Leichtathletik: Ans Aufhören denkt Marion Braun noch lange nicht

Leichtathletik : Ans Aufhören denkt Marion Braun noch lange nicht

Eigentlich hatte sie sich geschworen, dass sie das nie wieder machen würde. 2016 hatte Marion Braun den Mont-Blanc-Ultratrail in 38:08 Stunden gefinisht.

Zu bewältigen sind dabei 171 Kilometer und 10.061 Höhenmeter – an einem Stück. Marion Braun ist eine Frau, die zu ihrem Wort steht, in diesem Fall wurde sie sich selbst gegenüber wortbrüchig: Schon ein Jahr später bewarb sie sich wieder, erhielt in diesem Jahr einen der begehrten Startplätze und finishte als Gewinnerin ihrer Altersklasse nach 40:58,26 Stunden – mit 62 Jahren!

Muss man dafür schon ein bisschen verrückt sein? Marion Braun nimmt die Frage nicht übel, sondern sagt: „Ich bin verrückt, aber normal ist ja langweilig.“ Um dabei zu sein, muss man Punkte bei verschiedenen Rennen sammeln, die 63-Jährige finishte unter anderem zwei Mal auf Madeira, hatte aber 2017 und 2018 kein Losglück, um unter gut 8000 Bewerbern einen der 2550 Plätze zu ergattern. „Wer weiß, wofür es gut war. In beiden Jahren musste der Lauf wegen schlechten Wetters verkürzt werden. Im dritten Jahr bekommt man dann einen Platz, wenn man die Punkte vorweisen kann“, erläutert die Läuferin von Germania Eicherscheid.

So ging es mit Ehemann Wolfgang Braun, der vor sechs Jahren ebenfalls schon den MBT gefinisht hatte, diesmal aber nur Betreuer war, nach Chamonix. In maximal 46,5 Stunden müssen die Läufer bei einem der anspruchsvollsten Ultratrail-Läufe der Welt das Mont-Blanc-Massiv umrunden. Der Startschuss fiel um 18 Uhr. Zwei Nächte lang schlief sie nicht, lief bis auf die Verpflegungspausen durch. „In der Nacht saßen andere Teilnehmer am Wegesrand und schliefen, und an den Verpflegungsstationen gab es Betten. Ich weiß aber nicht, wie mein Körper reagiert, wenn ich runterfahre, deshalb habe ich lieber nicht geschlafen.“

Mit Stirnlampen ging es also die ganze Nacht durchs Gebirge. Rauf war für Braun kein Problem. „Da ist sie ungeheuer schnell“, weiß ihr Ehemann, der den aktuellen Standort seine Frau immer im Internet verfolgen konnte. „Bergab habe ich dagegen Probleme, ich bin älter geworden, und mein Sicherheitsdenken ist größer geworden. Andere Starter springen dagegen wie Bergziegen bergab. Ich wollte unbedingt heil ins Ziel kommen, die Zeit war mir egal“, ergänzt seine Frau.

Die letzten Kilometer bergab waren die härtesten. „Da konnte ich fast nicht mehr. Als ich wieder Asphalt unter den Füßen hatte, wusste ich, dass ich es schaffen würde.“ Das Ziel war in Chamonix. „Vor drei Jahren bin ich kurz nach 8 Uhr morgens eingelaufen, da waren kaum Leute auf der Straße“, erinnert sich die 63-Jährige, „als ich diesmal einlief, sagte ein Streckenposten ,enjoy‘ zu mir.“ Und sie genoss die letzten Meter durch die Fußgängerzone, die gesäumt von Zuschauern waren, die die Läufer anfeuerten. „Ein unglaubliches Gefühl“, sagt Braun, die sich im Ziel ihrer Tränen nicht schämte. Als älteste Teilnehmerin im Ziel wurde sie 52. von 144 Frauen (257 am Start) und belegte Gesamtplatz 751 von 1556 Läufern im Ziel (2543 Starter). Der schnellste Mann benötigte übrigens 22:20 Stunden, die schnellste Frau gut 26 Stunden.

Zur Vorbereitung war Marion Braun in Mörfelden gestartet. Dort stand ein Sechsstundenlauf auf dem Programm: 67,2 Kilometer lief die 62-Jährige in dieser Zeit – das ist Weltrekord in ihrer Altersklasse. „Das war mir gar nicht bewusst. Als ich Wolfgang überrundete, deutete der was an. Die letzte Runde war dann die schwerste für mich“, gesteht Braun, die danach sogar das Titelbild der Zeitung des Deutschen Marathon-Vereins zierte.

MTB, Madeira, all das hat die Ausdauerläuferin jetzt abgehakt. „Ich bin realistisch, ich – wir beide – werden ja auch älter. Und es gibt noch so viele Läufe, die wir noch in Angriff nehmen wollen“, sagt Marion Braun – ans Aufhören gibt es keinen Gedanken.