Leverkusen: Paralympics-Sieger Popow: Als Mensch Leistung bringen

Leverkusen: Paralympics-Sieger Popow: Als Mensch Leistung bringen

Dass das Rennen zu Ende ist, bemerkt Heinrich Popow erst einige Sekunden später. So angespannt sind seine Gesichtszüge, so verkniffen seine Augen. Es ist, als wäre er in seinem eigenen Film. Als er die Augen wieder öffnet und sich im Londoner Olympia Stadion umblickt, bleibt sein Blick an der Videoleinwand hängen. Dort läuft gerade die Wiederholung des Rennens. Erst da wird Popow klar, wie knapp es gewesen ist.

Nur Sekundenbruchteile war Popow vor dem Australier Scott Reardon ins Ziel gekommen. Aber letztlich hat Popow das bekommen, was er wollte: die Goldmedaille.

In der Leichtathletikhalle von Bayer Leverkusen verbringt Heinrich Popow täglich mehrere Stunden. Bis 2016 sollen es noch mehr werden: Popow will Profi werden. Foto: Isabelle Hennes

Heute, über drei Monate später, ist Popow gerade aus Rio de Janeiro nach Leverkusen zurückgekehrt. In Brasilien hatte Popows Prothesenhersteller Ottobock eine Ausstellung zum Thema „Passion meets Paralympics“ veranstaltet. Popow nutzte die Gelegenheit, um sich ein Bild von dem Land zu machen, in dem er 2016 seine nächste Goldmedaille gewinnen will. Er schaute sich die Landschaft an, lief bei 22 Grad an der Copacabana entlang.

Bei den Paralympics 2012 holte Popow schließlich Gold über 100 m. Foto: dpa

Er ist begeistert und will in jedem Fall vor den Paralympics 2016 noch einmal zurückkehren. Fasziniert haben ihn vor allem die Menschen. „Wenn sie mein Bein gesehen haben, haben sie nicht weggeguckt, sondern sind direkt auf mich zugekommen, haben gefragt, wie das passiert ist“, sagt Popow.

Persönlichkeiten

In Deutschland passiert das nicht so oft. Zwar bemerken die Leute auch hier, dass er anders ist als andere. Aber die Berührungsängste sind viel größer. Keiner spricht ihn an, stattdessen schaut man betroffen weg. Warum das so ist, kann er nicht so recht erklären. Dabei fühlt Popow sich wohl, wenn fremde Menschen auf ihn zukommen und er seine Geschichte erzählen kann.

Er ist überzeugt davon, dass Sport sich nur über Persönlichkeiten verkaufen lässt. Das sei beim Fußball genauso wie beim Behindertensport. Und Popow kann sich verkaufen. Das liegt vielleicht auch daran, weil er gelernt hat, mit seinen unterschiedlichen Beinen umzugehen. Mehr noch: Popow ist glücklich mit seinem Körper. Der 29-Jährige lebt seit seinem neunten Lebensjahr mit einer Prothese. Ärzte amputierten sein linkes Bein bis zum Oberschenkel wegen eines Krebstumors.

Diese Entscheidung mussten damals seine Eltern für ihn treffen. „Es standen zehn Ärzte um uns herum, fünf davon waren für die Amputation, fünf dagegen“, erinnert sich Popow. Die Mediziner wollten mit Sicherheit das Beste. Aber sie konnten die einfachen Fragen eines Jungen — kann ich mit dem neuen Bein Fußballprofi werden? Was ist mit Fahrradfahren? — nicht beantworten. „Die hatten ja auch zwei gesunde Beine“, sagt Popow heute lächelnd. Er fragt sich nicht, was wäre wenn.

Auf sein gesundes Bein würde er aus heutiger Sicht sogar verzichten, denn wer weiß, ob er es damit so weit gebracht hätte. Einer der Ärzte stellte damals den Kontakt zum Paralympioniken und Prothesenträger Arno Becker her. Er setzte sich an Popows Krankenbett und erzählte ihm, dass nicht alles schlecht ist, nur weil man eine Prothese trägt. Dass das Leben trotzdem lebenswert sein kann.

Popows Eltern setzten Hoffnung ins das, was Becker ihrem Sohn erzählte, und gemeinsam entschieden sie sich für die Amputation. Seine Mutter ist seitdem immer etwas mehr in Sorge um Heinrich als um ihre anderen beiden Kinder. Popows Vater ist mit Heinrich in der Pubertät härter als mit seinen Geschwistern umgegangen. „Damals habe ich das nicht verstanden, heute weiß ich, warum er es gemacht hat“, sagt Popow. Sein Vater, der in London zum ersten Mal nicht im Stadion dabei war, hat sich die Paralympics zu Hause im Westerwald angeschaut. Der Rest seiner Familie war im Stadion live dabei.

Entscheidung fürs Laufen

2000 begann Popow seine Leichtathletik-Karriere bei Bayer; Fußballprofi wollte er jetzt nicht mehr werden. Fürs Laufen hat er sich entschieden, weil er nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen wollte. Er möchte nicht auf seine Behinderung reduziert werden.

Als er in London nach dem Sieg über 100 m in die Kameras schaute, musste er viele Fragen zu seiner Behinderung beantworten. Dabei hatte er doch gerade eine Goldmedaille gewonnen. „Wenn dann keiner etwas zum Lauf wissen will, ist das nicht so schön“, sagt er. Trotzdem: So etwas Großes wie in London hat er noch nie erlebt. „Es waren so viele verrückte Leute, die uns angefeuert haben, uns unterstützt haben“, sagt Popow lächelnd.

Es gab aber auch Athleten, für die London ein bis zwei Nummern zu groß war. Sie konnten nicht umgehen mit dem, was das olympische Komitee aus den 14\. Paralympics gemacht hatte. Popow hingegen ist schon in Peking und Athen dabei gewesen. Für ihn war London so, wie er es sich vorgestellt hatte. „Die Menschen im Olympia-Stadion waren einfach geil darauf, Leistung zu sehen.“ Das ist es, was Popow so wichtig ist: als Mensch seine Leistung zu bringen.

Von dem Vorwurf seines Mitstreiters Wojtek Czyz, technisches Doping zu betreiben, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Das ganze Spektakel, die Stimmung, die Atmosphäre — alles hat Popow regelrecht aufgesogen. Für jede einzelne Banane ist er in die Essenshalle gegangen, um anderen Athleten zu begegnen. In seinem Zimmer mit einem Bett, einem Schrank und einem Nachttisch war er nur zum Schlafen.

Verarbeitet hat er dieses große Ereignis und seinen Erfolg noch nicht. Nach den Spielen folgte Interview auf Interview und er bekam das Silberne Lorbeerblatt vom Bundespräsidenten Joachim Gauck. Wenn er jetzt durch die Fußgängerzone in Leverkusen geht, wird er immer öfter angesprochen und um ein Autogramm gebeten.

Schritt für Schritt muss er sich in den Alltag zurückarbeiten. Vormittags arbeitet er bei Bayer als IT-Fachmann, nachmittags steht er in der Leichtathletikhalle in Leverkusen an den Geräten oder dreht seine Runden. Sport ist für Popow die Antwort auf alles. Mindestens drei Stunden Training täglich sind für ihn normal. Und er möchte noch einen Schritt weitergehen.

Ein Profi werden

Bis 2016 will er Profi-Leichtathlet werden. Das heißt er muss noch mehr Zeit haben, um sich dem Sport widmen zu können. Vom Plan des Deutschen Leichathletikverbands (DLV), Athleten mit einer Prothese oder anderen technischen Hilfsmittel getrennt von denen ohne Handicap starten zu lassen, hält Popow wenig. „Meine Leistungen würden stagnieren, weil ich das Duell auf Kreisebene suchen müsste“, sagt er. „Sollte der DLV das wirklich umsetzen, wäre das weit entfernt von der Lebenswirklichkeit und dem Sport.“

Auf die Goldmedaille passen die Eltern zu Hause im Westerwald auf. Dort hängen auch die Silber- und Bronzemedaillen aus Peking und Athen. „Wenn ich die Goldene zu oft sehe, denke ich, ich habe alles erreicht.“ Eigentlich hat er das ja auch.

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