Aachener wird deutscher Meister im Ultratrail

Nach 78 langen Kilometern : Aachener wird deutscher Meister im Ultratrail

Vier Kilometer vor dem Ziel geht gar nichts mehr. Doch der Aachener André Collet bündelt die letzten Kraftreserven und wird Deutscher Meister im Ultratrail.

Und dann kam Kilometer 74: André Collet lag in Front, noch vier Kilometer bis zum Ziel – und auf einmal ging nichts mehr. Der Aachener schwankte, hatte keine Kraft mehr. „An diesem Punkt dachte ich, dass ich es nicht mehr bis ins Ziel schaffe und stand kurz vor dem Aufgeben“, berichtet der 47-Jährige. Doch – man darf das so sagen – André Collet wäre nicht André Collet, wenn er so kurz vor dem Ziel aufgegeben hätte. Er bündelte seine Kräfte noch mal, packte auch die letzten vier Kilometer und wurde Deutscher Meister im Ultratrail.

„Es war knapp“, sagt Collet und meint damit den Abstand zum ersten Verfolger, der acht Minuten später die Ziellinie überquerte. Acht Minuten sind ein satter Vorsprung – auch nach 78 harten Kilometern über Stock und Stein und 3000 Höhenmetern über den Keufelsberg im hessischen Reichweiler. Bei Kilometer 74 war noch einmal ein steiler, steiniger Anstieg zu ­bewältigen, „eine schwierige Passage. Ich ­hatte kaum Kraft, hochzukommen, habe gedacht: Bloß nicht abstürzen.“

Unten, am Ende dieser Passage, durch die sich Collet mit letzter Kraft gekämpft hatte, standen Lebensgefährtin Beate, Freund und Mitstreiter Michael Sommer (Schwaikheim), der den Marathontrail in 4:12:02 Stunden gewann, und einige Leute des Veranstalters, die Collet anfeuerten. „Sie durften mir an dem Punkt keine Verpflegung mehr geben, konnten mich nur anfeuern. Vor allem Michael hat mich vollgequatscht, das hat mich eher gestört“, erzählt der Ultraläufer, Altersklassen-Weltmeister im Ultramarathon über 100 Kilometer, lachend, denn – wie auch immer – es half ihm. „Als ich auf ebener Strecke lief, ging es wieder. Aber es war eine knappe Geschichte. Fünf Kilometer mehr, und ich hätte es nicht gepackt.“

Obwohl die DM erst sein zweiter Ultratrail war – erstmals war Collet im Winter 2018 im belgischen Houffalize gestartet und Zweiter geworden – galt er als einer der Favoriten aufgrund seiner Ultralauferfahrung. Anders als bei der Premiere, die Collet etwas blauäugig angegangen war, hatte er sich diesmal speziell vorbereitet. „Die Strecke war der Eifel nicht unähnlich, es ging viel rauf und runter. Vor allem runter war gefährlich. Da musste man die Konzentration hochhalten“, sagt Collet mit Blick auf die Splitter in seiner Hand und seine blauen Zehen. Und bei einem von mehreren Stürzen hatte er sich neben Kratzern auch noch eine Rippenprellung zugezogen. Die Stürze plus mehrfaches Verlaufen führten zu einer Siegerzeit von 7:16:29 Stunden – sieben Stunden plus minus zehn Minuten hatte er angepeilt.

Vier Mal verlaufen

Vom Start weg lief er mit Max Kirschbaum (Ohmbachsee; 7:24:22) und Martin Ahlburg (Berlin; 7:26:09), die wie er zu den Favoriten zählten. „Als Max nach kurzer Zeit sagte, dass wir schnell unterwegs wären, wusste ich: Das kann was werden. Ich fand es bis dahin eher langsam“, berichtet Collet augenzwinkernd. An einer Verpflegungsstation nutzte er seine Chance und lief davon – kurz darauf allerdings einen falschen Weg. „Insgesamt habe ich mich vier Mal verlaufen. Als ich wieder auf dem richtigen Weg war, war Max vor mir und als ich ihn einholte, hat er sich beschwert, dass ich weggelaufen bin. Ich habe ihm da was von Verlaufen erzählt“, sagt Collet. Doch ab Kilometer 35 lief er endgültig der Konkurrenz davon. Zwischenzeitlich betrug sein Vorsprung gut zehn Minuten, acht rettete er ins Ziel. Das war der Titel für den 47-Jährigen unter 150 Startern, darunter zahlreiche Ultra- und Marathonläufer.

Zwei Tage später – Füße und Rippen schmerzen zwar noch – ist der 47-Jährige aber gleich wieder unternehmenslustig. Und will sich seinen nächsten Läufertraum erfüllen: den Transalpine Run Ende August – acht Tage, 248 Kilometer, 16.000 Höhenmeter. Der Transalpine gilt als der härteste und zugleich spektakulärste Trailrun in der Welt. „Das gehe ich gemeinsam mit Michael an, denn es wird in Zweier-Gruppen gelaufen“, hat sich Collet schon auf Sponsorensuche gemacht. „Vorher müssen wir mindestens zwei Mal in den Alpen trainieren, denn die Berge dort sind etwas ganz anderes als in der Eifel.“ Und auch nicht ganz ungefährlich. Das ohnehin straffe Training will er noch einmal verschärfen, um sich bestens vorzubereiten. Vor dem Transalpin Run will Collet noch beim Monschau-Marathon antreten, mal eben so „aus dem Training heraus…“.