Sie sind seit Ende Juni FVM-Präsident. Wie fühlt sich das an?

Neuendorf: Es ist schon ein sehr besonderes Gefühl, nun in offizieller Funktion tätig zu sein. Mein Vorteil ist, dass ich seit meiner Nominierung Ende 2018 als Gast an verschiedenen Tagungen und Sitzungen teilnehmen durfte. Zudem kannte ich den FVM ja auch schon aus meiner Zeit im Sportministerium. Ich lege also keinen Kaltstart hin. Alfred Vianden war ein ganz besonderer Präsident, der den Verband sehr lange und sehr gut geführt hat. Er hat den Verband zusammengeführt und zusammengehalten. Es ist daher schon eine Herausforderung und große Verantwortung, so eine Aufgabe zu übernehmen. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich wusste, dass der FVM gut aufgestellt ist. Ich kann auf einer guten Basis aufbauen.

Ihr Vorgänger hat vieles auf den Weg gebracht. Was wollen Sie davon weiterführen?

Neuendorf: Der FVM ist bundesweit als innovativer Verband anerkannt, das ist auch Alfred Viandens Verdienst. Das möchte ich weiterführen. Es gibt ein paar Konstanten, die man beibehalten muss. Beispielsweise gute Kommunikation in die Kreise und Vereine hinein. Das ist für uns von zentraler Bedeutung, denn da findet der Fußball statt. Ich habe vor dem Verbandstag alle Kreise besucht und mich mit den Vorständen ausgetauscht. Das sollte ein Signal sein, dass ich den Dialog weiter suche.

Eine einstimmige Wahl spricht ja dafür, dass diese Gespräche gefruchtet haben . . .

Neuendorf: Es ist sicherlich ungewöhnlich, weil ich nicht direkt aus dem Verband komme, also eine Art Quereinsteiger bin. Die Besuche und der Austausch haben sicherlich dazu beigetragen, dass ich diese breite Zustimmung der Delegierten bekommen habe.

Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Neuendorf: Ich bin ein sehr traditionsbewusster Mensch. Mein Verein, Alemannia Aachen, steht ja auch für Tradition. Das erste Spiel habe ich im Oktober 1978 auf dem alten Tivoli verfolgt, die Gegengerade war da noch nicht überdacht. Ich hänge an diesen ganzen alten Dingen, aber natürlich schwelge ich nicht nur in Erinnerungen. Im Hinblick auf unsere Arbeit für den Fußball heißt das: Wir müssen schauen, was die Vereine und Verbände heute brauchen und wie wir ihnen so konkret wie möglich helfen können.

Und was fehlt den Klubs?

Neuendorf: Wichtig ist das Thema Sportinfrastruktur. Das betrifft die Plätze, aber auch die Umkleidesituation. Wir wollen Frauenfußball fördern, aber viele Vereine sind darauf gar nicht vorbereitet. Ich denke da an die sanitären Anlagen für Spielerinnen. Ich möchte jetzt schnellstmöglich mit den Fußballkreisen und den Kommunen ins Gespräch kommen, um herauszufinden, wo konkreter Bedarf besteht. Ich bin sehr gerne bereit, mit Oberbürgermeistern oder Landräten zu sprechen, wenn es irgendwo hakt.

Wie wichtig ist der Fußball in der heutigen Zeit?

Neuendorf: Der Fußball hat eine unglaubliche Power. Wir haben noch heute in jedem Dorf eine Kirche und einen Fußballplatz. Dieser Kraft muss man sich bewusst werden. Wir können allemal mit dem gleichen Selbstbewusstsein auftreten wie die Kultur, wenn es darum geht, bestimmte finanzielle Mittel zu erhalten.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Neuendorf: Das Thema Digitalisierung müssen wir weiter intensivieren. Da ich diese Notwendigkeit sehe, gibt es nun ein Präsidiumsmitglied, das sich schwerpunktmäßig mit der Digitalisierung beschäftigt. Beim Amateurfußballkongress zu Beginn des Jahres in Kassel haben viele Vereinsvertreter gesagt, dass sie in Bürokratie ersticken und sich eine bessere Kommunikation mit den Verbänden wünschen. Da kann die Digitalisierung helfen. Wir werden eine eigene Digitalisierungsstrategie entwickeln.

Die Ehrenamtsgewinnung ist sicherlich weiterhin ein wichtiges Thema . . .

Neuendorf: Die Frage ist: Wie gewinnen wir junge Leute? Das haben wir im Präsidium bereits vorgelebt, denn dort verzeichnen wir einen gewissen Generationswechsel. Dies wird auch in den Kreisen und Vereinen sukzessive anstehen, und da brauchen wir weiterhin qualifizierte Menschen. Die Landesregierung hat bereits eine Ehrenamtsstrategie angekündigt und der Bund will das Gemeinnützigkeitsrecht reformieren. Das sind alles Dinge, die mich beschäftigen. Über diese Schiene möchte ich das Ganze vorantreiben. Wir dürfen nicht nur immer sagen, wie wichtig das Ehrenamt ist. Die Anerkennung muss auch sichtbar werden. Dafür brauchen wir die Politik.

Es gibt hier in unserer Region einige Vereine, die kaum noch Ehrenamtler finden und daher mit einer Abmeldung des Vereins drohen. Wie können Sie da konkret helfen?

Neuendorf: Das ist natürlich ein großes Problem, und das kann man als Verband auch nicht einfach so  ändern. Gefragt ist auch die Verantwortung und Innovation innerhalb der Vereine. Wir als Verband schauen, wie wir den Rahmen verändert können. Generell kann ich allen nur empfehlen, mehr auf junge Menschen und auch auf Frauen zu setzen. Die Vorstände in den Vereinen werden derzeit noch von Männern dominiert. Das gilt für die Ehrenamtlichen, aber auch für die Spieler. Wir können uns nicht erlauben, die Hälfte der Bevölkerung, nämlich den weiblichen Teil, zu negieren. Daher sollten wir schauen, wie wir mehr Frauen aktivieren können. Das kann der FVM anstoßen, aber dafür braucht es vor allem einen überregionalen Impuls und die entsprechenden Mittel.

Wie wollen Sie das angehen?

Neuendorf: Es handelt sich um ein Thema des Fußballs in Deutschland insgesamt. Daher würde ich es gerne gemeinsam mit dem Westdeutschen Fußballverband und dem DFB platzieren und überlegen, wie wir da einen Schritt vorankommen.

Immer wichtiger wird auch das Thema E-Sports für die Vereine. Sind Sie ein Befürworter dieses elektronischen Sports?

Neuendorf: Ich möchte in diesem Zusammenhang nicht von E-Sports, sondern von E-Football sprechen. E-Sports sind ja auch die sogenannten Ballerspiele. Diesen stehe ich sehr kritisch gegenüber. Bei E-Football sehe ich das anders. Für Ende August haben wir junge Leute eingeladen, um Erkenntnisse und Meinungen zu sammeln. Die Frage ist: Was kann der Verband tun, um diese Leute und die Vereine zu unterstützen?

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Neuendorf: DFB-Vizepräsident Rainer Koch hat das auf dem Amateurfußballkongress gut zusammengefasst: Was früher das Skatspielen nach dem Training oder Spiel war, ist heute E-Football. Ich sehe das sehr ähnlich. Ich bin sehr offen dafür, denn es ist eine weitere Chance, neue Leute in die Vereine zu ziehen und die schon aktiven Jugendlichen an den Verein zu binden. Die Konkurrenz ist mittlerweile groß. Wir müssen überlegen, wie wir mit der Zeit gehen können. Und wir sollten schauen, dass sich E-Football nicht verselbstständigt, sondern in den organisierten Sport eingebunden wird. Ich möchte signalisieren, dass ich ein Präsident bin, der das Ganze sehr ernst nimmt und den E-Footballern zuhört.

Der Jugendfußball steht vor gravierenden Veränderungen. Wie bewerten Sie das neue Konzept (kleinere Teams, vorgegebene Wechsel), das vor kurzem in Verlautenheide vorgestellt wurde?

Neuendorf: Ich finde es großartig. Solche Modelle tragen dazu bei, dass die Kinder sich nicht vom Fußball abwenden, da sie durch die Spielformen mehr Zeit auf dem Platz verbringen, bei vielen Aktionen Erfolgserlebnisse sammeln und so dauerhaft Spaß am Fußballspiel entwickeln.

Ziehen Sie so nicht eine Generation von Fußballern heran, die nicht wissen, was Sieg oder Niederlage bedeutet?

Neuendorf: Das sehe ich nicht so. Es geht um Kinderfußball, da sollte die spielerische und kindgerechte Heranführung an das Fußballspiel im Vordergrund stehen. Es gibt weiterhin Tore, und die Kinder wollen und sollen auch Tore schießen. Wenn der Leistungsgedanke ab der D- oder C-Jugend zum Tragen kommt, dann ist das auch noch früh genug.

Sie machen keinen Hehl aus Ihrer großen Sympathie für Alemannia Aachen. Kennt Ihre Liebe keine Liga?

Neuendorf: Nein, denn ich gehe seit 40 Jahren zum Tivoli. Lange Zeit bin ich auch zu allen Auswärtsspielen gereist. Wenn man das DFB-Pokalfinale, den Uefa-Cup und die Bundesliga miterlebt hat, dann schmerzt die Regionalliga natürlich. Der Abstieg aus der Bundesliga war damals total unnötig, und als Fan habe ich natürlich sehr gelitten. Was danach gekommen ist, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nicht, wie es zu den Insolvenzen und weiteren Abstiegen kommen konnte. Als FVM-Präsident wünscht man sich natürlich möglichst viele Mannschaften, die höherklassig spielen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation bei der Alemannia?

Neuendorf: Die stimmt mich optimistisch. Trainer Fuat Kilic macht das wirklich gut. Ich bewundere, dass er quasi zweimal bei Null angefangen und dennoch konkurrenzfähige Mannschaften zusammengestellt hat. Jetzt hat er die Mannschaft weitestgehend zusammengehalten. Ich hoffe natürlich, dass sie eine gute Rolle spielen, aber die Regionalliga ist mit zwei Absteigern aus der 3. Liga und Rot-Weiss Essen, die stark aufrüsten, sehr gut besetzt in dieser Saison.

Beim FVM-Pokalfinale in Bonn waren Sie auch vor Ort. Die Szenen nach dem Schlusspfiff haben für ein unschönes Ende gesorgt . . .

Neuendorf: Das stimmt. Ich war auf der Tribüne. Viele Leute, die den Platz gestürmt haben, sind nachher ja auch zurückgegangen. Die meisten wollten nur feiern, davon bin ich überzeugt. Aber es waren auch Menschen dabei, die sehr aggressiv und brutal waren, die provoziert haben. Da muss man schon unterscheiden. Diese Krawallmacher schaden dem Image des Fußballs und der Alemannia. Es ist traurig, dass einige wenige für solche unschönen Bilder und Artikel sorgen. Das beschäftigt uns und wird sicher Konsequenzen haben. Da bin ich strikt, auch wenn ich – wie mein Vorvorvorgänger Egidius Braun – aus meiner Vorliebe für den Verein keinen Hehl mache. Die Vorfälle nach dem FVM-Pokalfinale kann man nicht beschönigen oder verteidigen.

Auch der DFB sucht einen neuen Präsidenten. Haben Sie neue Erkenntnisse, wie weit die Suche fortgeschritten ist?

Neuendorf: Momentan läuft ein spezielles Auswahl-Verfahren. Eine Agentur wurde damit beauftragt, ein konkretes Profil zu erstellen. Das halte ich für sinnvoll. Danach wird man sich in den Spitzengremien darauf verständigen müssen, wer zu diesem Profil passt. Es wird ja auch strukturelle Veränderungen geben. Möglicherweise wird die Rolle des Mannes oder der Frau an der Spitze des DFB eine andere sein als bislang. Mein Eindruck ist: Jeder ist sich der Verantwortung bewusst, dass der Verband jetzt Ruhe und eine gute Führung braucht. Ich bin optimistisch, dass die Verantwortlichen das hinbekommen.

Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann selbst den DFB zu führen?

Neuendorf: Ich habe große Lust auf meine neue Aufgabe beim FVM. Eine Menge Unterlagen liegt schon auf meinen Schreibtisch. Da gibt es also genug zu tun, in das ich mich einarbeiten und das ich gestalten möchte. Ich möchte hier am Mittelrhein etwas bewegen.

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