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Der Fußball und die Fans: Von der wachsenden Unlust am Fußball

Der Fußball und die Fans : Von der wachsenden Unlust am Fußball

Am Freitag beginnt die Fußball-Europameisterschaft – und so wenig Vorfreude auf ein Turnier war noch nie. Eine kritische Bestandsaufnahme mit dem Fanforscher Harald Lange.

Irgendetwas stimmt nicht. Ganz und gar nicht. Wie sonst ließe sich erklären, dass das „Kicker“-Sonderheft zur Fußball-Europameisterschaft, die am Freitag beginnt, immer noch nicht auf dem Wohnzimmertisch liegt? Das hat es noch nie gegeben. Und es gibt weitere beunruhigende Warnsignale, die da­rauf hindeuten, dass etwas grundlegend anders ist als sonst.

Während man früher vor internationalen Fußballgroßereignissen den Kader der deutschen Mannschaft inklusive Geburtsdaten und Anzahl der Länderspiele jedes einzelnen Spielers im Schlaf herunterbeten konnte, hat man diesmal schon allergrößte Schwierigkeiten, die Namen der möglichen Startelf zusammenzubekommen. Fußball-Fachgespräche auf den Fluren? Fehlanzeige. Was auch daran liegt, dass es in Zeiten von Corona und Kurzarbeit ohnehin kaum Flurgespräche gibt.

Das Coronavirus allein kann aber nicht der Grund dafür sein, dass so gar keine Vorfreude aufkommen will. Findet sich eigentlich auf den letzten Drücker noch jemand, der ein Tippspiel organisiert? Und gibt es überhaupt ein Panini-Sammelalbum? Fragen über Fragen. Und die entscheidende Frage von allen lautet: Wo ist sie, die Lust auf die Fußball-EM?

Die pure Langeweile

Vorfreude wollte auch bei Prof. Harald Lange nicht aufkommen. Der Mann kennt sich in Sachen Fußball aus und hat am Institut für Sportwissenschaft der Universität Würzburg schwerpunktmäßig das Seelenleben von Fußballfans erforscht. Einem wie Lange, dem der Fußball am Herzen liegt, fällt der Satz nicht leicht. Doch es nutzt ja nichts, die Dinge zu beschönigen: „Die Fußballbegeisterung ist im Keller, nicht nur mit Blick auf diese EM, sondern ganz grundsätzlich.“ Zwar habe man im jüngsten Auf- und Abstiegskampf der Ersten und Zweiten Bundesliga noch einmal eine gewisse Spannung und Emotion verspürt, doch angesichts der Dominanz einiger weniger Vereine herrsche seit Jahren die pure Langeweile.

Der Sportwissenschaftler plädiert dringend für eine Zäsur, für ein finanzielles Fairplay, will heißen, für eine konsequente Gleichverteilung aller Liga-Einnahmen unter sämtlichen Bundesligavereinen. Nur so könne eine Chancengleichheit hergestellt werden, die es längst nicht mehr gebe. „Das macht den Leuten keinen Spaß mehr.“

 Prof. Harald Lange leitet das Institut für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg.
Prof. Harald Lange leitet das Institut für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Foto: Lange

Lange ist skeptisch, dass das System Deutsche Fußball-Liga (DFL) aus sich selbst heraus zu einem Umdenken fähig ist. „In diesem System herrscht eine absolute Überheblichkeit vor. Die zunehmenden Akzeptanzprobleme, die die Menschen mit dem Fußball und seinem überbordenden Kommerz haben, werden nicht mal im Ansatz reflektiert“, sagt der Fanforscher und setzt auf die Macht eben dieser Fans. „Fußball war in den letzten Jahrzehnten eine sichere Gelddruckmaschine. Das Interesse wurde immer größer, die Fernsehgelder wuchsen ebenso wie die Spielergehälter in astronomische Höhen, die kein Mensch mehr nachvollziehen kann. Und mehr und mehr schwindet die Akzeptanz.“

In England hätten die Fans mit ihren Protesten unlängst das System ausgehebelt, als sie gegen die geplante Super League auf die Straßen gezogen seien. „Der Protest hat so schnell gewirkt, weil die Kritik der Fans sofort verstanden wurde. Es hat gesellschaftlich und sportpolitisch einen Konsens gegeben. Und der wurde auch in der Politik aufgegriffen, das ging ja bis hin zum Premierminister, der das Thema zur Chefsache erklärte. Da war auch den Sponsoren klar, dass man sich keinen Millimeter mehr in Richtung Super League bewegen konnte. Letztlich waren es aber die Fans, die dieser schäbigen Sache ein Ende bereitet haben.“

Wenn es früher um Fankultur ging, meint Lange, sei es immer nur um Chaoten und Pyrotechnik in den Stadien gegangen. Doch die Fanszene sei erwachsen geworden und habe sich entschieden verändert. „Es ist eine ernsthafte Debatte über die Sportpolitik des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) daraus hervorgegangen. Die bedingungslose Kommerzialisierung des Profifußballs wird von den Fans nicht mehr hingenommen. Und diese ablehnende Haltung teilt inzwischen ein großer Teil der Gesellschaft. Es gibt bei vielen Menschen eine gleichgültige Haltung gegenüber dem Fußball, die wir so bislang noch nicht kannten.“ Der DFB, ist Lange überzeugt, habe kein Rezept in der Schublade, um diese Stimmung bei den Fans zu drehen.

„Das System schöpft nur ab“

Gerade die deutsche Nationalmannschaft war und ist immer ein guter Indikator für das Verhältnis der Menschen zum Fußball. Seit der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land fühlten sich auch diejenigen zur DFB-Elf hingezogen, die eigentlich gar keine richtigen Fußballfans waren. „Diese WM hat  maßgeblich dazu beigetragen, den Fußball als Thema in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. Doch selbst diejenigen, die nur in zweiter, dritter Ableitung Kontakt zum Fußball haben, haben sehr viele Gründe, den Profifußball nicht mehr so attraktiv zu finden, weil sie merken, dass es in erster Linie nur darum geht, Profit zu machen. Wenn beispielsweise Unsummen bezahlt werden für Spieler, die nur zweit- oder drittklassig sind, ist das für die Menschen nicht mehr nachvollziehbar. Es wird immer offensichtlicher: Das System schöpft nur ab.“

Die Pandemie habe die zunehmende Entfremdung vieler Menschen zum Fußball lediglich verstärkt. „Die Sonderrolle, die dem Profifußball zugebilligt wurde, haben viele doch sehr kritisch gesehen.“

Der Fußball, sagt Lange, sei längst an seine Grenzen gekommen. Immer höher, immer schneller, immer weiter. Nach wie vor fließe viel zu viel Geld in ein System, das langsam, aber sicher ins Stocken gerate. „Jetzt wäre die Zeit für ein Umdenken. Doch das Einzige, was zu einem Umdenken führen könnte, wäre eine wachsende Zurückhaltung bei Sponsoren und Investoren, denen das nachlassende Interesse der Menschen am Profifußball aus nachvollziehbaren Gründen nicht gefallen kann. Nur wenn der Geldfluss versiegt, wird sich etwas ändern. Das ist die einzige Stellgröße.“

Der Anfang vom Ende?

Das Verhältnis der Menschen zu jener Mannschaft, die am kommenden Dienstag im Auftaktspiel gegen Frankreich ins Turniergeschehen eingreift, ist inzwischen von großer Nüchternheit gekennzeichnet. Selbst schuld, ließe sich die kritische Haltung Langes interpretieren. Er wirft dem DFB vor, die Kommerzialisierung der Fans auf die Spitze getrieben zu haben. Was im Vereinsfußball undenkbar wäre, sei beim DFB seit 2014 Programm, als man auf der Höhe des allgemeinen Hypes um die Nationalelf den „Fanclub Nationalmannschaft“ ins Leben gerufen habe. Wenn Lange über das Thema spricht, klingt es, als sei das der Anfang vom Ende gewesen.

Auf der offiziellen Homepage des DFB heißt es: „Der Fanclub Nationalmannschaft wurde 2003 vom DFB und seinem Partner Coca-Cola ins Leben gerufen, um die deutschen Nationalmannschaften bei Länderspielen sicht- und hörbar zu unterstützen. Mit seinen Choreografien sorgt der Fanclub überall für Begeisterung. Mittlerweile hat der Fanclub mehr als 50.000 Mitglieder (...) Sei noch ein bisschen mehr Weltmeister und werde Mitglied im Fanclub Nationalmannschaft!“

Lange: „Wer zahlt, wird Mitglied in einem Club, der quasi als Unterabteilung der DFB-Marketingabteilung fungiert. Man hat allerdings kein Mitspracherecht, wie man das aus anderen Clubs kennt, sondern ist ein Kunde, der abgeschöpft wird und sich die Berichtigung erkauft, Tickets für Länderspiele zu beziehen.“

So sei aus dem Fan ein Kunde geworden, und der verhalte sich nun mal wie ein Kunde. „Seit dem frühen Ausscheiden bei der WM 2018 wenden sich die Kunden ab und suchen sich etwas anderes. Durch einen ,Fanclub Nationalmannschaft’ wird alles Mögliche erreicht, aber keine Bindung.“

Die Talfahrt der Nationalmannschaft seit 2018 drückt sich längst auch in einbrechenden Einschaltquoten und einer stetig sinkenden Nachfrage nach Tickets aus. Länderspiele finden nicht mehr in Dortmund, München oder Hamburg, sondern in Sinsheim statt, da es schlichtweg nicht mehr möglich ist, die großen Stadien zu füllen. „Man geht in die kleinen Stadien, um überhaupt noch so etwas wie Kulisse zu erzeugen. Das ist schon sehr alarmierend“, meint Lange.

Noch viel alarmierender findet er die nach wie vor peinliche Vermarktung der Nationalmannschaft. Das Stichwort laute jetzt „Jogis Jungs“. „Da wird ein unfassbarer Klamauk veranstaltet, man fragt sich, ob die Verantwortlichen überhaupt noch ein Ohr an der Fankultur haben.“

Doch nicht nur der Kommerz führt zu einer zunehmenden Entfremdung. Es scheint, als beförderten bestimmte Verhaltensweisen der Akteure auf dem Platz die zunehmende Unlust. Beispiel 1: Vor jedem ruhenden Ball hebt der ausführende Spieler die Hand in die Höhe. Welches Signal sich hinter dem Handzeichen verbirgt, wissen nur die Spieler selbst. Früher bedeutete Hand hoch lange Ecke, Hand unten kurze Ecke. Und das war’s. Beispiel 2: Kein Kopfballduell, nach dem nicht einer der beiden Spieler (in der Regel eher beide) dem Anschein nach schwer verletzt liegen bleibt. Oft genug zeigt die Superzeitlupe, dass der eine Spieler den anderen gar nicht berührt hat. Hauptsache liegen bleiben. Beispiel 3: Wer auch immer an der Seitenlinie zuletzt den Ball berührt hat – grundsätzlich reklamiert jeder (aber auch jeder Spieler) durch Heben der Hand oder lautstarkes Rufen den Einwurf für sich. „Ich glaube“, sagt Harald Lange, „dass es so etwas immer schon gegeben hat. Es hat bloß zugenommen. Es ist an der Zeit, dass sich die Spieler einer Mannschaft selbst gegenseitig für ihr unsportliches Verhalten kritisieren. Nur dann wird sich das ändern.“

 Es ist inzwischen zur Unsitte im Fußball geworden, aber jeder reklamiert den Ballbesitz wie selbstverständlich für sich.
Es ist inzwischen zur Unsitte im Fußball geworden, aber jeder reklamiert den Ballbesitz wie selbstverständlich für sich. Foto: imago images/Stefan Großmann/Stefan Großmann via www.imago-images.de

Und dann war da noch die Inflation an Trainerwechseln in der abgelaufenen Saison. Lange muss lachen, weil er das, was da passiert ist, tatsächlich nicht mehr ernst nehmen kann. „Das war einfach unglaublich, lächerlich!“ Seine Theorie: Wären Fans im Stadion gewesen, hätte es diese Zahl nicht gegeben. Das hätten sich die Verantwortlichen und die Trainer selbst nicht getraut. „Die Fans sind ein wichtiges Korrektiv. Wenn die mit ihren Pfiffen ihren Unmut bekunden, darf man das nicht unterschätzen. In Zeiten der Geisterspiele fehlte dieses Korrektiv.“

Ob die allgemeine Fußball-Depression zeitnah heilbar ist, vermag Lange nicht zu beurteilen. „Das kann sich auch ganz schnell wieder ändern, zum Beispiel dann, wenn Deutschland Europameister werden sollte. Doch das glaubt kein Mensch.“ Ob ein unerwarteter Erfolg bei der EM überhaupt wünschenswert wäre, ist eine andere Frage. Für Fußballdeutschland wäre ein Titelgewinn vielleicht sogar kontraproduktiv, weil er zwar kurzfristig Balsam für die geschundene Fanseele wäre, die eigentlichen Probleme des Systems aber übertünchen würde.

Es gibt auch positive Signale

Ist denn tatsächlich alles schlecht? Lange winkt entschieden ab. „Es gibt unheimlich viele Clubs, nicht nur aus den Profiligen, sondern auch im Amateurbereich, die wirklich extrem gute Arbeit machen und bei denen man sehen kann, dass es eine gute Einheit zwischen Fans, Mitgliedern, Vereinsführern und Spielern gibt. Um solche Beispiele ist es im deutschen Fußball sehr gut bestellt. Die entscheidende Frage bleibt für diese Vereine allerdings, wie die Rahmenbedingungen sind. Welche Chancen haben solche Vereine, sich im System zu etablieren?“

Auf den DFB setzt Lange keine Hoffnungen: „Die haben in der Chefetage vorwiegend mit sich selbst zu tun. Es ist illusorisch zu glauben, dass gerade von dort ein Fußballkulturprogramm entwickelt wird, das nicht in der Welt als Hochglanzbroschüre verteilt wird, sondern inhaltlich an Reformen orientiert ist.“