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Fußball-Europameisterschaft: Italiens Finalsieg zerstört Englands Titel-Träume

Fußball-Europameisterschaft : Italiens Finalsieg zerstört Englands Titel-Träume

England wollte 55 Jahre ohne Titel beenden, Italien ein begeisterndes Turnier krönen. Die Erwartungen an das Finale dieser außergewöhnlichen Fußball-EM waren gigantisch. Die Entscheidung vor 67 173 Zuschauern im Wembley-Stadion fiel im Elfmeterschießen.

Italiens Titel-Helden stürmten auf ihren Elfmeter-Giganten Gianluigi Donnarumma, Trainer Roberto Mancini vergoss Freudentränen in den Armen von Delegations-Chef Gianluca Vialli. Nach einem Strafstoß-Drama in Wembley gegen England versetzten die Azzurri den Fußball-Tempel in Schockstarre und feierten mit ihren Fans den zweiten EM-Titel nach 1968.

„Wir haben ein frühes Tor kassiert, aber wir haben reagiert und den Sieg verdient. Wir freuen uns, ich hoffe, dass die Menschen in Italien feiern“, sagte Mancini. Während Italien in London tanzte, lachte und feierte, waren die Three Lions nach dem nächsten Elfmeter-K.o. untröstlich. „Es tut so weh, es tut so weh, es ist grausam, es ist grausam“, entfuhr es dem BBC-Reporter.

Der Noch-Dortmunder Jadon Sancho weinte nach seinem verschossenen Elfmeter in den Armen von Trainer Gareth Southgate, auf der Bühne drückte Prinz William seinen traurigen Sohn George. Nach dem nächsten Titel-Trauma müssen die Engländer 55 Jahre nach ihrem einzigen großen Erfolg bei der WM 1966 weiter auf die Erlösung warten.

Vor der spektakulären Wembley-Atmosphäre von 67 173 Zuschauern setzten sich die Italiener am Sonntag in einem intensiven und hochspannenden Endspiel mit 3:2 im Elfmeterschießen durch. Nach 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden. Die Azzurri steckten den Schock des frühen Rückstandes durch Luke Shaw (2. Minute) weg und glichen zunächst durch Leonardo Bonucci aus (67.). Im Elfmeterschießen vergaben die Engländer Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka. Italien-Torhüter Donnarumma wurde zum Spieler des Turniers gekürt.

Italien blieb damit auch im 34. Spiel in Serie ungeschlagen und belohnte sich drei Jahre nach der verpassten WM 2018 für ein starkes Turnier. Die Three Lions dagegen müssen weiter auf ihren ersten Titel seit dem WM-Erfolg 1966 warten.

Auch die frühe Führung und eine starke Leistung reichten dem Team von Trainer Gareth Southgate nicht zur Erlösung. Für den Coach war es nach der erfolglosen Heim-EM 1996 zugleich der nächste persönliche Wembley-Rückschlag: Vor 25 Jahren hatte Southgate im alten Londoner Stadion im EM-Halbfinale als Einziger seinen Elfmeter gegen Deutschland verschossen und den Titel-Traum der Engländer beendet.

Wie emotional aufgeladen die Stimmung war, demonstrierten schon die Szenen Stunden vor dem ersten Pfiff des niederländischen Schiedsrichters Björn Kuipers. Die meisten Fans feierten friedlich, aber nicht wenige benahmen sich auch daneben und versuchten, ohne Tickets in das Stadion zu gelangen. In der Innenstadt herrschte teilweise Ausnahmezustand, es kam auch zu Schlägereien und Gewalt. Die Lage im Stadion schien aber weitgehend unter Kontrolle, pünktlich um 21.00 Uhr begann der finale Akt der EM. Dass kurz vor Ende der regulären Spielzeit ein Flitzer auf den Platz gelangte, geht nur als Fußnote in die Geschichte dieses denkwürdigen Fußball-Abends ein.

Southgate begann wie erwartet erst ohne Jadon Sancho und etwas überraschend mit einer Dreierkette - wie bis dato nur beim 2:0-Erfolg im Achtelfinale gegen Deutschland. Und seine Elf begann furios. Keine zwei Minuten waren gespielt, ein kleiner nervöser Wackler von Harry Maguire vergessen, als Shaw den bislang besten Konter der Three Lions im ganzen Turnier veredelte. Über Kapitän Harry Kane landete der Ball beim einen Außenverteidiger Kieran Trippier, dessen Flanke der andere Außenverteidiger Shaw per sehenswertem Dropkick verwertete.

Southgate ballte kurz die Finger zur Faust und klatschte anerkennend, vergrub dann aber wieder sofort beide Hände mit stoischem Gesichtsausdruck in den Hosentaschen. Sein Kollege Mancini, der der gleichen Startelf wie beim 4:2-Sieg im Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Spanien vertraute, versuchte mit Lorenzo Insigne zu diskutieren. Doch der Angreifer signalisierte, dass er gar nichts hören könne. Überhaupt schienen die Italiener anfangs beeindruckt und eingeschüchtert von der imposanten Kulisse im Fußball-Tempel.

„Macht sie blau“, hatte die „Gazzetta dello Sport“ gefordert. Der verletzte Leonardo Spinazzola war auf Krücken nach London gereist und hatte einen von „La Stampa“ veröffentlichten emotionalen Brief an seine Teamkollegen geschrieben. Doch diese taten sich schwer und fanden kaum ein Mittel gegen die ganz in weiß gekleideten Engländer.

Vor allem Southgates Systemumstellung erwies sich zunächst als genialer Kniff. Die Vorstöße von Shaw und Trippier über außen bekamen die Azzurri nicht unterbunden, weil deren Offensivkräfte Insigne und Federico Chiesa meistens vorne blieben. Allzu viel gelang ihnen dort nicht - bis zur 35. Minute. Chiesa probierte es aus der Distanz, sein Schuss auf dem regennassen Rasen ging aber knapp am Pfosten vorbei.

Am früheren Dortmunder Ciro Immobile hingegen lief das Geschehen bis zu seiner Auswechslung in der 55. Minute weitgehend vorbei. Marco Verrattis Schuss in der Nachspielzeit der ersten Hälfte stellte Englands Torwart Jordan Pickford vor keinerlei Probleme.

„Sie sind bereit. Wir freuen uns auf die Herausforderung“, hatte Southgate vor der Partie der BBC gesagt. Und bereit waren seine Spieler auch sofort nach Wiederanpfiff. „God save the Queen“ sangen die völlig euphorisierten Fans. Raheem Sterling suchte einen Elfmeter, der ihm aber - im Gegensatz zum heftig diskutierten Strafstoß im Halbfinale gegen Dänemark - korrekterweise verwehrt blieb (48.). Die Stimmung auf den Rängen konnte diese Szene nicht trüben. Voller Pathos und Leidenschaft trieben die Fans ihre Elf an, die sich auch über Unterstützung aus Königshaus und Politik freute.

Von Prinz William (39) über Queen Elizabeth (95) bis zu Premierminister Boris Johnson (57) - die ganze Insel wünschte den Three Lions Glück. Der „Daily Star Sunday“ stellte auf seiner Titelseite Kane mit aufgerissenem Mund als römischen Kaiser Cäsar dar. „CAESAR MOMENT“, schrieb das Blatt dazu. Der „Sunday Mirror“ bezog sich ebenfalls auf Top-Stürmer Kane und druckte die Schlagzeile: „WE KANE BE HEROES“ („Wir können Helden sein“).

Mit jeder Minute dieses stimmungsvollen Abends rückte die Heldentat näher, ehe sich die Italiener ihr entgegenstemmten und das Geschehen wendeten. Nach dem Wiederanpfiff stellte Mancini die Offensive um und wurde dafür belohnt. Die Partie blieb temporeich, rasant und voller packender Szenen. Insignes Freistoß ging drüber (51.), Chiesa scheiterte an Pickford (62.). Dann aber schlug der große Moment von Abwehr-Routinier Bonucci. Verrattis Kopfball parierte Pickford noch reaktionsschnell, ehe der 34-Jährige zum verdienten 1:1 abstaubte.

Er ist damit der älteste Spieler, der je in einem EM-Finale getroffen hat. Im Alter von 34 Jahre und 71 Tagen löste er den früheren deutschen Nationalspieler Bernd Hölzenbein ab, der im EM-Finale 1976 gegen die Tschechoslowakei im Alter von 30 Jahren und 103 Tagen erfolgreich war - die DFB-Auswahl verlor damals im Elfmeterschießen. Nach einer torlosen Verlängerung ging es auch diesmal in das Entscheidungsszenario vom Punkt - mit dem Happy End für Italien.

(dpa)