Welche Rolle die belgische Provinz bei der WM 2022 spielt: Die KAS Eupen und der Traum Katars

Welche Rolle die belgische Provinz bei der WM 2022 spielt: Die KAS Eupen und der Traum Katars

Am Abend des 19. Novembers weht im Eupener Kehrwegstadion ein eisiger Wind. Zum ersten Mal überhaupt findet in der Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens ein A-Länderspiel statt, Katar gegen Island.

Vier Tore fallen, einen Sieger gibt es nicht. Was für die meisten der 2.300 Zuschauer ein Duell auf eher mäßigem Niveau ist, stellt für Katar die nächste Etappe auf dem Weg zur WM 2022 dar. Die nächsten Meter auf einem Vorbereitungsmarathon, auf dem sich die Katarer zuletzt auch überraschend mit 1:0 gegen die Schweiz durchsetzen konnten. Die Automatismen und Systeme im katarischen Spiel beginnen zu greifen. Langsam zwar, aber es funktioniert.

Die meisten seiner Mitspieler seien noch nie bei solch einer Kälte zum Einsatz gekommen, sagt Akram Afif an diesem Abend in Eupen. Mit seinen 22 Jahren ist er einer, wenn nicht der Hoffnungsträger der katarischen Nationalmannschaft. 2022 soll Afif glänzen, sein Team zu einer erfolgreichen Heim-WM führen und dem Rest der Welt zeigen: Katar kann nicht nur Öl und Gas, sondern inzwischen auch Fußball.

Die KAS und die Wüstenmillionen

Katars Hoffnungsträger: Akram Afif wurde bei der KAS Eupen ausgebildet. Foto: imago/Geisser/MANUEL GEISSER

Dass das Testspiel zwischen Nummer 96 und 36 der Fußball-Weltrangliste ausgerechnet in Eupen – und damit nur einen Steinwurf von Aachen entfernt – stattfand, war kein Zufall – im Gegenteil: Eupen und Katar verbindet seit sechs Jahren mehr als nur ein Länderspiel gegen Island. Im Sommer 2012 wurde die in eine finanzielle Notlage geratene KAS Eupen – das K steht für Königlich – von der Aspire Zone Foundation mit Sitz in Doha übernommen. Der damalige Zweitligist wuchs, spielt inzwischen seine dritte Saison in Folge in der höchsten Liga und gehört zu den größten Arbeitgebern der Region. Dank der Wüstenmillionen waren über Nacht alle Sorgen vom Tisch, die Zukunft des Klubs gesichert – und Eupen plötzlich ein Teil des katarischen Traums von einer erfolgreichen WM im eigenen Land.

Es wurde oft die Frage gestellt, ob die KAS eine Art „Farmteam“ im Herzen Europas ist. Die Antwort muss lauten: nur bedingt. Unzählige Talente fanden seit 2012 über Aspire den Weg nach Eupen. Die meisten stammten aber eben nicht aus Katar, sondern aus Afrika. Sie alle hatten einen ähnlichen Weg hinter sich: Wer die Aspire-Scouts in Afrika überzeugen konnte, erhielt ein mehrjähriges Stipendium, wurde fußballerisch und schulisch ausgebildet. War die Zeit in der Akademie vorüber, kamen die Kicker mit dem größten Talent nach Eupen. Sie alle träumten von einer Zukunft bei einem großen europäischen Verein – und von einer WM in und für Katar?

Im dem kleinen Wüstenstadt am Persischen Golf leben unter den 2,6 Millionen Einwohnern nur 300.000 Katarer. Dass man talentierte Fußballer dort nicht wie Sand am Meer findet, liegt auf der Hand. Das Zauberwort heißt: Naturalisierung. Sie ermöglichte es Katar schon 2015 bei der Handball-WM mit Spielern aus Montenegro, Frankreich oder Kuba die Silbermedaille zu gewinnen. Von Aspire in Afrika entdeckt, in Eupen trainiert und dann für das Land, das ihnen einst die Hand reichte, bei der WM erfolgreich? Die Rechnung klingt einfacht. Aber das ist sie nicht: Im Fußball geht sie nicht auf. Noch nicht. Wer für ein anderes Land als sein Heimatland spielen will, muss – so schreiben es die Regularien des Weltverbandes Fifa vor – mindestens fünf Jahre lang am Stück dort gelebt haben. Wer rechnen kann, weiß: 2017 war Deadline. Bis heute hat kein einziges in Afrika entdecktes Talent für Katar gespielt. Niemand, der in Eupen jubelte, wird 2022 auch in Doha gefeiert.

Warum nimmt das Land also Millionen von Dollar in die Hand, um Spieler zu fördern, die nicht einmal für das Emirat auflaufen können? Es klingt wie ein selbstloses Projekt und wird von den Machern mit Vergnügen auch als solches verkauft. Als Hilfe am Menschen, gefördert von Katar, das zuletzt von der internationalen Organisation Human Right Watch erneut kritisiert wurde. Sicher hat „Aspire Football Dreams“ Effekte wie den, dass zahlreiche Afrikaner und ihre Familien die Chance auf ein deutlich besseres Leben haben. Kritiker und Befürworter geben sich die Klinke in die Hand. Am Ende hat der große Aufwand aber auch ein Ziel: die WM 2022, natürlich.

Denn mit den afrikanischen Spielern kamen auch vereinzelt katarische Kicker an den Eupener Kehrweg. Sie hießen Abdulkarim Fadlalla, Assim Madibo oder eben Akram Afif. Alle sollten sie in Eupen, umgeben von gestandenen Profis wie Peter Hackenberg, der mittlerweile wieder für den Regionalligisten Alemannia Aachen aufläuft, zu besseren Spielern gemacht werden. „Die katarischen Spieler waren alle sehr lernwillig und zielstrebig: Sie wollten die Zeit in Eupen nutzen“, sagt Hackenberg, der 38 Mal für Eupen zum Einsatz kam und im Nationalteam Katars eine „wettbewerbsfähige Mannschaft“ sieht. Davon, dass Spieler wie Afif in vier Jahren abliefern können, ist er überzeugt: „Er ist ein großes Talent und hat alle Voraussetzungen“, sagt Hackenberg. „Wenn er weiterhin eine gute Entwicklung nimmt, kann er bei der WM definitiv glänzen.“

Heute spielen noch neun afrikanische Aspire-Kicker für Eupen, das auch für sie zum Sprungbrett werden soll. Der Plan ging bislang teilweise auf: In den letzten Jahren schafften zwei Talente den Sprung in die große Fußballwelt und spülten viel Geld zurück in die Kasse. So, wie es am Reißbrett vorgezeichnet war. Henry Onyekuru gehört heute dem englischen Klub  FC Everton, der Senegalese Moussa Wague wechselte im Sommer als jüngster WM-Torschütze Afrikas aller Zeiten nach Spanien zum FC Barcelona.

Von katarischen Spielern fehlt fast jede Spur. Sie alle – so auch Afif – schnüren heute wieder für Vereine aus der heimischen Qatar Stars League die Schuhe. Als bessere Spieler, die sie auch an der Seite von afrikanischen Talenten in Eupen wurden. So, wie es am Reißbrett vorgezeichnet war. Nach Ostbelgien werden sie wohl nicht zurückkehren. „Ab dem Moment, in dem sie bessere Spieler werden, kann man sie nicht wieder einfach so aus Katar weggehen lassen: Sie stellen einen Mehrwert für ihre Mannschaft dar“, sagt Claude Makélélé, einst Mittelfeldstar bei Real Madrid, heute Trainer der KAS. Wenn in vier Jahren die WM in Doha startet, weiß auch er: Eupen hat damals irgendwie mitgeholfen, es ist Teil des Traumes, aus dem Katar mit einem erfolgreichen Turnier erwachen will.

2022 will das kleine Emirat dem Rest Welt zeigen: Katar kann auch Fußball.

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