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Köln/Aachen: „Ich bin stolz, so weit gekommen zu sein“

Köln/Aachen : „Ich bin stolz, so weit gekommen zu sein“

Der Wecker schrillt unerbittlich. Da hilft es auch nicht, die Bettdecke noch einmal über den Kopf zu ziehen — es ist 5 Uhr morgens. Und keine Zeit, sich noch einmal kurz umzudrehen. Nicht einmal fünf Stunden hat Erik Soeterboek geschlafen, doch er muss raus aus den Federn, will er sein Tagespensum schaffen. Und das hat es für den Tänzer der Lateinformation der FG Tanzsportzentrum Aachen/TD TSC Düsseldorf Rot-Weiß in sich.

5.45 Uhr — Erik Soeterboek sitzt pünktlich im Auto und macht sich auf den Weg von Köln nach Frankfurt. Im morgendlichen Berufsverkehr kein wirkliches Vergnügen. „Wenn ich spätestens um 8 Uhr an unserem Store sein will, muss ich so früh los“, erläutert der Niederländer, der seit vier Jahren in der rheinischen Metropole lebt. Denn nur so war es ihm möglich, Tanzen, Beruf und Liebe irgendwie unter einen Hut zu bringen.

Sein Herz an den Tanzsport verlor er schon im zarten Alter von sechs Jahren, obwohl er nur zuschauen durfte. „Meine ältere Schwester hat getanzt, aber ich musste warten, bis ich zwölf Jahre alt war und dann ebenfalls durfte“, erinnert er sich lachend. Im Juni wird Soeterboek 35 Jahre alt — und liebt das Tanzen immer noch. 2006 ging der S-Klasse-Tänzer zur niederländischen Formation La Danza, 2008 kam er zur FG, und „ich werde noch mindestens ein Jahr dranhängen. Zumindest so lange ich noch so fit bin und so jung aussehe, wie Oli immer sagt“, verspricht er lachend. Oli — das ist Oliver Seefeldt, Cheftrainer der FG und kreativer Kopf.

Inzwischen ist es 8 Uhr — Soeterboek hatte Glück, diesmal ist er gut durch den Verkehr gekommen und pünktlich in Frankfurt. Zeit zum Frühstück blieb nur auf der Fahrt. Der 34-Jährige arbeitet als Visual Merchandiser bei Tom Tailor, hat 25 Stores unter seiner Führung. Stores zwischen Dortmund und Saarbrücken, Trier und Gießen. Das bedeutet eine Menge Kilometer auf der Autobahn. In den Niederlanden absolvierte Soeterboek ein dreijähriges Studium an einer Schule und wurde danach noch ein Jahr zum Präsentationstechniker geschult. „Da haben wir so coole Dinge gelernt, wie aus Plastiktüten Kleider zu basteln“, erläutert Soeterboek, dessen Aufgaben weit über die eines Schaufenstergestalters hinausgehen. „Meine Aufgaben umfassen die gesamte Präsentation der Ware, wir müssen über das Visuelle unsere Produkte verkaufen.“

In Frankfurt betreut er sechs Stores, zwei muss Soeterboek normalerweise an einem Tag besuchen, um sein Pensum zu schaffen. Es ist schon 12.15 Uhr — eilig geht es im Auto in Richtung des zweiten Stores. Mittagspause? Fehlanzeige. „Ich muss 20 Minuten fahren, da habe ich doch genug Zeit, im Auto ein Brötchen zu essen“, sagt Soeterboek grinsend. „Wenn ich am Nachmittag wieder pünktlich auf die Autobahn will, kann ich keine Zeit verschwenden. Ich arbeite grundsätzlich immer durch.“ Gegen 16.30 Uhr muss der 34-Jährige wieder im Auto sitzen — Richtung Köln, wieder im Berufsverkehr. Zwei Stunden Fahrtzeit muss er einkalkulieren — „und ich hoffe immer, dass kein Stau ist“.

Mit Glück ist er um 18.30 Uhr in Köln-Ehrenfeld. Dort steht schon seine Trainingstasche — gepackt, denn viel Zeit bleibt nicht. „Fünf Minuten nehme ich mir aber immer, um mich schnell frisch zu machen und Haarspray zu benutzen — massenweise Haarspray“, gesteht Soeterboek verschmitzt lachend eine liebenswerte Marotte ein: „Ich kann es absolut nicht abhaben, wenn meine Haare beim Tanzen wackeln.“

18.35 Uhr, die Frisur sitzt bombenfest, und gleich geht es wieder los — zum Tanzen. Im Auto gemeinsam mit FG-Kapitän Torben Bölk und Team-Kollegin Madita Danek, mit der er auch zusammen auf dem Parkett steht. So bietet wenigstens diese Fahrt ein wenig Entspannung. An diesem Abend erwartet Oliver Seefeldt seine Formation in Aachen — im abendlichen Verkehr bedeutet das erneut fast eine Stunde Fahrt von Köln aus. „Da ein Autobahnstück gesperrt ist, müssen wir um diese Zeit quer durch die Stadt Köln“, erläutert der Tänzer seufzend. Steht eine Trainingseinheit im Klubheim des TD TSC Düsseldorf an, bleibt dem Trio ein wenig mehr Luft zwischen Beruf und Hobby, die Fahrt dauert nur gut 30 Minuten.

19.30 Uhr — Oliver Seefeldt wartet bereits ungeduldig in der Sporthalle An der Schanz auf seine Tänzer. Der Coach hatte sich am Mittag in Berlin in den Zug gesetzt, um zum Training nach Aachen zu kommen. Gut zweieinhalb Stunden wird hart und hochkonzen-triert trainiert, denn die schwierige Choreographie „Persia — the new experience“ muss perfekt sitzen. Schließlich will die FG-Formation bei der Europameisterschaft am 3. Mai in der Arena Kreis Düren erneut eine Medaille holen. Als WM-Dritter sind die Aussichten der Aachener bestens. Ein Ausruhen auf den Lorbeeren ist aber nicht drin, dafür ist die Konkurrenz zu stark, zudem würde Seefeldt das auch nie zulassen.

Doch trotz seines straffen Tagespensums ist Soeterboek nicht gestresst — ganz im Gegenteil. „Beim Training habe ich immer irgendwie eine Portion Extra-Kraft, egal wie stressig der Tag auch war. Selbst wenn ich ziemlich fertig dorthin fahre, sobald ich auf dem Parkett stehe, ist das vergessen, dann bin ich mit Ehrgeiz beim Training und der Arbeitstag liegt hinter mir. Die Müdigkeit kommt dann erst auf der Rückfahrt nach Köln wieder.“

22.25 Uhr — das Training hat wieder etwas länger gedauert. „Pünktlich ist nie Schluss. Und danach wird immer noch etwas besprochen“, ist für Soeterboek das Ende des Tages jedoch so langsam in Sicht. Um 23.15 Uhr ist der Tänzer endlich zu Hause — wenigstens dauert die Rückfahrt von Aachen aus in den Abendstunden nur 45 Minuten. Kurz wird zu Hause noch ein wenig aufgeräumt, nach der Post geschaut, einfach die nötigsten Dinge erledigt. Und ein Süppchen gekocht. „Mehr kann ich um diese Uhrzeit nicht mehr essen, aber ich habe auch keinen großen Hunger abends“, sagt der Niederländer — und nun wundert man sich nicht mehr über seine durchtrainierte Traumfigur.

24 Uhr — es geht ins Bett. Kurz wird noch der Fernseher angemacht, aber „nach zehn Minuten schlafe ich immer gleich tief und fest“. Wen wundert‘s? „Das ist doch ein ganz normaler Tag“, sagt Soeterboek lachend angesichts der ungläubigen Nachfragen. „Schlimmer wird‘s noch, wenn es das Abschlusstraining vor einem Turnier war und ich mich noch braun machen muss.“ Braun machen — weil die Tänzer mit blasser Haut unter dem gleißenden Licht auf der Tanzfläche sonst nicht so gut wirken würden. An solchen Abenden muss er noch einmal unter die Dusche, dann eincremen, trocknen lassen — und „dann liege ich erst um 0.30 Uhr im Bett“.

Freie Tage gibt es während der Saison — und die dauert dank der erneuten EM-Qualifikation von Anfang Juni 2013 bis Anfang Mai 2014 — kaum. „Montags und dienstags ist normalerweise kein Training — mit Ausnahme der Zeit vor der WM. An diesen Tagen gibt es dann Privatleben“, sagt Soeterboek lachend, wobei das „Privatleben“ sich dann meist auf der Couch abspielt. „Oft lege ich auch meine Rundreisen zu den Stores dann so, dass ich am Montagmorgen losfahre, im Hotel übernachte und mittwochs zum Training zurück bin.“

Was treibt einen auch nach Jahren noch zu einem Hobby, für das man stundenlang diszipliniert trainieren muss, keinen Cent bekommt und sogar noch Geld — für Benzin und Kosmetik — ausgeben muss? „Das Tanzen bedeutet mir sehr viel. Dadurch komme ich raus aus meinem normalen Leben“, versucht Soeterboek seine Empfindungen in Worte zu fassen. „Ich bin stolz, so weit gekommen zu sein. Und dankbar, dass ich das erleben darf. Meine Familie hat mich sehr unterstützt, hat mich früher überall hingefahren und begleitet, sonst wäre ich nie so weit gekommen.“

Doch das Tanzen ist für den gut aussehenden 34-Jährigen, bei dem die Tänzerinnen der anderen Teams gerne einen Seitenblick riskieren, noch viel mehr. Soeterboek lacht: „Vielleicht wird geschaut, aber angesprochen werde ich selten. Ich bin eher verschlossen, gehe nicht aus mir raus, spreche selbst niemanden so einfach an.“

Ganz anders auf der Tanzfläche: Da geht der Tänzer aus sich heraus, zeigt Emotionen und Leidenschaft. „Vielleicht ist das meine Art mich auszudrücken. Vielleicht liebe ich das Tanzen deshalb auch so, weil ich mich da auslebe.“ Mit EM- und WM-Bronze ist Soeterboek seinen Träumen schon sehr nahe gekommen — einer bleibt aber noch: „Ich möchte zu gerne mal einen Titel gewinnen, einmal Deutscher Meister, Welt- oder Europameister werden.“ Die Chance ist da — am 3. Mai in Düren.