Erkelenz: Hürdenläufer Jonas Hanßen: „Ich bin so etwas wie der frische Wind“

Erkelenz: Hürdenläufer Jonas Hanßen: „Ich bin so etwas wie der frische Wind“

Dass Jonas Hanßen sich Deutscher Meister nennen darf, war eigentlich nicht so geplant, und das liegt nicht nur daran, dass man einen solchen Titel ja nie einplanen kann. Hanßen, 20, Leichtathlet aus Erkelenz, wollte im vergangenen Jahr gar nicht bei den Meisterschaften der Männer in Nürnberg starten, er hatte die U 23-Europameisterschaft in Estland zum Saisonziel erklärt.

Weil ihn aber Infekte immer wieder zurückwarfen, stellte Hanßen die Saisonplanung noch um, er fuhr doch nach Nürnberg. Und gewann den Titel über 400 Meter Hürden, Deutscher Meister. Er sagt: „Ich weiß nicht, auf welchem Platz ich bei der U 23-EM gelandet wäre, aber so ein Deutscher Meistertitel bei den Männern ist schon mehr wert.“ Im Interview spricht er über seine Ziele für die anstehende Saison, den Traum von Olympia und warum er sich auch beim kleinen SC Myhl weiterentwickeln kann.

Eifert, Hanssen. Foto: Schnorrenberg

Hallo Herr Hanßen, wie läuft’s?

Jonas Hanßen: Ganz gut läuft’s. Ich bin schon voll im Training.

Das ist schön.

Hanßen: Ja. Ich bin bisher auch glücklicherweise von Krankheiten verschont geblieben, alles verläuft planmäßig. Das ist eine gute Basis, auf der ich für die kommende Saison aufbauen kann.

Einen kleinen Titel haben Sie dieses Jahr schon geholt: Nicht in Ihrer eigentlichen Disziplin, dem Hürdenlauf, aber Sie sind Nordrhein-Meister in der Halle über die 400 Meter geworden.

Hanßen: Ja, das war ein erbitterter Kampf (lacht). Mein guter Freund Christian Heimann (Siegburg, Dritter bei der DM über 400 Meter Hürden 2015, Anm. d. Red.) ist am Ende Zweiter geworden, wir haben uns da ein bisschen gekebbelt, weil keiner den anderen vorbei lassen wollte. Für den Kopf war es wichtig, dass ich gewonnen habe, die Zeit nur nebensächlich. So ein 400-Meter-Lauf bringt mich generell ein Stück weiter, weil ich die ganze Zeit Vollgas geben musste.

Dieses Rennen war Ihr einziger Wettkampf in der Halle. Warum?

Hanßen: Ich bin nicht der Typ für die Halle, mir macht das einfach nicht besonders viel Spaß. Ich laufe lieber draußen, und meine eigentliche Disziplin, die 400 Meter Hürden, gibt es in der Halle offiziell sowieso nicht.

Dafür gibt es in diesem Jahr gleich mehrere Höhepunkte unter freiem Himmel — inklusive Ihrer Paradedisziplin.

Hanßen: Das stimmt, es ist enorm viel los, und deshalb freue ich mich auch so auf die Saison. Es stehen unter anderem drei Deutsche Meisterschaften an: die der Männer, der U 23 und die Hochschulmeisterschaften. Auf diesen Wettkämpfen liegt mein Fokus.

Nicht auf der Europameisterschaft in Amsterdam Anfang Juli?

Hanßen: Ich denke, dass es erst einmal darum geht, sich bei den nationalen Wettkämpfen zu behaupten. Internationale Meisterschaften sind die Krönung, die aus guten Leistungen resultiert.

Sie gehen bei den Deutschen Meisterschaften der Männer Mitte Juni als Titelverteidiger ins Rennen. Ist das Ansporn, oder spüren Sie auch ein bisschen Druck?

Hanßen: Ein Ansporn auf jeden Fall. Bei den Männern wird es dieses Jahr aber deutlich schwieriger, ganz vorne dabei zu sein. 2015 haben einige gute Läufer verletzt oder krank gefehlt, dieses Mal wird es sich nicht zwischen drei Läufern entscheiden, dieses Mal können fünf, sechs Leute den Titel holen. Ich bin ja so etwas wie der frische Wind, der da in die Männerklasse gekommen ist, und mich mit den Etablierten zu messen, ist eine spannende Sache.

So eine Europameisterschaft aber auch, oder?

Hanßen: Ja, natürlich. Es ist auch sicherlich mein Ziel, da dieses Jahr hinzukommen. Das wird harte Arbeit, weil der Verband ja wahrscheinlich höchstens drei Athleten in meiner Disziplin mitnehmen wird, aber ich traue mir das zu. Die Deutsche Meisterschaft könnte da so etwas wie ein Ausscheidungsrennen werden.

Es wäre Ihre erste EM bei den Männern.

Hanßen: Das ist noch einmal eine ganz andere Liga als die Titelkämpfe der Junioren. Der Rahmen wird viel größer, die Konkurrenz viel stärker. Ich wäre da schon richtig, richtig glücklich, wenn ich ins Halbfinale kommen würde, ein Endlauf wäre die absolute Krönung. Aber dafür muss ich ja erst mal überhaupt dabei sein.

Im August gibt es dann das größte aller Großereignisse für die Leichtathleten — die Olympischen Spiele. Ist Rio kein Ziel für Sie?

Hanßen: Mit meinen 20 Jahren ist Olympia vielleicht noch eine Nummer zu groß. Die Spiele sind das Nonplusultra in der Leichtathletik, jeder träumt davon, auch ich. Das ist mein Lebensziel. Aber mein Trainer Harald Eifert und ich verfolgen eher die Philosophie, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Deswegen sind die Europameisterschaften erst einmal mein vorrangiges Ziel. Der Rest steht in den Sternen.

Bundestrainer Volker Beck hat im Bezug auf Ihre Olympiateilnahme gesagt, Sie wären immer für eine Überraschung gut. Ehrt Sie das?

Hanßen: Volker Beck ist ja 1980 über die 400 Meter Hürden Olympiasieger geworden, und alleine deshalb ist es schon eine Ehre, dass er so etwas über mich sagt. Ich freue mich auf jeden Fall drüber, aber ich setze mich nicht unter Druck. Und für die Norm von 49,40 Sekunden müsste ich mich ja schon noch etwas steigern.

Sie haben ja noch Zeit…

Hanßen: Eben. Wenn ich diese Saison so gut drauf sein sollte, dass Olympia drin wäre, werde ich mich sicher mit meinem Trainer zusammensetzen. Aber selbst 2020, wenn in Tokio die nächsten Olympischen Spiele stattfinden, bin ich ja erst 25 — und damit im besten Alter.

Wie funktioniert es, dass Sie sich beim kleinen SC Myhl so entwickelt haben und immer noch verbessern?

Hanßen: Der Erfolg hängt nicht davon ab, ob Wattenscheid, Dortmund oder sonst etwas auf deiner Brust steht, sondern davon, ob man ein gutes Team um sich hat — und vor allem, ob man mit einem guten Trainer arbeiten kann. Der deutsche Rekordhalter Harald Schmid, der die 400 Meter Hürden in 47,48 Sekunden gelaufen ist, war auch immer beim TV Gelnhausen. Das ist ähnlich wie Myhl — kennt auch kein Mensch (lacht).

Sie haben also keine Sehnsucht nach hochprofessionellen Bedingungen, die Ihnen ein größerer Verein womöglich bieten könnte?

Hanßen: Nein. Wir tun in Myhl sehr viel dafür, dass die Bedingungen möglichst optimal sind. Und das gelingt auch. Im Heinsberger Stadion „Im Klevchen“ packe ich wie alle anderen auch selbst mit an, wenn da etwas ansteht, zuletzt haben wir eine Tribüne gebaut. Man muss sich einfach zu helfen wissen. Auch auf Feldwegen oder an einem Hügel kann man gut trainieren — wenn man nur will. Um weiterzukommen, muss man nicht nach Düsseldorf, Köln oder zu anderen Großvereinen fahren. Es läuft ja bei mir auch so ganz gut.

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