Aachen: Jürgen Klinsmann: „David Odonkor ist ein Super-Junge“

Aachen : Jürgen Klinsmann: „David Odonkor ist ein Super-Junge“

„In diesen vier Wochen hat sich das Deutschland-Bild verändert“: Der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann erinnert sich im Gespräch mit unserem Redakteur an eine WM, die eine ganze Nation berauschte. Sein Besuch beim Odonkor-Abschiedsspiel in Aachen ist fraglich.

David Odonkor spricht von einem Urknall-Erlebnis, als das 1:0 gegen die Polen fiel. War das auch aus Ihrer Sicht die Initialzündung für diese Mannschaft?

Klinsmann: Das kann man sicherlich so sagen. Schon das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica war ein guter Start. Aber die Dramaturgie bei diesem Spiel gegen Polen war etwas ganz Besonderes und hat diese Initialzündung ausgelöst.

Laut Odonkor war das auch der Zeitpunkt, ab dem man wieder gerne deutsche Flaggen zeigte und sich zu seinem Land bekannte. Haben Sie das auch so registriert?

Klinsmann: Auf jeden Fall. Es war klar, dass die Begeisterung von der Mannschaft kommen muss, um die Zuschauer mitzureißen. Wir wollten von Anfang an den Heimvorteil der WM nutzen — und dies war nur mit offensivem Spiel möglich. Dass sich die Begeisterung dann auf fast alle Menschen im Land übertrug, ist heute noch unvergesslich.

Können Sie mit dem Begriff „Sommermärchen“ überhaupt etwas anfangen, oder würden Sie es anders beschreiben?

Klinsmann: Natürlich. Das hat sich eingeprägt. Ich lebe ja seit vielen Jahren in den USA und stelle immer wieder fest: In diesen vier Wochen konnte das Deutschland-Bild stark verändert werden. Es herrschte eine tolle Atmosphäre in den Städten und in den Stadien. Das ist und bleibt für mich das Sommermärchen.

Ist damals die Mannschaft in Vorleistung gegangen, oder hat die Atmosphäre im Land sie getragen und beflügelt?

Klinsmann: Beides. Wir hatten einen Plan, dafür haben wir in den beiden Trainingslagern hart gearbeitet. Aber ohne die Atmosphäre im Land wäre die WM sicherlich nicht so positiv verlaufen. Ich würde das auch nicht trennen. Es war ein herausragendes Zusammenspiel, zu dem auch noch die Verantwortlichen bei der Organisation der WM ihren Teil beigetragen haben.

Wer ist auf die Idee gekommen, David Odonkor zu nominieren, und wann waren Sie überzeugt, dass das eine gute Idee war?

Klinsmann: Überzeugt waren wir von dieser Idee immer. Es war Jogi Löw und mir bei den Diskussionen über die Zusammenstellung des Kaders schon früh klar, dass wir in unserem Team einen schnellen Spieler brauchen, der beispielsweise nach einer Einwechslung Überraschungen und Akzente setzen kann. So einen Spieler braucht man als Heimmannschaft bei den bis zu sieben Spielen. Und da gab es keinen Besseren als David.

Wie weit ist diese Zeit für Sie weg, werden Sie zum Erinnerungsspiel von David nach Aachen kommen?

Klinsmann: Ich bin ja keiner, der immer in der Erinnerung lebt. Aber die Zeit bei der WM und die Vorbereitung auf das Turnier haben mein Leben geprägt. Zwei intensive Jahre, die anstrengend, aber auch einmalig waren. Ob ich zum Erinnerungsspiel komme, ist noch nicht entschieden, sieht aber nicht gut aus. Letztlich hängt es auch von meinen WM-Planungen ab. Ich bin für die BBC in Moskau, und die Reisepläne stehen noch nicht ganz fest.

Wie behalten Sie Odonkor in Erinnerung?

Klinsmann: David ist ein Super-Junge, der perfekt in unser Team passte. Natürlich war er ruhig und zurückhaltend — aber mit seinem Wesen und auch mit seiner Art zu trainieren und zu spielen hat er seinen Teil zum Erfolg bei dieser WM beigetragen.

(pa)
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