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Fußball in finsterster Zeit: Neues vom FC Bayern unter dem Hakenkreuz

Fußball in finsterster Zeit : Neues vom FC Bayern unter dem Hakenkreuz

Der Forscher und Autor Gregor Hofmann spricht im Interview mit Maik Rosner über sein Buch, den FC Bayern vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus, warum das langjährige Bild des Vereins korrigiert werden muss und über Parallelen zu anderen Klubs wie Schalke 04, Eintracht Frankfurt oder dem 1. FC Nürnberg.

Herr Hofmann, bevor es um die Forschungsergebnisse und Inhalte Ihres Buches gehen soll: Wie ist die Idee dafür entstanden?

Gregor Hofmann: Tatsächlich auf Initiative des FC Bayern. Der Verein ist 2017 auf das Institut für Zeitgeschichte in München zugegangen und hat für drei Jahre die Finanzierung eines Forschungsprojekts übernommen. Das Institut hat das Projekt dann als Doktorandenstelle ausgeschrieben. Auf diese habe ich mich beworben und bin genommen worden.

Also kann man sagen, der FC Bayern hat Ihre Doktorarbeit finanziert, aus der das Buch entstanden ist.

Hofmann: Genau. Es ist üblich bei solchen Projekten, dass die Forschungsergebnisse publiziert werden.

Was waren die Motive des FC Bayern, das Forschungsprojekt zu finanzieren?

Hofmann: Da kann ich nicht für den FC Bayern sprechen. Aber bisher lag noch keine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des FC Bayern in der NS-Zeit vor, es gab kontroverse Einschätzungen.

 Gregor Hofmann.
Gregor Hofmann. Foto: Maik Rosner

Welches Budget stand Ihnen in den drei Jahren zur Verfügung?

Hofmann: Ich war beim Institut für Zeitgeschichte angestellt und hatte dort sehr gute Forschungsbedingungen. Ich konnte in rund 60 Archiven und Bibliotheken recherchieren. Zum Beispiel war ich allein für Recherchen zu Bayern Münchens sogenanntem Vereinsführer Josef Kellner, der der Vereinspräsident von 1938 bis 1943 und ein einflussreicher Nazi war, für eine Woche in Tschechien. Ich hatte die Möglichkeit, so tief zu graben wie bisher niemand zuvor.

Wie unabhängig kann ein Wissenschaftler denn forschen und Ergebnisse präsentieren, wenn es um delikate Belange des Auftraggebers geht?

Hofmann: Es ist tatsächlich eine durchaus übliche Struktur wissenschaftlichen Arbeitens. Und diese ist vielleicht sogar unumgänglich, wenn man wie der FC Bayern wissen möchte: Was ist bei uns zwischen 1933 und 1945 passiert? Dann ist es meiner Meinung nach legitim, zu einer wissenschaftlichen Institution vor Ort zu gehen, die das unabhängig erfassen kann.

Kann die Institution unabhängig sein, wenn sie vom FC Bayern bezahlt wird?

Hofmann: Ich hatte nie das Gefühl, dass mir vom FC Bayern irgendwer reinreden oder sonst wie Einfluss nehmen oder etwas zurückhalten will, sondern dass es ein ehrliches Interesse im Verein an der eigenen Geschichte gab und gibt. Diesen Eindruck hat auch Karl-Heinz Rummenigge auf mich gemacht, der während meiner Forschung noch Vorstandsvorsitzender war. Beim FC Bayern hatten sie Lücken in ihrer Historie festgestellt, über die sie sich kein fundiertes Urteil erlauben konnten. Und das wollten sie ändern. Eine Einflussnahme wäre übrigens schon deshalb schwierig gewesen, weil die Quellen weniger beim Verein liegen, sondern hauptsächlich in öffentlichen Archiven. Diese Quellen sind überprüfbar. Das bedeutet auch, dass ich gar keine tendenziöse Arbeit hätte vorlegen können.

Was für Material haben Sie in den Archiven gefunden?

Hofmann: Ein großer Teil waren Akten, zum Beispiel aus dem Münchner Amt für Leibesübungen, aber auch sehr viele Personalakten, Entnazifizierungsakten, Schriftverkehr der NSDAP über Funktionäre des FC Bayern und Entschädigungsakten über verfolgte jüdische Mitglieder. Hinzu kamen damalige Zeitschriften und die Tagespresse, vom „kicker“ bis zum „Völkischen Beobachter“. Der FC Bayern hat aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 relativ wenige Quellen. Ich durfte im Vereinsarchiv in alle Schränke gucken. Leider gibt es so gut wie keine interne Überlieferung, also beispielsweise keine Protokolle aus Vorstandssitzungen. Besser ist die Aktenlage aus der Zeit nach 1945, die auf die NS-Zeit Bezug nimmt.

  Mitspieler der „Volksgemeinschaft“ – Der FC Bayern und der Nationalsozialismus,  Gregor Hofmann, 562 Seiten, 28 Euro.
Mitspieler der „Volksgemeinschaft“ – Der FC Bayern und der Nationalsozialismus, Gregor Hofmann, 562 Seiten, 28 Euro. Foto: Verlag/VErlag

Wie vollständig ist das entstandene Bild?

Hofmann: Ich würde das Bild schon vollständig nennen. Natürlich ist es immer so, dass man nicht alles rekonstruieren kann, weil es hier und da Lücken gibt. Ob unabsichtlich durch Kriegsverluste oder absichtlich, weil Akten vernichtet worden sind. Aber auf der gefundenen Datengrundlage kann man sich ein absolut valides und wohlbegründetes Urteil erlauben. Ich wüsste nicht, was das Puzzleteil sein sollte, das alles über den Haufen wirft.

Zu welchen zentralen Erkenntnissen sind Sie gekommen?

Hofmann: Grundlegend kann man sagen: Die Vergangenheit des FC Bayern rückt näher an die anderer Vereine heran. Der FC Bayern war anderen Vereinen ähnlicher, als bisher angenommen worden war. Mitmachen war in der NS-Zeit auch beim FC Bayern die Regel. Eine Ausnahmerolle, wonach der Verein von den Nazis benachteiligt worden ist, lässt sich nicht feststellen. Gleichwohl gibt es Spezifika, durch die sich der FC Bayern schon ein Stück weit von anderen Vereinen abhebt.

Inwiefern?

Hofmann: Zum Beispiel, dass der FC Bayern seine jüdischen Mitglieder 1935 ausgeschlossen hat. Bei vielen anderen Vereinen war das schon früher der Fall, beim 1. FC Nürnberg zum Beispiel im Mai 1933. Der FC Bayern war in dieser Hinsicht ein Nachzügler. Andererseits findet man beim FC Bayern – und das unterscheidet den Verein ebenfalls von anderen – vergleichsweise viele frühe NSDAP-Mitglieder. Das hat damit zu tun, dass in München die Wurzeln der NS-Bewegung lagen. Beim TSV 1860 gab es auch frühe Nationalsozialisten. Beim FC Bayern sind in der NS-Zeit ab 1933 sogenannte alte Kämpfer aber nicht in dem Maße in Ehren- und Funktionsämter im Verein aufgerückt wie beim TSV 1860. Dort hat die NS-Lokalprominenz Positionen übernommen, beim FC Bayern ist das nicht der Fall.

Neu ist Ihre Erkenntnis, dass der jüdische Präsident Kurt Landauer aus der Mitgliederliste des FC Bayern gestrichen worden ist.

Hofmann: Kurt Landauer ist als 1. Vorsitzender nach der Machtübernahme der Nazis im März 1933 zurückgetreten. Das ist eine Entscheidung, die er selber trifft, analog zu jüdischen Funktionären anderer Vereine. Beispielsweise wie der 2. Vorsitzende beim FC Schalke 04, Paul Eichengrün, oder der Schatzmeister bei Eintracht Frankfurt, Hugo Reiß. Sie treten oft mit der Begründung zurück, Schaden vom Verein abwenden zu wollen. Von Kurt Landauer gibt es in einem Entnazifizierungsverfahren eine Aussage, wonach er aus der Mitgliederliste gestrichen worden sei. Das verweist auf das Jahr 1935, in dem der FC Bayern seine jüdischen Mitglieder in zwei Schritten per Satzungsbeschluss ausschließt. Das traf dann auch verdiente Leute wie Kurt Landauer oder Alfred Bernstein, ein Torhüter aus den 20er Jahren, der Süddeutscher Meister geworden ist. Zumindest bis 1935 hat der FC Bayern seine jüdischen Mitglieder also nicht aus eigener Initiative aus dem Verein geworfen, wie es anderswo schon üblich war.

Sie bezeichnen es als problematisch, dass für den FC Bayern die Bezeichnung Judenklub verwendet wurde, zumal dieser Begriff wohl vor allem erst nach dem Krieg auftauchte.

Hofmann: Nach 1945 wurde es von Funktionären in den Entnazifizierungsverfahren als Narrativ zur Entlastung etabliert, dass der FC Bayern vor 1945 als Judenklub beschimpft worden sei. Es ist zwar wahrscheinlich, dass die Bayern irgendwie als jüdisch galten, weil das schon vor 1933 zu antisemitischen Vorurteilen gegen einen angeblich reichen Innenstadtverein passte. Der Begriff ist aber weder vor 1945 in den Quellen belegt noch taugt er aus heutiger Sicht, um präzise zu beschreiben, was der FC Bayern war und welche Rolle Juden beim FC Bayern gespielt haben.

Stimmt es denn, dass der Anteil jüdischer Mitglieder beim FC Bayern vergleichsweise hoch war?

Hofmann: Die Zahlen weisen darauf hin, dass bis 1933 ungefähr zehn Prozent der Mitglieder Juden waren. Dieser Anteil liegt weit über dem damaligen Bevölkerungsdurchschnitt in München und auch über der Prozentzahl in anderen Vereinen. Vergleichbar könnten Eintracht Frankfurt und der 1. FC Nürnberg sein. Außer Frage steht, dass sich Juden beim FC Bayern vor 1933 wohlgefühlt haben. Viele Sponsoren kamen aus der jüdischen Textil-Kaufmannschaft, in der ja auch die Familie Landauer ihre geschäftlichen Wurzeln hatte.

Nach dem Krieg ist nicht nur Kurt Landauer zum FC Bayern zurückgekehrt, sondern auch ehemalige NSDAP-Mitglieder, die vom Nazi-System profitiert haben. Was sagt es über den FC Bayern aus, dass Opfer und Täter wieder in den Verein gegangen sind?

Hofmann: Das sagt auch aus, dass der FC Bayern an das Bild anderer Vereine heranrückt, aber trotzdem einige Spezifika behält. Beispielsweise erneuern 13 jüdische Mitglieder nach 1945 ihre Mitgliedschaft beim FC Bayern – teilweise sogar aus dem amerikanischen Exil he­raus. Oder der spektakuläre Fall Kurt Landauer, der aus der Schweiz zurückkehrte und 1947 für vier Jahre nochmal den Vorsitz des FC Bayern übernahm. Aber es gibt eben auch die andere Seite, dass etwa ein Nationalsozialist wie Adolf Fischer, der in hohem Maße von sogenannten „Arisierungen“ (Enteignungen von Juden, Anm. d. Red.) profitiert hat, 1953 zum Präsidenten gewählt wird. Mit dieser Reintegration von Nationalsozialisten stellt der FC Bayern unter deutschen Fußballklubs keine Ausnahme dar und auch nicht in der deutschen Gesellschaft.

Wie hat der FC Bayern auf Ihre Erkenntnisse reagiert?

Hofmann: Für eine gewisse Überraschung haben die Ergebnisse schon gesorgt, nachdem es vorher ja ein überwiegend positives Bild vom FC Bayern in der NS-Zeit gab. Umso mehr finde ich den Umgang des FC Bayern mit den für ihn weniger schönen Ergebnissen sehr professionell. Diese werten die jahrelange Arbeit des Vereins, an die Opferbiografien zu erinnern, ja auch in keiner Weise ab.

Erkennen Sie, dass sich durch Ihre Forschung die Selbstdarstellung des FC Bayern verändert hat?

Hofmann: Im Museumskatalog sieht man es schon. Und die Ausstellung wird gerade überarbeitet.