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Kommentar zur Fifa-Entscheidung: Wenn „Liebe“ verboten wird

Kommentar zur Fifa-Entscheidung : Wenn „Liebe“ verboten wird

Der Fußballweltverband trifft die nächste bizarre Entscheidung und die Nationen knicken mutlos ein.

Muss man über Selbstverständlichkeiten reden oder schreiben? Wenn die Fußball-Kapitäne von England, den Niederlanden, Dänemark oder Deutschland eine Binde mit dem Aufdruck „One Love“ tragen wollen, sollte die Botschaft für Toleranz, Diversität und Selbstbestimmung keine Zeile wert sein. Sechs Farben, ein Herz, ein Schriftzug „eine Liebe“. Das ist ein selbstverständlicher, geradezu trivialer Hinweis auf Vielfalt, Offenheit und Toleranz. Wer will ernsthaft gegen die Liebe vorgehen?

Im Fifa-Land aber gelten andere mittelalterliche Regeln, das war schon bei der (üblichen) korrupten Vergabe des Turniers an Katar vor zwölf Jahren erkennbar. Nun ist das Turnier angepfiffen, und bereitwillig wirft sich Fifa-Präsident Gianni Infantino in den Wüstensand. Eine Binde, die sich gegen Diskriminierung ausspricht, könnte die Gastgeber des Milliarden-Spektakels provozieren. Sie wird verboten, die symbolische Forderung nach Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit muss in der Kabine bleiben. Jede Kritik an der Situation der Menschenrechte in dem Golfstaat wäre ja auch eine Kritik an dem Weltverband, der das Turnier in das Backofenland ohne jede Fußball-Tradition vergeben hat. Für solche Symbole ist jetzt keine Zeit, findet Infantino, der seit letztem Jahr mit seiner Familie in dem Wüstenstaat lebt.

Die One Love-Aktion wird mit Verweis auf die Trennung von Politik und Fußball abgelehnt von einem Präsidenten, der noch vor ein paar Tagen ziemlich politisch eine Waffenpause im Russland-Krieg vorgeschlagen hat. Und auch das lächerliche Binden-Verbot ist natürlich ein Politikum. Die Vorgabe, sich unpolitisch zu verhalten, führt zum genauen Gegenteil, nämlich zu einer politischen Bewertung.

Wer nicht pariert im Fifa-Land wird bestraft mit Gelben Karten. In einer idealen Welt würden die Verbände nicht einknicken und die Kapitäne standhaft die Hinweise am Oberarm tragen. Würde es die verlogene Fifa tatsächlich auf eine Sperre ankommen lassen? In einer durchkommerzialisierten Fußball-Welt steht dann wieder der sportliche Erfolg obenan, Verbände riskieren nicht den Ausfall von Leistungsträgern. Der Gratismut verfliegt, wenn er mit möglichen Konsequenzen verbunden ist. Das ist keine Haltung, das ist armselig und eine vertane Chance. Die Spieler und Funktionäre lassen sich von einem skrupellosen Verband mundtot machen.

Wie bizarr dieses Turnier ist, zeigt diese Debatte um ein Stück Stoff am Oberarm. Der Sport steht nicht mehr im Vordergrund, es geht darum, ein Hochglanz-Produkt zu vermarkten. Die Werte-Diskussion wird von Infantinos Bande als Arroganz der westlichen Staaten gebrandmarkt.

Es ist das nächste Fifa-Eigentor, denn nun wird sich die Debatte ausdehnen, und sie wird wenig schmeichelhaft für den Weltverband in seiner Parallelwelt verlaufen. Gut so! Die Fifa verteilt nun eigene Kapitänsbinden, die zu tragen sind. Der erste Spieltag steht unter dem Motto „Fußball verbindet die Welt“…