Aachen: Julia Krajewskis Wechselbad der Gefühle

Aachen : Julia Krajewskis Wechselbad der Gefühle

Das Spannende an der Vielseitigkeit ist ja, dass bis zum Schluss alle Ergebnisse auf den Kopf gestellt werden können. So geschehen beim gestrigen Geländeritt, der letzten Teildisziplin der Vielseitigkeitsprüfung um den DHL-Preis.

Hatten nach der Dressur noch vier Deutsche vorne gelegen, blieb es nach dem Springen Julia Krajewski (Warendorf) vorbehalten, mit ihren beiden Pferden ganz vorne zu rangieren, Ingrid Klimke (Münster) war Vierte. Das deutsche Team, komplettiert durch Kai Rüder (Fehmarn) und Andreas Dibowski (Egestorf), lag weiter in Führung. Doch am Ende kam es für die Mannschaft ganz anders als erhofft und auch erwartet — nur Platz fünf beim Triumph der Neuseeländer. Krajewski dagegen behauptete in der Einzelwertung mit ihrem Zweitpferd Chipmunk die nach der Dressur eroberte und im Springen erfolgreich verteidigte Führung und triumphierte erstmals in Aachen.

Akrobatik im Sattel: Kai Rüder wäre fast von Colani Sunrise abgeworfen worden, konnte sich aber auf seinem Pferd halten. Foto: Thomas Rubel

Samurai du Thot verweigert dreimal

Der erste deutsche Starter Dibowski, der am Vortag im Springen Probleme am Wassergraben gehabt hatte, erreichte das Ziel ohne größere Fehler, aber mit Verzug, am Ende wurde er 31.. Die Hoffnung lag auf Krajewski, die mit Samurai du Thot in diesem Jahr Deutsche Meisterin geworden ist. Doch am SAP-Komplex, an dem sich die Hindernisse der Gespannfahrer mit denen der Vielseitigkeitsreiter kreuzen und daher ziemlich viel Holz für die Pferde in Sichtweite war, verweigerte der zwölfjährige Wallach dreimal — Ausschluss. So stand Krajewski als Streichergebnis fürs Team fest, der Druck auf Kai Rüder mit Colani Sunrise und Ingrid Klimke mit Hale Bob stieg.

Es bleibt zu analysieren, woran es lag, doch Colani Sunrise machte es Rüder auf dem Weg in die Startbox schwer, so dass dieser nicht befreit losreiten konnte und auch später noch Probleme hatte. Auch Rüder gelang es wie Dibowski, ohne „teure“ Fehler, aber mit Zeitverzug das Gelände zu absolvieren. Er wurde 28.

Klimke hatte bereits zuvor festgestellt, dass es der SAP-Komplex in sich haben würde. „Vielleicht war sie etwas schnell in der Wendung“, überlegte Bundestrainer Hans Melzer im Nachhinein, nachdem für die Münsteranerin ein Vorbeiläufer zu Buche stand. Zeitfehler kamen hinzu, Klimke rutschte im Klassement auf Platz 19 ab, so dass für das deutsche Team als Titelverteidiger am Ende nur jener fünfte Platz übrigblieb.

Nur Burton in der erlaubten Zeit

Dafür trumpfte Julia Krajewski noch einmal groß auf. Die Warendorferin hatte mit ihrem zweiten Pferd Chipmunk eine überragende Dressur gezeigt und sich im Springen keinen Fehler geleistet. Sie manövrierte den zehnjährigen Hannoveraner, für den Aachen die bislang schwerste Prüfung war, sicher durch das Gelände, nahm an der ein oder anderen Stelle einen Galoppsprung mehr in Kauf. Natürlich hatte sie mitbekommen, dass zwischenzeitlich der Australier Christopher Burton ohne Fehler und als einziger in der erlaubten Zeit den Cross-Country- Test gemeistert hatte. Dass sie über der erlaubten Zeit liegen würde, war klar — es war nur offen, ob es dennoch zum Sieg reichen würde. Es reichte! Riesenjubel im Stadion, als der 29-jährigen Deutschen eine Punktlandung gelang. 17 Sekunden hätte sie „überziehen dürfen“, nach 16 Sekunden blieb die Uhr stehen. „Das war ein sehr spezieller Tag“, fasste die Siegerin zusammen. „Eine Achterbahnfahrt der Gefühle.“ Angesichts des Happy Ends fiel Krajewskis Fazit des Tages allerdings eindeutig aus: „Das war großartig!“

(ust)