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Hamburg: Zwischen Schema und Kreativität

Hamburg : Zwischen Schema und Kreativität

Von der WM-Euphorie hat Hans-Dieter Flick nicht viel mitbekommen. Damals hatte er gerade bei Casino Salzburg angeheuert. Schon ein paar Wochen später meldete sich der DFB bei ihm. Und seitdem hat die Nationalmannschaft erstmals zwei Trainer an der Spitze, die selbst kein einziges Länderspiel gemacht haben.

Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich vor dem EM-Qualifikationsspiel am Mittwoch in Hamburg gegen die Slowakei (20.30 Uhr) mit dem Tüftler.

Die Wege von Ihnen und Jogi Löw haben sich nie gekreuzt. Wie kam der Kontakt mit dem DFB zustande?

Flick: Wir haben uns zweimal getroffen, als ich noch in Hoffenheim trainierte. Einmal hatte der Mäzen Dietmar Hopp (SAP-Gründer; d. Red.) zu einem Brunch geladen, ein anderes Mal gab es eine Diskussionsrunde, die eine heimische Zeitung veranstaltet hatte, zum Thema Jugendfußball. Da haben wir uns ein bisschen beschnuppert. Wir haben eine deckungsgleiche Philosophie. Und es war sicher ein Vorteil, dass ich konzeptionell gearbeitet habe und seit elf Jahren Teams trainiere.

Das Wort Philosophie taucht in Ihren Ausführungen häufig auf. Was verbirgt sich konkret dahinter?

Flick: Wir spielen ein sehr ballorientiertes 4-4-2-System. In der Offensive wollen wir den Spielern viele Schemen mit auf den Weg geben, ohne dass die Kreativität verloren geht. Es geht um ein schnelles vertikales Spiel nach vorne. Wir wollen mehr agieren als reagieren.

Sie haben damals in Hoffenheim bereits Methoden angewandt, die später erst durch Jürgen Klinsmann berühmt wurden. Sie haben mit Physiotherapeuten und großer medizinischer Betreuung gearbeitet, das Training sehr individualisiert. Wer hat Sie inspiriert?

Flick: Ich bin allgemein sehr offen für Neuigkeiten. Ich habe mich schon früh für die niederländische Fußballschule interessiert. Luis van Gaal und sein Ajax-Stil haben mich geprägt, ich habe alles gelesen und geschaut, was ich darüber erfahren konnte. Aber einfach abkupfern kann man die Ideen oder Methoden nicht, sie müssen auf deine Mannschaft zugeschnitten werden.

Sind Sie nicht angenehm überrascht, dass die Nationalmannschaft eine Saison lang ihr hohes Niveau halten konnte?

Flick: Wir haben Spieler, die sich mit unseren Ideen hundertprozentig identifizieren. Sie fühlen sich hier wohl, sie sind enorm erfolgsorientiert und fokussiert auf ihre Aufgaben. Letztlich ist es auch unsere Aufgabe zu schauen, welcher Spieler passt zu dieser Philosophie, welcher Spieler bringt uns weiter. Deswegen ist jetzt auch ein Piotr Trochowski da, der leider in Hamburg derzeit selten spielt. Wir sind uns hier sicher, dass er mit seinen Qualitäten seinen Weg gehen wird.

Gilt diese Einschätzung auch für Jan Schlaudraff, der in Aachen aussortiert, aber für die Nationalmannschaft berücksichtigt wurde?

Flick: Er ist ein sehr agiler Spieler, der in 1:1-Situationen Lücken in die gegnerische Abwehr schlagen kann. Damit hat er eine Qualität, die nicht so verbreitet ist. Er war die ganze Zeit dabei, deswegen stützen wir ihn auch in einer solchen Phase.

Sie bauen gerade für die wichtigen Nationalmannschaften eine Datenbank auf. Wird die Trainerarbeit zunehmend verwissenschaftlicht? Welche Aspekte werden in der Datenbank berücksichtigt?

Flick: Die Talente in der U15 wurden jetzt getestet, sie wollen wir in den nächsten Jahren kontinuierlich begleiten. Die Tests und Erkenntnisse der Vereine werden berücksichtigt. Unser Sportpsychologe ermittelt, wie Spieler mit Stress umgehen und wie sie auf Fehler reagieren. Dazu kommen unsere subjektiven Beobachtungen. So entsteht ein Profil.

Wenn Sie Sonntagmorgens Ihren ersten Trainer Udo Lattek im Fernsehen dozieren hören, fühlen Sie sich da nicht in ein anderes Jahrhundert versetzt?

Flick: Ich gucke es mir nicht an. Aber auch von Udo Lattek habe ich gelernt. Er hat es verstanden, Spieler größer zu reden und ans Limit zu führen. Diese Gabe hatten nicht viele Trainer damals.

Heute würde man von einem Motivator reden, so wie es auch Jürgen Klinsmann gewesen ist. Im Binnenverhältnis war Jogi Löw sein Taktikflüsterer. Wo definieren Sie sich als Co-Trainer neben ihm?

Flick: Wissen Sie was? Das ist mir nicht wichtig. Ich weiß, was ich zu tun habe. Diese Arbeit füllt mich aus, sie gefällt mir. Der Jogi soll damit zufrieden sein, das ist mein Anspruch. Ich fühle mich sehr wohl in dieser Gruppe, weil Jogi Löw extrem teamfähig ist. Wir besprechen jede Einheit, jede Aufstellung. Ich kann mich einbringen. Wie das in den Medien und der Öffentlichkeit rüberkommt, ist mir egal.