Kai Havertz vor dem DFB-Pokalspiel bei Alemannia Aachen im Interview

Pokalspiel bei Alemannia Aachen : Leverkusens Kai Havertz: „Ich bin noch nicht am Limit angekommen“

Bayer Leverkusens Offensivspieler Kai Havertz verzückt die Fußballfans – und spielt am Samstag mit seinem Verein in der ersten DFB-Pokalrunde bei seinem Jugendverein Alemannia Aachen. Der Alsdorfer freut sich auf sein „Heimspiel“ auf dem Tivoli – und will in näherer Zukunft zu einem europäischen Topklub wechseln

Dass das erste Pflichtspiel der Saison auswärts stattfindet, ist für die Fußballer von Bayer Leverkusen nichts Besonderes, es ist ja eigentlich immer so. Bundesligisten treten in der ersten Runde des DFB-Pokals in einem fremden Stadion an, so sieht es der Modus vor, Leverkusen tritt am morgigen Samstag bei Regionalligist Alemannia Aachen an (15.30 Uhr). Für Kai Havertz (20) ist es aber keine gewöhnliches Pokalspiel bei einem unterklassigen Gegner, für Havertz ist es so etwas wie ein Heimspiel, obwohl er für Leverkusen spielt. Bayers bester Fußballer kommt aus Alsdorf, er hat in der Jugend erst für Alemannia Mariadorf und dann für Alemannia Aachen gekickt; er hatte sogar eine Dauerkarte für den Tivoli. Mittlerweile gehört der 20-Jährige zu den gefragtesten Spielern der Welt, und wenn alles einigermaßen normal läuft, wird er der nächste deutsche Star im internationalen Fußball. Im Interview mit Lukas Weinberger spricht Havertz über das Spiel gegen die Alemannia, seinen Aufstieg – und er lässt durchblicken, dass der Schritt zu einem europäischen Topklub nicht mehr weit entfernt ist.

Herr Havertz, haben Sie schon mit Ihrem Trainer Peter Bosz verhandelt?

Kai Havertz: Verhandelt? Worüber?

Na, ob Sie in der Nacht vor dem DFB-Pokalspiel bei Alemannia
Aachen in Mariadorf bei Ihren Eltern schlafen dürfen.

Havertz: (lacht) Nein, nein. Da gibt’s keinen Verhandlungsspielraum. Wir haben am Samstag ein wichtiges Spiel gegen die Alemannia, wir müssen uns professionell vorbereiten, und deshalb werde ich mit den anderen Jungs in Aachen im Hotel übernachten – auch wenn die Anreise von Mariadorf zum Tivoli ja tatsächlich nicht besonders weit wäre und es ein spezielles Spiel für mich ist.

Weil Sie aus der Region kommen und mal selbst für die Alemannia gespielt haben.

Havertz: Ja, so ist es. Auf den alten Verein zu treffen, ist irgendwie immer besonders, auch wenn ich in Aachen ja nur als Jugendlicher gespielt habe. Ich verbinde mit der Stadt und dem Verein aber enorm viel: Das ist meine Heimat. Ich hatte eine Dauerkarte für den Tivoli, war ständig mit meinem Vater und meinem Bruder dort. Jetzt spiele ich selbst in diesem Stadion, es kommen viele Verwandte, Freunde und Bekannte. Ich freu‘ mich.

Wird das für Sie und Bayer Leverkusen ein lockerer Aufgalopp gegen einen Viertligisten?

Havertz: Auf keinen Fall, so dürfen wir das nicht angehen. Diese erste Pokalrunde mit ihren Spielen gegen unterklassige Mannschaften ist immer heikel. Ich habe es ja selbst schon erlebt, als wir 2016 in der 2. Runde gegen den damaligen Drittligisten Sportfreunde Lotte ausgeschieden sind. Gegen solche Teams darfst du als Bundesligist eigentlich nicht verlieren, es passiert aber immer mal wieder. Für die Spieler der unterklassigen Gegner sind solche Partien oft die größten in ihren Karrieren, sie lassen alles, was sie haben, auf dem Platz: Sie kämpfen, sie grätschen, sie schlagen den Ball weg, sie stellen sich hinten rein – und hoffen auf den einen Moment in der Offensive. Das kann also ganz schön knifflig werden.

Und wie löst ein Team wie Leverkusen das?

Havertz: Wir werden versuchen, Lücken zu finden und – was in solchen Spielen besonders wichtig ist – ein frühes Tor zu schießen. Je länger es 0:0 steht, desto schwieriger wird es für uns – weil die Alemannia an der Überraschung schnuppern kann.

Als ehemaliger Dauerkartenbesitzer wissen Sie ja sicherlich, dass die Aachener mal so etwas wie eine Pokalmannschaft waren.

Havertz: Klar. Ich weiß um die Tradition, und ich weiß auch, dass die Fans an diesem Tag noch ein bisschen mehr als hundert Prozent geben werden. Wenn einer meiner Mitspieler noch einen Hinweis in diese Richtung braucht, werde ich das noch mal ansprechen (lacht). Aber im Ernst: Wir haben ein gutes Team, viele tolle Spieler – diese Aufgabe müssen wir unbedingt meistern.

Haben Sie denn schon wieder Lust, Fußball zu spielen oder würden Sie lieber noch zwei, drei Wochen Urlaub machen?

Havertz: Mittlerweile juckt’s schon wieder in den Füßen. Ich habe auch den Urlaub genossen, klar, es ist schön, nach einer anstrengenden Saison auch mal nichts zu tun. Das hat gut getan, aber jetzt reicht es auch wieder. Es kann also losgehen.

Welche Ziele haben Sie sich mit Bayer gesteckt?

Havertz: Jeder hat in der vergangenen Rückrunde gesehen, dass wir in der Lage sind, Großes zu leisten. Wir sind von Rang neun noch auf den vierten Platz ge­klettert. Wir haben eine enorme Qualität, haben im Trainingslager gut gearbeitet – und Peter Boszs Philosophie von attraktivem Offensivfußball passt einfach zum Team. Ich will nicht anfangen zu träumen – aber: Ich bin fest davon überzeugt, dass in dieser Saison eine Menge möglich ist.

Obwohl mit Julian Brandt ein wichtiger Spieler zu Borussia Dortmund gewechselt ist?

Havertz: Klar, Jules Wechsel hat uns weh getan. Und er ist nicht eins zu eins zu ersetzen. Ich glaube aber, dass wir uns gut verstärkt haben, unsere Neuzugänge bringen alle große Qualität mit (Leverkusen verpflichtete unter anderem die Hoffenheimer Kerem Demirbay und Nadiem Amiri sowie Mpussa Diaby von Paris St. Germain; Anm. d. Red.). Sie werden uns Freude machen. Wir haben einen tollen Kader.

Und Sie sind ja auch noch da! Wussten Sie eigentlich schon immer, dass Sie talentierter sind als andere?

Havertz: Ehrlich gesagt nicht, nein. In der Jugend habe ich nichts davon gemerkt, dass ich besser als andere sein könnte. Klar, ich bin bei Turnieren schon mal öfter als bester Spieler oder Torschützenkönig ausgezeichnet worden, aber ich wusste ja auch von Anfang an, dass Talent allein nicht reicht. In meiner Karriere stecken auch eine Menge Arbeit und viel Verzicht. Und wahrscheinlich habe ich deshalb erst irgendwann in den ersten Trainings mit den Profis gemerkt, dass ich ganz gut mithalten kann.

In der vergangenen Saison haben Sie die Fußballwelt endgültig verzückt: Sie haben 17 Tore in der Bundesliga geschossen und Leverkusen in die Champions League geführt, haben Ihre ersten Länderspiele bestritten; dazu wurden Sie bei der Wahl zum Fußballer des Jahres in Deutschland Zweiter. Müssen Sie sich manchmal kneifen, weil das alles so schnell ging?

Havertz: Schnell ging’s tatsächlich. Ich gehe schon in meine vierte Bundesligasaison, obwohl ich erst 20 bin. Vor fünf, sechs Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können, da bin ich ehrlich. Ich glaube aber, dass es nicht sinnvoll ist, groß da­rüber nachzudenken, was in den vergangenen drei, vier Jahren passiert ist. Das lohnt sich erst nach der Karriere, dann, wenn ich mal 15 Jahre Fußball gespielt habe. Im Moment bin ich einer, der gerne in der Gegenwart lebt und in die nähere Zukunft schaut. Einer, der an sich und seinen Schwächen arbeiten will.

Sie haben Schwächen? Sieht man gar nicht.

Havertz: (lacht) Danke, danke. Ich kann aber tatsächlich noch einiges verbessern: Ich bin auf dem Platz noch nicht der große Kommunikator, ich bin noch kein sogenanntes Mentalitätstier, ich will noch mehr Verantwortung übernehmen, und mein rechter Fuß ist auch noch nicht der beste. Natürlich habe ich auch viele Stärken – aber auch an denen lässt sich noch arbeiten. Ich bin noch nicht am Limit angekommen.

Auf dem Platz können Sie schwierige Dinge ganz einfach aussehen lassen. Ist das Ihre größte Stärke?

Havertz: Ich glaube, dass ich ein ganz gutes Spielverständnis habe. Das ist etwas, was du nicht lernen kannst, entweder du hast es oder eben nicht. Laufen, sprinten, schießen, flanken, passen – all das kannst du trainieren. Im heutigen Fußball kommt es aber vor allem auf die Schnelligkeit im Kopf an: antizipieren, Räume erkennen, wissen, was der Gegner vorhat, bevor es passiert – darauf kommt es an. Vielleicht sehen Dinge bei mir leichter aus, weil ich die Lösung meistens schon im Kopf habe.

Im Fußballgeschäft ist vieles mittlerweile Kopfsache, oder?

Havertz: Ja, das sehe ich auch so. Natürlich merke ich, dass ich in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen werde, die Erwartungen an mich sind größer geworden. Die Menschen wollen sehen, dass ich meine Leistungen über Jahre abrufen kann. Und ich will beweisen, dass ich das Zeug dazu habe. Das ist die Herausforderung.

Jeder erwartet, dass Sie das nächste Gesicht des deutschen Fußballs werden.

Havertz: Ich versuche, mich in solchen Dingen relativ wenig selbst unter Druck zu setzen. Nehmen wir die Nationalmannschaft: Dort hat es nach der Weltmeisterschaft 2018 einen Umbruch gegeben, und auch ich bin einer der neuen jungen Spieler. Beurteilen lässt sich das noch nicht: Es gibt viele Talente im Nationalteam, die alle bereits Großes in ihren Karrieren geleistet haben. Und dafür, dass ich das neue Gesicht sein soll, haben andere mehr Länderspiele bestritten (lacht). Wir werden sehen, wohin die Reise geht. Nächstes Jahr findet eine Europameisterschaft statt, dafür möchte ich mich natürlich empfehlen. In Leverkusen will ich weiterhin guten Fußball spielen, erfolgreich sein. Meine ganze Konzentration liegt auf der aktuellen Saison.

In den Gerüchteküchen sind Sie vor dieser Saison für rund 100 Millionen Euro zu nahezu jedem europäischen Topverein transferiert worden. Nervt das?

Havertz: Es nervt nicht, nein. Ich sehe das vielmehr als Anerkennung. Oder als Bestätigung meiner Leistungen. Das Wichtigste ist ja, dass ich selbst weiß, wie es aussieht. Dass ich weiß, was ich will.

Das ist gut, also: Wann wollen Sie wechseln?

Havertz: Noch ist nichts entschieden. Ich werde nicht sagen, dass ich Leverkusen im kommenden Sommer verlassen will, weil es einfach nicht feststeht.

Und wohin wollen Sie wechseln?

Havertz: Es muss auf jeden Fall ein europäischer Topklub sein.

Alemannia Aachen können wir also getrost ausschließen, oder?

Havertz: (lacht) Momentan schon, ja. Aber wer weiß, was am Ende meiner Karriere sein wird…

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